Wir sind ok, Boomer!

Zum Geburtstag habe ich dieses Jahr etwas ganz Besonderes bekommen: Zwei Originalausgaben von Zeitungen meines Geburtstages. Eine Ausgabe ist die New York Times, die andere der „Spiegel“. Falls Sie mich zufällig kennen oder anderweitig etwas über mich wissen, dann ahnen Sie: Die beiden Blätter sind verdammt alt. Um genau zu sein: 55 Jahre. Das ist über ein halbes Jahrhundert.

Wir Ältere wundern uns bei solchen Zahlen bestenfalls darüber, wie schnell die Zeit vergeht. Für Jüngere ist es unvorstellbar, wie man so alt werden kann. Und dass es die Zeiten, in denen wir geboren wurden, tatsächlich mal gegeben hat. Ich für meinen Teil gehöre unbestreitbar zu den Generation der Babyboomer. Wenn man das heute diesen Begriff für sich verwendet, könnte man genauso gut zugeben, zum Abendessen am liebsten Meerschweinchen zu verdrücken. Viel schlimmer als Boomer geht heute nicht mehr.

Und dann habe ich mich als durchgeblättert die Hefte. Hab gestört in Namen, die ich selbst nur noch aus dem Geschichtsunterricht kenne. Mich durch abenteuerliche Layouts in schwarz-weiß gewühlt. Und bin auf Werbungen gestoßen, die mehr als alles andere ein lang versunkenes Lebensgefühl widerspiegeln. Schwer zu beschreiben mit wenigen Worten, aber es hatte viel mit Zigaretten zu tun.

Bei den Zigaretten – ab und an schrieb man damals auch „Cigaretten“, das sollte wohl edler wirken – bin ich dann auf dieses Prachtexemplar hier gestoßen:

Vermutlich war das das prägende Merkmal dieser Zeit, unserer Zeit: raus in die große weite Welt, weg vom piefigen, regnerischen, grauen und kalten Deutschland. Musste ja nicht für immer sein und auch nicht sonderlich abenteuerlich. Große, weite Welt, das bedeutete für unsere Eltern und oft genug für uns: Adria. Oder, wenn es denn mal mit dem Flugzeug richtig weit weggehen sollte: Mallorca, bei dem damals nie jemand auf die Idee gekommen wäre, es „Malle“ zu nennen. Oder mal eben über das Wochenende zum Golfen oder auch nur zum Saufen dorthin zu fliegen. Schon alleine deswegen nicht, weil das Fliegen damals einen großen bürokratischen Akt mit viel Papier erforderte. Und teuer war’s zudem.

Aus heutiger Sicht eine noch absurdere Idee als damals schon: Der Gestank einer giftigen Zigarette als „Duft der großen, weiten Welt“. Darüber schüttelt man heute zurecht den Kopf. Damals, da bin ich mir sicher, sind eine Menge Leute darauf angesprungen: Rauchen ist cool und Peter Stuyvesant klingt irgendwie weltmännisch.

Aber Moment, Fliegen – da war doch was. Das ist diese Geschichte, für die man sich heute unbedingt schämen sollte. Fliegen ist indiskutabel, umweltzerstörend, der Inbegriff der Ignoranz, mit der wir Boomer die Welt in eine unrettbare Situation gebracht haben.

Und plötzlich merkst du: Weil du ein bestimmtes Alter erreicht hast, nehmen dich die Generationen nach dir nur noch eingeschränkt für voll.

Man versteht bei dem Thema ganz gut, warum wir Boomer vermeintlich so aus der Zeit gefallen sein sollen: Wenn man sein ganzes Leben mit bestimmten Vorstellungen, Werten und Ideen verbracht hat, dann ist es nicht so ganz einfach, das alles mal eben wieder über Bord zu werfen. Schade, dass ich vermutlich nicht mehr miterleben werde, wie die Fridays-for-Future-Generation irgendwann sich selbst zugestehen muss, dass sie von ihren Kindern und Enkeln nicht mehr für ganz voll genommen wird. Das allerdings ist unausweichlich, weil es sich dabei um das gnadenlose Schicksal jeder Generation handelt. Irgendwann ist sie aus der Zeit gefallen oder zum vermeintlich lässigen Accessoire verkommen. Fragen Sie mal die Punks aus der Hoch-Zeit der Bewegung Ende der 70er. Punk-Motive auf H&M-Shirts zu sehen, das hätten die sich nicht träumen lassen. War ja auch nicht die Idee, damals.

Reisen also, das Gefühl der großen, weite Welt. Die war für uns tatsächlich noch groß und weit. Weil Fliegen damals zwar nicht als Menschheitsbedrohung wahrgenommen wurde, dennoch aber erstens sauteuer und zweitens komplex zu organisieren war.

Bis in die 80er hinein hatte jeder, der fliegen wollte, einen halben Aktenordner an Unterlagen dabei. Dessen Zusammensetzung verstanden nur die Menschen am Check-in und man selber war froh, wenn man unbeschadet rein und wieder raus kam. Boarding-Pässe online, buchen in einer App und Flüge für 50 Euro nach Malle? Undenkbar. Wer flog, hatte es geschafft.

Aus dem ehemaligen Statussymbol Fliegen ist eine erstklassige Peinlichkeit geworden

Dass es weder der Umwelt noch dem Ambiente des Fliegen guttut, dass man heute für alberne Beträge in Minutenschnelle buchen kann, ist dann wieder ganz etwas anderes. Für uns böse Boomer war Fliegen lange Zeit nicht weniger als das: ein Statussymbol. Zeiten ändern sich, heute steht Fliegen für alles, was schlecht ist in der Welt, einschließlich für uns, schon klar.

Wie schnell kann man sich auf neue Zeiten einstellen und wie lange dauert es, bis man als aus der Zeit gefallen gilt? Die Antwort auf diese Frage hat ganz mit der eigenen Perspektive zu tun. Bist du selber jung, was wir Boomer ja auch mal waren, obwohl sich das keiner so recht vorstellen kann, wundert man sich über die Alten: einfach nicht verstanden, wie die Welt tickt, klammern sich an frühere Konventionen, blockieren den Weg in eine bessere Zukunft. Keine Sorge, Snowflakes, das haben wir auch mal gedacht. So wie die Generation vor uns und da wiederum die Generation vor denen. Es ist also keineswegs eure wahnsinnig schlaue und neue Erkenntnis, wenn ihr denkt, dass Menschen, die ein paar Jahrzehnte älter sind als ihr, irgendwie anders und konservativer sind. Das denken wir alle, wenn wir jung sind.

Wenn du dich mit 50 aufführst wie mit 30, wird es schnell mal albern

Umgekehrt kann man sich als junger Hüpfer nur schwer vorstellen, jemals so zu werden wie die eigenen Eltern oder womöglich sogar die Großeltern. Was die alles verbockt haben, macht man selber irgendwann besser. Logisch, weil: Hat man ja gesehen, was rauskommt, wenn man die Alten machen lässt. Dass man dann früher oder später plötzlich aus dem Sturm&Drang jüngerer Jahre herausfällt, dass man Dinge gerne mal so belässt, wie sie sind und man umgekehrt anfängt, von 20-jährigen genervt zu sein – jeder heute 20jährige, dem man das heute prophezeit, wird entrüstet den Kopf schütteln. Aber auch hier gilt: Haben wir alle gemacht, passiert euch irgendwann genauso.

Was im Übrigen nicht verkehrt ist. Wer sich als Mann (oder Frau) im gesetzteren Alter immer noch anzieht und aufführt und womöglich sogar denkt wie ein Mittzwanziger, der hat erstens nichts begriffen und ist zweitens auf dem besten Weg, sich ein bisschen lächerlich zu machen.

Alles ganz normal also? Ein bisschen Generationen-Konflikt, mehr nicht? Vermutlich ja. Gemessen daran, was die Generation meiner Eltern an potenziellen Konflikten vorfand, ist das Ok-Boomer-Gerede von heute müdes Geschwätz. Unsere Eltern nämlich hatten sich mit der Frage zu beschäftigen, wie es zum größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte kommen konnte. Und viele mussten feststellen: Auch meine eigene Familie hängt da mit drin. Hätte diese Generation von gestohlenen Kindheiten gesprochen, man hätte es verstehen müssen. Dagegen wirkt das wohlfeile Zeug der Wohlstandsjünglinge von heute und ihr notorisches Genöle in Richtung Boomer-Generation ein wenig beliebig.

Schon Achtjährige werden zur Projektionsfläche

Neu ist auch, dass unsere eigene Generation offenbar der festen Überzeugung ist, dass unsere Kinder die Welt retten, die von uns an den Abgrund gebracht wurde. Während sie sich selbst geißeln, erzählen sie dann von ihren Achtjährigen, die sorgenvoll an mehr Klimaschutz und an den Weltfrieden denken. Beide habe ich schon gelesen, in allergrößter Ernsthaftigkeit vorgetragen: Mein Kind sorgt sich um den Weltfrieden und den Klimaschutz. Die Kinder solcher wahnwitziger Eltern tun mir regelmäßig leid. Auf der anderen Seite erklärt das ein bisschen, warum inzwischen auch gestandene Erwachsene einer 17-jährige aufbürden wollen, den ganzen Planeten retten zu müssen. So viel Projektionsfläche für irgendwas ist nicht mal der Papst.

Warum diese vielen Worte, ausgehend von einer Geschichte über zwei alte Zeitungen, die ich zum Geburtstag bekommen habe? Weil ich mich ein Jahr lang durchblättern möchte. Durch Anzeigen, Geschichten, alte Videos. Und anhand ihrer Geschichten erzählen. Über uns Boomer. Warum wir so sind wie wir sind. Und warum das gar nicht so schlimm ist, wie man neuerdings immer hört.

Mehr dann ab sofort an dieser Stelle.

Denken Sie doch, was Sie wollen

Hätte man mich früher gefragt, woran man es merkt, alt zu werden, ich hätte etwas in dieser Richtung geantwortet: Man wird mit allem ein bisschen langsamer, es zwickt überall ein wenig. Vielleicht wird man auch ruhiger, gesetzter. Man rebelliert nicht mehr gegen alles und man sagt Dinge, von denen man nie geglaubt hätte, sie jemals zu sagen.

Heute würde ich antworten: Man merkt es daran, momentan für alles verantwortlich gemacht zu werden und am beklagenswerten Zustand der Welt alleinschuldig zu sein. Weil man drei grässliche Dinge in sich vereint: Man ist alt, weiß und männlich.

Mit diesen Schlagworten stirbt jede Diskussion und man selbst gleich auch noch ein bisschen. Weiße alte Männer sind toxisch, privilegiert, zerstören die Welt, belästigen Frauen, sind der lebende Klimawandel und alle anderen Übel der Erde dazu. Deshalb haben sie im Umgang nur noch wenige Möglichkeiten: Entweder sie entschuldigen sich im Voraus für alles, vor allem ihre Existenz, geben Feministinnen, Fridays for Future und allen Spiegel-Online-Kolumnisten per se mit allem recht, nicht ohne zu betonen, wie sehr sie sich für die anderen alten, weißen Männer schämen.

Alte weiße Männer (Symbolbild).

Oder…ja, was eigentlich: oder? Selbstverteidigung oder Debatten nutzen nix, weil siehe oben: Alter, weißer Mann. Mit so was redet man nicht, außer man wirft ihm ein „Ok, Boomer“ entgegen. „Ok, Boomer“, das heißt vorsichtig übersetzt: Halt die Klappe, Opa. Vermutlich kommen sich Menschen, die sowas sagen, ganz besonders cool und ein kleines bisschen anarchistisch vor. Ich stelle mir gerade vor, was wohl los wäre, man würde so einem Mittelstands-Bürschchen ein „Halt die Klappe, Snowflake“ hinwerfen. Die Kolumnen entrüsteter Autoren über die unerträgliche Ignoranz alter Männer würden sich beinahe wie von selber schreiben.

Dieses „Ok, Boomer“ in seiner ganzen Rotznasigkeit ließe sich wunderbar ignorieren oder wenigstens mit einem „Dig deeper, Watson“ beantworten. Das reicht eigentlich. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob die gegenseitigen Aufforderungen, einfach die Klappe zu halten, auf Dauer sehr zielführend sind. Vermutlich eher nicht. Auf der anderen Seite, wer braucht schon zielführende Ideen, wenn er sich bei Twitter auskotzen kann? Oder, noch schlimmer: In einer Kolumne.

Auf der anderen Seite: Immer wenn ich dieses „Ok, Boomer“ höre, juckt es mich in den Fingern, den wohlstandsverwahrlosten Mittelstandskindern oder den Millenial-Snowflakes ein paar Sachen zu erzählen. Also, Kinder, dann passt auf, falls eure Aufmerksamkeitsspanne so weit reicht.

Ihr findet also „Ok, Boomer“ cool? So witzig und geistreich, dass ihr daraus ein Meme macht?

Ihr seht es mir nach, wenn ich das weder originell noch übermäßig mutig finde. Ich komme, wie ihr wissen müsst, aus einer Zeit, in der es noch nicht als Ausbund von Engagement und Risikofreude galt, wenn man freitags die Schule schwänzte. Ich erinnere mich steineschmeißende Leute, die später Außenminister wurden und an solche, die am Bauzaun von Wackersdorf mal die geballte Macht des Staats zu spüren bekamen. Nicht falsch verstehen, Kinder, ich glaube nicht, dass Steineschmeißen und andere gewaltsame Aktionen irgendwas Gutes bewirken.

Was ich sagen will: Es ist jetzt wirklich nicht so, dass ihr das Engagement für oder gegen irgendwas erfunden habt, das konnten wir alten weißen Männer vor Jahrzehnten auch schon ganz gut. Und stellt euch vor, für die Veranstaltungen dort musste man weder 30 Euro Eintritt zahlen noch haben wir fürs Fehlen in der Schule oder sonstwo Entschuldigungen von unseren Eltern gefordert. Oder hinterher gejammert, dass es für unser Handeln Konsequenzen gab.

Es ist ohnehin ziemlich einfach geworden, auf uns alte, weiße Männer einzuschlagen. Es ist genau genommen der billigste Triumph, den man bekommen man. Alte, weiße Männer, der geht immer. Erkennt man auch daran, dass selbst viele der Betroffenen sich in den Staub werfen: Wir haben versagt, alles falsch gemacht, gut, dass jetzt die neuen Zeiten kommen (das haben sie sich ja inzwischen sogar schon bei der scheintoten SPD auf die Fahnen geschrieben).

Überhaupt, die einfachen Lösungen und die Klischees. Und die Verkrampftheit unserer Tage, bei man mit etwas guten Willen sofort alles als sexitisch, rassistisch oder sonstwie als in toto inakzeptabel bezeichnen kann. Unlängst beispielsweise habe ich einen einigermaßen empörterten Text darüber gelesen, wie sexistisch es von der Deutschen Bahn sei, bei den Sicherheitsfragen beim Einloggen ins Netz „Wie ist der Geburtsname Ihrer Mutter“ anzubieten. Ich habe keine Ahnung, wie man auf die Idee kommt, dass es sich dabei um Sexismus handelt. Aber selbst wenn man das für sexistisch hält: Was spricht dagegen, dann halt einfach eine andere Sicherheitsfrage auszuwählen und nicht der Welt mit länglich-krampfigen Ausführungen auf die Nerven zu gehen?

Das Schlimme an heutigen Zeiten, nebenbei bemerkt: Man fühlt sich sofort versucht, sich zu rechtfertigen. Also Leute, nee, ich bin kein Nazi, habe mit der AfD nix zu schaffen und trage keinen Aluhut. Ich bin lediglich Verfechter von radikaler Gelassenheit und von Extrem-Toleranz. Die Grenze ist das Grundgesetz, fertig. In dessen Rahmen darf meinetwegen jeder glauben und auch sagen, was er will. Wer das nicht aushalten kann, ist das Problem.

Hat dann dieses verfluchte Älterwerden gar keinen Vorteil, außer, dass man in ein paar Jahren bei der Bahn Senioren-Vergünstigungen bekommt? Doch, es gibt solche Vorteile. Der größte davon: Die Freiheit, selbst zu denken, egal, was jemand darüber denken könnte, wächst von Tag zu Tag.

Und wer das nicht nutzt, ist selber schuld.

Warum die prügelnde Schwester Luise heute Journalistin wäre

Meine erste Kindergärtnerin hieß Schwester Luise. Sie zeichnete sich durch eine unerbittliche Unbedingtheit aus, setzte ihre Auffassung schon mal durch, indem es etwas hinter die Löffel gab und hatte alles in allem, als sie vor rund 50 Jahren ihr Unwesen trieb, keinerlei Zweifel an der Richtigkeit ihres Handelns. Schwester Luise war eine Autorität kraft ihres Namens (Schwester! Luise!), ihres Aussehens (streng!) und ihrer Position (Chefin des Kindergartens!). Bei so viel moralischer und amtlicher Überlegenheit zweifelte niemand daran, ob es in Ordnung, was die Frau da trieb. Aber wie gesagt, das ist 50 Jahre her und damals herrschte weitgehend die Überzeugung, es schade Kindern nicht, wenn es mal was auf den Hintern gibt.

Von Schwester Luise zu den moralischen Autoritäten heutiger Tage ist es ein weiter Weg. Eines aber haben sie auch nach einem halben Jahrhundert gemeinsam: Man muss sie nicht mögen. Weil sie meistens so etwas Herablassendes an sich haben und dir das Gefühl verpassen, mindestens ein bisschen minderwertig zu sein. Das findet niemand schön, nicht mal dann, wenn die Autorität vielleicht sogar recht hat.

Schwester Luise würde heute auch nicht mehr Kindergärtnerin werden (und wenn doch, würde sie wahrscheinlich darauf bestehen, dass Kinder in genderneutralen Kostümen zum Kindergarten-Fasching erscheinen). Viel eher wäre sie JournalistIn (ersetze auch durch Journalist*in, Journaltistex, Journalist-In). Als solche würde sie Texte schreiben wie den, den ich vor kurzem in einer einigermaßen hoch angesehen Wochenzeitung entdeckt habe. Er ging, ich beschreibe das aus Gründen des Personenschutzes absichtlich so vage, um die beliebten Themen unserer Zeit, die mit der moralischen Fallhöhe halt. Eines dieser Themen, bei der man sich grundsätzlich zwar schnell einig wird, dass man „sowas“ nicht macht, die Frage aber offen ist, wo „sowas“ überhaupt beginnt.

Diese Debatten haben gemeinsam, dass sie schnell ins Absurde geraten (siehe auch: nicht-diskrimierende Kindergarten-Kostüme). Und dass sie kaum mehr konsensfähig sind. Entweder du bist Schwester Luise. Oder ein ignoranter Halbnazi. Schwester Luise und ignorante Halbnazis mögen sich nicht.

Aber zurück zum eigentlichen Text, der alles hatte, was die Schwester-Luise-Journalisten der Neuzeit gerne demonstrieren: Die Geschichte strotzte vor Dünkel, warf mit Fremdwörtern (Distinktion durch Absetzung!) nur so um sich und war alles in allem bewusst so gehalten, dass man sie nur bei intellektueller Gleichwertigkeit und Zugehörigkeit zum selben ideologischen Stamm halbwegs verstehen konnte. Ich gebe zu: Wirklich kapiert habe ich sie nicht.

Selbst aber dann, wenn man sie inhaltlich nicht ganz verstand, ließ sie keinen Zweifel offen: Schwester Luise hat recht und wer das bezweifelt, hat die ganze Sache einfach nicht begriffen. Punkt, Ende der Debatte.

In solchen Fällen geht es dann gar nicht mehr ums Thema. Sondern ums Rechthaben. Und der Demonstration der eigenen moralischen und intellektuellen Überlegenheit. So was ruft naturgemäß nicht nur freundliche Reaktionen hervor. Es soll sogar Leute geben, die sich davon abgestoßen fühlen, wenn jemand derart dünkelig daherkommt. Das ist dann nicht nur eine Frage der politischen Positionen, sondern eine Art Trotz. Jan Fleischhauer beispielsweise oder Ulf Poschardt, die stehen beide bestimmt nicht auf der linksgrünen Seite, treiben dich aber beide schon alleine wegen der bewusst schnöseligen Art in den Wahnsinn. Man möchte am liebsten aus purem Trotz genau anderer Meinung sein. Selbst dann, wenn man zähneknirschend feststellen muss, dass die Schnösel in der Sache gar nicht so falsch liegen.

Unser Autor jedenfalls, um den es die ganze Zeit geht, macht nach Veröffentlichung seines neuesten Werks immer das Gleiche: Er veröffentlicht Screenshots der übelsten Leserbeschimpfungen mit dem sinngemäßen Kommentar: Ach, schaut mal, wie mich die Dummerchen aus der anderen Ecke wieder angehen. Das ruft dann die Anhänger unserer Schwester Luise auf den Plan. Gemeinsam amüsiert man sich über die anderen, die einfach zu doof und ignorant sind, Schwester Luise bei ihren Ausführungen folgen zu können.

Und ich glaube, sie fühlen sich dann richtig dabei.

Hinterher beklagt man sich dann über den Zerfall der Debattenkultur in Deutschland und darüber, dass die anderen so ignorant sind.

Dass übrigens haben sie gemein mit Schwester Luise: Wenn die jemanden was hinter die Löffel gab, kam ebenfalls immer der Hinweis, der andere habe ja förmlich um die Watschn gebeten.

(Am Rande ein kleiner Buchtipp: „Diese verdammten liberalen Eliten – wer sie sind und warum wir sie brauchen“ heißt ein wunderbar erhellendes, witziges und spannendes Buch von Carlo Strenger. Ich habe es verschlungen und an vielen Stellen Menschen aus meinem beruflichen und privaten Umfeld vor Augen gehabt. Manchmal sogar mich selbst.)

USA-Tagebuch (3): Dorian – oder: Im Auge des Sturms

In Deutschland liest man Geschichten von Hurrikanen in den USA meistens mit einem wohligen Schauern. Das hat damit zu tun, dass Politiker hier zu viel markigeren Worten greifen, als es Frau Merkel oder Herr Scholz jemals täten. Hier ist ein Sturm schnell ein Monster und Statements werden schon mal mit dem Satz beendet: Gott schütze alle, die es nicht mehr rechtzeitig raus geschafft haben.

Aktuelle Wetterlage im Katastrophengebiet: weitgehend sonnig. Ok, das kann sich noch ändern in den nächsten Tagen.

Wir haben es diesmal nicht mehr raus geschafft. Im Gegensatz zu 2017, da wurde unsere Unterkunft evakuiert. Von dem Hurrikan „Irma“ haben wir damals nur mitbekommen, dass er uns quasi immer gefolgt ist. Eingeholt hat er uns nicht, wir sahen nur ein paar dunkle Wolken im Rückspiegel und aus dem Fenster des Flugzeugs, das uns aus Florida rausgebracht hat.

Eine Evakuierung würde diesmal keinen Sinn haben. Bisher weiß man nur, dass „Dorian“ irgendwo an der Ostküste auf Land treffen wird. In Frage kommt ein Streifen, der fast so groß ist wie Deutschland. Davon abgesehen gibt es auch einige Meteorologen, die meinen, der Sturm pralle gar nicht an der Küste richtig auf Land, sondern entfalte seine ganze Kraft erst im Landesinneren. Gerade kam eine Breaking News, der Sturm drehe nach Norden Richtung Georgia ab. Potentiell, das lesen wir auch gerade, gebe es drei Möglichkeiten. Aus Kapazitätsgründen will ich sie nicht alle schildern. Sie laufen zusammengefasst auf eines raus: Man weiß ungefähr gar nichts.

Wie dem auch sei: Wir sitzen jetzt hier in Miami und erleben zum ersten Mal live mit, wie es so ist, wenn sich eine ganze Region, ein ganzes Land auf den Hurrikan vorbereitet.

Weil wir brave Deutsche sind, haben wir eingekauft. Möglicherweise ein bisschen zuviel.

Der ist erstmal nach wie vor ein abstraktes Konstrukt, weil er ja noch gar nicht da ist. Deswegen pendelt das Leben hier zwischen Business as usual und vorbereiten auf den Weltuntergang. Letzterer wird tendenziell eher von (sorry, Kollegen!) Medien betrieben als von der Wirklichkeit. Immer, wenn es in den USA zu Sturmwarnungen kommt, wird eine zuverlässig funktionierende Maschinerie angeworfen. Innerhalb von ein paar Tagen heißt es dann, man werde dem Erdboden gleich gemacht. Kein Wunder, dass viele Amerikaner diese Warnungen nicht mehr so ernst nehmen wie sie es vielleicht doch tun sollten.

Geht man jedenfalls an diesem Wochenende durch Miami, dann spürt man eine Gelassenheit, die zum einen mit amerikanischer Lässigkeit auf der einen und den Erfahrungen mit den Stürmen auf der anderen Seite. Nicht umsonst spricht man hier von der „Hurrican Season“. Kommt immer wieder, so wie Weihnachten und Ostern. Manchmal stärker, manchmal weniger.

Trotzdem ist es interessant, so was mal mitzunehmen. Weil so ein Hurrikan trotz alledem natürlich immer noch ein potenziell lebensbedrohliches Schauspiel ist. Das aus Naturgewalten besteht, die man sich bei uns kaum vorstellen kann. Nächstes Mal, wenn Bild & Nörgel-Bürger wieder etwas von Hitze, Regen oder Schnee in Deutschland erzählen und jammern, wie furchtbar alles ist, werde ich dran denken.

Und jetzt wieder zurück in die Küche. Ich vermute, wir braven Deutschen haben viel zu viele Vorräte für den anstehenden Überlebenskampf eingekauft. Ein paar davon können weg.

USA-Tagebuch 2019 (2): Das war meine Rettung

Bei den Kollegen vom „Zeit Magazin“ gibt es eine schöne Rubrik: Unter dem Titel „Das war meine Rettung“ beschreiben Menschen Dinge und Ereignisse, die ihr Leben zum Positiven beeinflusst haben (der Begriff „Rettung“ ist deshalb leicht alarmistisch). In meinem Fall war es der 50. Geburtstag. Oder zumindest: beinahe.

Nein, noch genauer gesagt hatte der 50. Geburtstag nicht wirklich was mit den darauffolgenden Ereignissen zu tun, es war eher Zufall, dass sie sich um diesen Zeitraum herum abspielten (oder vielleicht auch nicht, wer weiß das schon). Man muss dazu wissen, dass es kaum ein dummeres Gefühl gibt als 50 zu werden, allen Ratgebern und Lifestyle-Magazinen und beschönigenden Begriffen von „Best Agern“ zum Trotz. 50, das wird bestenfalls noch getoppt von 60, 70 oder 80. Ab dem 90. findet man das Älterwerden vermutlich schon wieder lustig, weil es interessant sein dürfte zu beobachten, wie man in diesem Alter jeden einzelnen Tag überlebt.

Was wirklich zählt, Edition 2019. (Foto: Christian Jakubetz)

Aber zurück zum 50. Wenn man ehrlich zu sich selbst ist und das übliche Wandkalender-Motivationssprüche-Gesäusel außen vorlässt, muss man mindestens feststellen, dass der Lack an einigen Stellen ganz schön ab ist und dass man das eine oder andere, was man in den Jahrzehnten zuvor vermurkst hat, nicht mehr rückgängig machen kann, selbst wenn man es sich noch so sehr wünschen würde. Erschwerend kommt hinzu, dass kosmetische Veränderungen an einem selbst plötzlich albern wirken. Klamotten wirken deplatziert und dass man sich die Haare färbt oder anderen Quatsch macht, verbietet sich in vielen Fällen ohnehin von selbst, mit Erreichen des 50. aber ganz sicher. Wenn man also nicht gerade mit einer ordentlichen Portion Dauer-Optimismus gesegnet ist, dann kann der 50. Geburtstag ein trostloser Tag sein. Muss ja nicht gleich so sein wie der 50. von Walther White (die Breaking-Bad-Fans wissen, was ich meine).


Die Rettung? Mit der bin ich heute verheiratet.

Seitdem dämmern mir ein paar Sachen, die mir vielleicht schon vorher hätten dämmern sollen, die aber spätestens als (inzwischen) Mittfünfziger in den persönlichen Wissenskanon gehören sollten.

Erstens: Du bist nichts Besonderes. Man glaubt das vielleicht mal eine Zeitlang. Vor allem dann, wenn man in der tendenziell etwas zu selbstverliebten Medienbranche unterwegs ist, wo man sich bei Instagram, Facebook, Twitter und all den anderen dauernd zur Schau stellt und das als „Selbstmarketing“ bezeichnen kann. Dabei erhöht jedes Like unter einem Selfie, einem Beitrag, einem Video die Wahrscheinlichkeit, dass du denkst, etwas Besonderes zu sein. Ok, nur ein bisschen was Besonderes. Weil du mehr Follower hast als andere oder weil schon mal irgendein Mediendienst irgendeinen mittelschlauen Satz von dir zitiert hat. Vergiss es trotzdem. Das Zitat bleibt auch nach längerer Betrachtung mittelschlau und der Mediendienst zitiert nach dir jeden Tag weitere mittelschlaue Sachen von Menschen, die sich für etwas Besonderes halten. Davon abgesehen ist der Mediendienst selbst auch nur mittelschlau und ob sich außerhalb deiner Filterbase…vergiss es also, du bist nichts Besonderes.

Zweitens, und mit Punkt 1 akut zusammenhängend: Dein Job ist das Unwichtigste was es gibt. Prima, wenn er dir Spaß macht und wenn du damit auch noch so viel Geld verdienst, dass du das, was du gerne tun möchtest, auch tun kannst. Trotzdem war meine Rettung meine Frau und nicht mein Job. Meine Frau würde sich übrigens von Jobs nie beeindrucken lassen und durch Geld auch nicht. Man kann die Bedeutung des Jobs auch mit einer simplen rhetorischen Frage einordnen: Wenn ich mich entscheiden müsste zwischen meiner Frau und meinem Job…siehste? Schon ist der Job nicht mehr ganz so bedeutsam.

Davon abgesehen, dass es in der Job-Welt so unangenehme Erscheinungen gibt, dass man froh ist, eine Zeit nichts davon zu hören. In meiner Branche beispielsweise, ich erwähnte es, gibt es eine verblüffend hohe Zahl von Narzissten, die man wirklich so bezeichnend darf, selbst eingedenk der Tatsache, dass man mit diesem Begriff heutzutage etwas arg wahllos um sich schmeißt. Wenn die Definition von Narzissmus die ist, dass solche Menschen dauernde Aufmerksamkeit brauchen, sich generell nicht für andere interessieren und dabei andauernd gekränkt bis beleidigt sind, dann fallen mir auf den Schlag Dutzende ein, auf die diese Bezeichnung zutrifft. Da sind durchaus bekannte Namen dabei, die bei Twitter ellenlange Listen mit Leuten haben, die sie blockieren. Da sind sich selbst Menschen wie Sascha Lobo und Don Alphonso, die sich ansonsten leidenschaftlich verabscheuen, sehr ähnlich.

Drittens: Das allermeiste von dem, was täglich passiert, ist unwichtig und morgen schon wieder vergessen. Konzentrier dich also darauf, was dir wirklich wichtig ist und vergiss den ganzen anderen Kram. Kostet Zeit, Nerven, Lebensqualität. Ich weiß, dass speziell diesem Punkt etwas Kalenderspruch-Verdacht anhaftet. Aber manchmal sind die ganz banalen Dinge zwar banal, aber trotzdem nicht verkehrt.

Das alles hier steht unter der Überschrift „USA-Tagebuch“ und natürlich darf man sich wundern, was solche eher prinzipielle Ergüsse mit den USA zu tun haben sollen. Haben sie natürlich nur am Rande; vielleicht deswegen, weil das amerikanische Lebensgefühl dann doch etwas lässiger ist als unser eigenes. Und auch deswegen, weil man sich ab und an mal etwas rausnehmen kann, um aus der Distanz auf die Dinge zu schauen. Da wirken sie dann gleich sehr viel kleiner und unbedeutender als im Alltag.

Was schließlich zum vierten und letzten Punkt führt, der mir gedämmert und mich gerettet hat: Am Ende ist alles deine Verantwortung. Hat nix mit Schuld zu tun, das ist etwas anderes. Aber Verantwortung trägst du am Ende für jeden kleinen Blödsinn, der am Tag passiert.

Sogar dafür, dass du jetzt rausgehst und aus dem Tag irgendwas machst. Idealerweise etwas, was dir gefällt.

USA-Tagebuch 2019 (1): Rami, der glückliche Mann

Rami habe ich am Frühstücksbuffett im Hotel im tiefen Süden der USA getroffen und eigentlich weiß ich so gut wie nichts über ihn. Das wenige, was ich weiß, verdient die Bezeichnung Wissen nicht. Weil ich mir nur einbilde, es müsste so sein, aber vielleicht ist es ja auch ganz anders.

Rami jedenfalls ist einer von Abertausenden, wie man sie in den USA täglich trifft. Offensichtlich einer mit Migrationshintergrund, wie wir in Deutschland so schön sagen. Sein Englisch ist sehr ok, was in den USA gar nicht so selbstverständlich ist. Ich treffe hier regelmäßig auf Menschen, bei denen ich kein Wort verstehe. Ein Taxifahrer beispielsweise hat mir gestern seine Sichtweise auf den Fußball erklärt. Außer den Begriffen „Soccer“, „Bayern“ und „Seven One“ (er meinte das 7:1 der Deutschen gegen Brasilien) habe ich exakt nichts verstanden. Das ist hier immer so. Eine Bekannte aus den USA hat mir vor ein paar Monaten gesagt, mein Englisch sei besser als das der meisten hier lebenden Menschen. Anfangs habe ich das für eine der typischen amerikanischen Schmeicheleien gehalten, die meistens hoffnungslos übertrieben sind. Inzwischen glaube ich, dass zumindest einen Funken Wahrheit darin stecken könnte.

Frühstück von und mit Rami.

Aber zurück zu Rami, den sehr gut Englisch sprechenden Mann aus dem an unser Hotel angeschlossenen Diner. Mindestens so gut wie sein Englisch ist seine Laune. Rami lacht, ist zu jedem freundlich und arbeitet mit einer solchen Begeisterung, dass man meinen könnte, es gäbe keine befriedigendere Arbeit als in der Frühschicht eines amerikanischen Diner. Selbst für amerikanische Verhältnisse ist sein Service außergewöhnlich. Was das bedeutet ahnt jeder, der jemals in den USA war und ansonsten tägliches Opfer der deutschen Vorstellung von Service wird.

Ich vermute, dass Rami ein sehr solides Leben irgendwo in einem Suburb im Großraum Miami führen wird. Rami trägt einen Ehering und ist – zumindest in meiner ausschweifenden Fantasie – glücklicher Familienvater mit zwei hübschen, glutäugigen Töchtern. Alles in allem habe ich das Gefühl, dass Rami ein ausnehmend zufriedener Mensch ist.

Beim Schreiben über Rami festgestellt: Der aktuelle Wohn- und Arbeitszimmerausblick in Miami macht so derart zufrieden.

Vermutlich hat Rami allen Grund dazu. Er lebt in einem Land, das trotz Trump und dem anderen ganzen täglichen Wahnsinn immer noch zu den großartigsten der Welt gehört. Er sieht gesund aus, hat sein Auskommen, lebt in Frieden und ob er am Ende des Monats ein paar Dollar mehr oder weniger auf seinem Konto hat, interessiert ihn nicht so sehr. Warum auch? Gemessen daran, wie es vielen anderen Menschen in seinem Heimatland geht, muss man sich Rami als einen glücklichen Mann vorstellen. Zumindest möchte ich mir das so vorstellen.

Vor allem deshalb, weil ich, kurz bevor es wieder mal hierhin ging, den Hang zum Nölen in Deutschland kaum mehr ertragen habe. Aus der Distanz von nahezu 10000 Kilometern wirkt er gerade noch lächerlicher als ohnehin schon.

Klar könnt ihr jetzt einwenden: USA, das ist doch dieses Land mit Trump. Stimmt. Aber es ist eben auch das Land der Millionen Ramis.

Der neue Mainstream des Fünfzigers

Das Lustigste an Menschen in meinem Alter ist ja: Je mainstreamiger sie werden, desto weniger glauben sie, Mainstream zu sein. Im Gegenteil, sie betonen dann besonders gerne, wie nonkonformistisch sie sind: Lederjacke, Jeans, alle paar Tage auf irgendeinem Konzert der alten Helden von früher. Dumm nur, dass ausgerechnet dieser Ausweis der Unangepasstheit inzwischen glatter Mainstream ist.

So altern coole Amerikaner, gesehen in Bakersfield ,CA, 2018. In Deutschland biedern wir uns „der Jugend“ an und halten es für endgeil, auch mal eine Lederjacke zu tragen. (Foto: Jakubetz)

Zu den besonderen Merkmalen des nonkonformistischen Mainstreams gehört, dass er die Jugend gut versteht und sie ihn auch. Was auch immer „die Jugend“ ist. Neuerdings zählt man auch knapp 30jährige zur „Jugend“. Die stehen dann immer noch unter Welpenschutz. Über einen Auftritt der juvenilen Autorin Sophie Passmann bei Maybrit Illner beispielsweise schrieb die „Süddeutsche Zeitung“ in besorgtem Tonfall, es werde Zeit, dass man „die Jugend“ jetzt endlich ernst nehme und sie nicht mehr von oben herab behandle.

Frau Passmann hat die Mitte der 20er hinter sich, hat einen Bestseller geschrieben, tritt regelmäßig bei Böhmermann auf, hat eine Kolumne bei der „Zeit“ und ansonsten ein derart großes Selbstbewusstsein, dass man eher was davon reduzieren müsste. Wie auch immer, wäre ich Sophie Passmann, würde ich mir derartige Kopftätscheleien ausdrücklich verbitten.

Aber so geht das inzwischen die ganze Zeit, wenn Menschen deutlich jenseits der 40 von „der Jugend“ reden. Wir finden, dass die Jugend grundsätzlich mit allem Recht hat, vor allem mit der Kritik an uns Alten. Das ist natürlich nicht ganz uneigennützig von uns. Weil wir damit auch zu denen gehören, die Recht haben mit allem. Das ist so sehr Geisteshaltung geworden, dass wir das immer gleich dazu sagen: Ich bin zwar alt, aber im Kopf total jung. Und jetzt lasst doch die Sophie auch mal was sagen.

Dabei sitzen wir echt in der Falle. Mit allem, was wir tun. Aus dem Verdacht, wir wollten uns irgendwie anbiedern, kommen wir nicht raus. Konzerte, Lederjacke, Motorrad, Cabrio? Da will aber eine ganze Generation mit Gewalt jung bleiben und das eigene Altern rausschieben, bis man am Rollator geht.

Ich habe mir jetzt eine ganze Reihe Anzüge gekauft. Der Anzug und das Leben in der Kleinstadt sind der neue Nonkonformismus, denke ich mir. Das ist zwar natürlich auch blühender Blödsinn, aber immer noch charmanter als der verzweifelte Versuch, Sophie, Annalena und Torben-Hendrik als Schutzschild für das eigene Altern zu missbrauchen.

Und schließlich noch einer aus der Reihe „Früher war…“: Hätte mich jemand als Mitt- oder Endzwanziger als Vertreter der Jugend bezeichnet, ich hätte lebenslang nie wieder mit ihm gesprochen.

Torben-Hendrik fährt zum Schulstreik

Vor Kurzem hat ein mir bekannter Mensch meiner Altersklasse geseufzt, er sei froh, wenn jetzt langsam die jüngere Generation die Verantwortung für mehr oder weniger die gesamte Gesellschaft übernehme. Seine und somit auch meine Generation habe schließlich in den letzten Jahrzehnten auf nahezu alles die falschen Antworten geliefert, da sei es nur folgerichtig, wenn wir alten Totalversagersäcke langsam abtreten.

Ich musste an den großartigen Loriot denken, der in einer Szene von „Papa ante portas“ lakonisch fragt: Reicht es, wenn ich mich in Luft auflöse?

Das scheint gerade sehr angesagt zu sein bei Menschen meines Alters: Die Jungen bei ihrer Revolution zu unterstützen, wobei es mittlerweile schon als Revolution durchgeht, wenn man freitags nicht zur Schule geht. Ist doch prima, wenn die Jungen so was machen, sagen die neuen Schluffi-Alten und schreiben dem Nachwuchs eine Entschuldigung, damit beim Schulstreik schon alles seine Ordnung hat. Schulstreik-Greta wird unterdessen als das neue Vorbild für uns Alte gepriesen, hat bereits einen Ehrendoktor und gilt als ernsthafte Kandidatin für den Friedens-Nobelpreis.

Torben-Hendrik und Annalena streiken. Wir Alten sollten deshalb zutiefst beschämt sein und ihnen auch mal ein Attest für den Streik schreiben. Yeah, Revolution der Klasse von 2019! (Foto: Pixabay)

Ich bin mir nicht sicher, aber möglicherweise handelt es sich dabei um die subtilste Form der Unterdrückung, die sich eine junge Generation jemals gefallen lassen musste. Unterdrückung durch Kopftätscheln, sozusagen. Wir sagen ihnen dauernd, wie toll sie sind, schreiben die Entschuldigungen für den Schulstreik und halten sie damit komplett unter Kontrolle. Zu einem ordentlichen Aufstand gehört auch Widerstand, gegen den man kämpfen muss. Indem wir den blauhaarigen Rezos und Julias und Gretas unserer Tage den Widerstand komplett verweigern, können sie uns nix mehr, so einfach ist das.

Ich habe keine Ahnung, ob diese Theorie nicht völlig idiotisch ist; vermutlich schon. Ich finde nur keine andere Erklärung für das absurde Schauspiel dieser Tage: Mittelstands-Eltern einer liberal-urbanen Wohlstandsgesellschaft, irgendwo in den 40ern und 50ern ihres Lebens angesiedelt, versichern den lieben Millenial-Kids, denen man gerade noch ihre Trägheit und ihr Desinteresse an ungefähr allem vorgeworfen hatte, wie geil sie sind. Helikopter-Parenting, die Fortsetzung des Eltern-Taxis mit anderen Mitteln: Soll ich dich zum Schulstreik fahren, Torben-Hendrik?

Dafür können die Torben-Hendriks und Annalenas unserer Tage natürlich nix, außer, dass sie vielleicht das tun können was ungefähr Millionen Generationen vorher auch getan haben: Uns Alten zu sagen, wir sollen bleiben, wo der Pfeffer wächst. Ich meine, wo sind wir denn gelandet in unserer Mittelstands- und Mittelmaß-Langeweile, wenn wir jetzt nicht mal mehr einen ordentlichen Generationen-Konflikt hinbekommen? Doch, so was brauchen wir, ich finde jedenfalls eine Generation, bei der blaue Haare schon als aufmüpfig gelten, in ihrer ganzen Ödnis beängstigender als eine, die ordentlich rebelliert.

Umgekehrt finde ich allerdings unsere Generation mindestens ebenso trübe, wenn sie jetzt schwanzeinziehend vom Hof schleicht und sagt: Ihr habt ja so recht, wir haben es verbockt. Das macht man nicht, grundsätzlich nie, so viel Stolz und Selbstbewusstsein darf man haben. Und außerdem werfe ich mich nicht vor einer Generation in den Staub, die zwar irgendwas von Klima faselt, ansonsten aber den Billigflug-Städtetrip für 29 Euro erst so richtig kultiviert hat. Das steht hier übrigens absichtlich so, weil ich glaube, dass allzu viel Harmonie zwar irgendwie kuschelig ist, bei einem echten Problem aber niemanden so recht weiterbringt.

Davon abgesehen: Fürs Altenheim fühle ich mich noch deutlich zu fit, für außerordentlichen Respekt vor jüngeren Generationen hat sie mich noch nicht genügend beeindruckt, mich in Luft aufzulösen, weil ich alt, weiß, männlich bin, könnt ihr vergessen.

Wenn ihr was wollt von uns, dann kämpft. Kleiner Pro-Tipp: Kämpfen ist was anderes, als ein paar launige Tweets und Videos abzusetzen.

Bekenntnisse eines Langweilers

Die meiste Zeit habe ich wenigstens passabel gute Laune. Das macht mich zu einem eher langweiligen Menschen, befürchte ich. Richtig interessant sind die anderen. Die mit Depressionen, die Sich-Schuldig-Fühler, die Selbstzweifler. Aber die halbwegs gut gelaunten? Müssen entweder naiv oder etwas unterbelichtet sein. Außerdem: was erzählt man über jemanden, der gut gelaunt ist? Dass er immer gut gelaunt ist? Na bitte.

Schauen wir also zum Beweis in die aktuellen Ausgaben vom „SZ Magazin“ und vom „Zeit Magazin“, den beiden gedruckten Hochämtern aller, die etwas auf sich halten.

In der SZ: Dirk von Lowtzow, Diskursrocker. Der von den unangreifbaren „Tocotronic“. Der Mann, der so schöne Songtitel wie „Bitte oszilieren Sie“ oder „Im Zweifel für den Zweifel“ geschrieben hat.


Kann sich jemand gut gelaunte Tocotronic vorstelllen? Will jemand zu Tocotronic, um dort ausgelassen Party zu machen? Würde jemand Diskursrocker-Platten hören und Diskursrocker-Bücher lesen, wenn sie nicht in der Attitüde des Zweiflers mit gelegentlichen Anflügen zur Depression daherkämen?

Konter „Zeit Magazin“: eine Geschichte von und mit der aktuell unvermeidlichen Sophie Passmann. Frau Passmann lässt uns wissen, dass sie permanent an sich zweifelt. Das wiederum sei eine besonders wertvolle Gabe, weil, Sie ahnen es, diejenigen, die nicht an sich zweifeln, entweder dumm oder übertrieben selbstbewusst oder möglicherweise beides sind. Wir warten unterdessen auf Tocotronic feat. Sophie Passmann: Im Zweifel für den Zweifel.


Des Weiteren im Angebot: Eine Geschichte über eine Frau, die bei Twitter mit ihren Tweets über ihre Depressionen jeden Tag Tausende verzückt (ok, Twitter ist vermutlich auch genau der richtige Kanal dafür). Ist das nicht doll? Tägliche Tweets und dazu inzwischen ein ganzer Essayband über Depressionen!

Zurück noch mal zur „Zeit“, allerdings zur Hauptausgabe:

„Papa, fühlst du dich schuldig?“

„Ja, das ist ein Scheißgefühl.“

Das ist die Überschrift zu einer Unterhaltung im Familienkreis oder zumindest dessen, was man bei der „Zeit“ dafür hält. Über was man halt so spricht, beim Abendessen, wenn im Hintergrund dezent ein bisschen „Tocotronic“ läuft. Es geht um: Klimawandel. Papa fühlt sich wegen des Klimawandels schuldig und diskutiert das mit seinen Kindern, ganz im Ernst.

Die Kinder heißen übrigens Leevke und Luna.

Und jetzt weiß ich auch nicht genau, wie ich Ihnen das erklären soll, vermutlich werden Sie mich für einen ignoranten alten weißen Mann halten, aber:

Ich finde den Klimawandel nicht so gut, aber ich fühle mich nicht schuldig und gehe abends nicht mit einem Scheißgefühl ins Bett. Dafür unterstütze ich regelmäßig 4Ocean, ich hänge es nur nicht an die große Glocke.

Ich zweifle nicht übermäßig an mir.

Ich finde Tocotronic eher öde. Was „Bitte oszillieren Sie“ aussagen soll, weiß ich bis heute nicht genau.

Ich glaube, dass es viele Probleme auf der Welt zu lösen gibt, die man unbedingt und sofort angehen muss. Gendergerechte Sprache gehört für mich eher nicht dazu.

Ich habe früher Cowboy und Indianer gespielt und eine meiner Töchter ging mal als Prinzessin in den Fasching.

Und ich verehre heimlich Lemmy Kilmister.

Dessen Credo: Haltet euch fern von Idioten. Doch, so einfach ist das manchmal.

Der immer noch nicht gelaufene Marathon

Ja, schon klar, ich lasse mich besser nirgends mehr sehen. Alle Menschen in meinem Alter sind Marathon gelaufen. Meistens laufen sie lächelnd ins Ziel und posten das auf dem Facebook-Account (zu Instagram schafft man es in den Fünfzigern nicht mehr ohne Gesichtsverlust). Lauter Wunderwerke der Selbstdisziplinierung.

Und ich? Immer noch nix, obwohl ich immer wieder darüber nachgedacht habe. Das könnte daran liegen, dass ich es nie richtig versucht habe. Was wiederum damit zu tun hat, dass sich mir der Sinn eines solchen Unternehmens nicht erschlossen hat. Und das, obwohl ich Mitte 50 bin und es langsam besser wissen sollte. Marathon, da gehst du über deine eigenen Grenzen. Du wirst wieder fit wie früher und wachst morgens nicht mehr als gefühltes Halbwrack auf, sondern als deutsche Antwort auf George Clooney oder wenigstens Til Schweiger.

Kann aber auch sein, dass Mainstream noch nie meines war. Und der Marathon-Wahn ist der neue Mainstream unter uns Fünfzigern. Früher haben sie mit dem Porsche geprotzt, heute ist es der Marathon. Porsche ist spießig, Marathon ist hip. Möglichst bitte an exotischen Orten. Und wenn es dafür nicht reicht, dann wenigstens New York.

Faulheit? Kann auch sein. 42 Kilometer sind vermutlich über 50.000 Schritte, das alles auf hartem Untergrund, weil City-Marathons selten über weichen Waldboden führen. Und man muss sehr diszipliniert dafür trainieren. War auch noch nie meins, das wussten meine Lehrer schon.

Während ich das so schreibe, muss ich mich überwinden. Sehr sogar. Einzuräumen, dass man auf die Qualen eines Marathons schlichtweg keine Lust hat, du liebe Güte, das ist in etwa so, als würde ich liebend gerne Diesel 4 fahren, Gendersternchen doof finden und als Hobby Katzen quälen angeben. Keine Lust auf Disziplin, nach 10 Kilometern laufen schon aufhören wollen? Wenn das ein potenzieller Arbeitgeber lesen würde, ich könnte meine Bewerbung auch gleich in die Tonne treten. Gut, dass ich aus dem Alter für Bewerbungen bei Arbeitgebern raus bin.

Und außerdem finde ich, dass wir Fünfziger uns das verdient haben. Wir haben Jahrzehnte gearbeitet, sind brav jedem Lifestyle hinterhergerannt, haben uns redlich bemüht, nicht alt und langweilig zu werden.

Würde ich jetzt einen Marathon laufen wollen, wüsste ich, dass es so weit ist: Der Mainstream hat mich eingeholt und ich werde alt und langweilig.