Lockdown-Tagebuch: Hauptsache düster!

Wenn ihr hier jetzt gerade wieder etwas zu unserem Liebling, dem Frl. Corona hören wollt, muss ich euch zumindest um Geduld bitten. Es geht erst einmal um eine hübsche Theorie, die ich die Tage gelesen habe. Demnach, so sagt der Historiker Herfried Münkler, befinden wir uns mittlerweile in einer post-heroischen Gesellschaft.

Hallo? Seid ihr noch da?

Keine Sorge, es folgt keineswegs eine soziologische Abhandlung. Schon alleine deshalb nicht, weil ich kein Soziologe bin. Davon abgesehen: Ich nehme an, das würde euch langweilen. Trotzdem kurz zur Erklärung: Sinngemäß sagt der Herr Münkler, dass es in dieser Gesellschaft keine Helden mehr gibt (oder geben soll). Ebenso wenig wie Opfer. Und ebenso wenig Verzicht, Einschränkung und andere tendenziell unschöne Dinge.

Dumm nur, dass diese wohlige Gefühl gerade etwas kollidiert mit den Umständen einer Pandemie, die sich entgegen dem vorherrschenden Lebensgefühl dieser Gesellschaft ein paar Ungeheuerlichkeiten rausgenommen hat. Weder hat sie sich für Weihnachten und Silvester interessiert noch für unsere doch eigentlich klar formulierte Vorgabe, dass sie spätestens am 31.1.2021 den Betrieb einzustellen habe. Stattdessen mutiert sie munter vor sich hin, sodass man kein Pessimist sein muss, um zu ahnen: Das könnte sich noch ein bisschen ziehen.

Dazu kommt eine besonders interessante Neigung, von der ich gerne schreiben würde, sie sei sehr deutsch, wenn es denn nur nicht so abgedroschen wäre. Man sieht erst mal das Negative und auf dem kann man dann wunderbar rumreiten.

Für mich als bekennenden Anhänger der Lehre des Stoizismus ist das besonders unverständlich. Seit Wochen überbieten sich intelligente Menschen wie Journalisten in Kommentaren und Analysen, wie die Sache mit dem Impfstoff in der EU nur so grässlich daneben gehen konnte. Erstaunlich am Rande: In der Beziehung sind sie sich dann wieder vergleichsweise nahe, die lieben Kollegen. Ob die Bild-Kampfdogge Reichelt oder beliebige Spiegel-Kommentatoren, man haut der EU und „DER“ Politik ordentlich eines hinter die Ohren. Ganz so, als ob sich dadurch im Nachhinein noch irgendwas ändern würde.

Das Lüftchen des Zeitgeistes hat sich jetzt jedenfalls gerade so gedreht, dass der Spahn vom Superhelden zum Totalversager runtergeschrieben wird. Nebenbei: Wäre ich Spahn, wäre mir das Gekläffe wurscht. Weil sich das Zeitgeist-Lüftchen bald wieder drehen wird und weil ich nicht so viel auf Hinweise von Menschen gäbe, die zwar flammende Kommentare im Nachhinein schreiben, es vorher aber auch nicht besser gewusst haben.

Aber noch mal zum Stoizismus: Der lehrt, dass es wenig Sinn hat, sich über Dinge aufzuregen, die man eh nicht beeinflussen kann. Das kann im Zweifelsfall natürlich Interpretationssache sein. Ich würde aber doch meinen, dass man eine Impfstoffvergabe aus dem vergangenen Sommer nicht mehr richtig beeinflussen kann.

Man könnte es im Übrigen auch so sehen, dass es eine sensationelle Leistung ist, dass innerhalb nicht mal eines Jahres mehrere hoch wirkungsvolle Impfstoffe entwickelt worden sind. Und dass in Deutschland Mitte Januar schon über eine Million Menschen geimpft wurden, kann man selbstverständlich als „Impfdesaster“ beschreiben. Man könnte sich aber auch einfach darüber freuen.

Ich fürchte nur: Man freut sich nicht so gerne im Lande D. Das erwähnte Zeitgeist-Lüftchen weht zudem gerade besonders streng und verstärkt die D-typische Neigung zur Griesgrämigkeit. Ich kann mittlerweile keinen Tag mehr durch die Gegend surfen, ohne nicht mindestens drei Rassismus-Debatten, wüste Streitereien um Gendersternchen und generelle Anschuldigungen an Sexisten und anderes übles Gesocks zu lesen.

Gestern wollte jemand in meiner Timeline ernsthaft noch eine Debatte darüber anfangen, ob es nicht auch Rassismus sei, wenn eine Figur eines Schwarzen in einem Animationsfilm (es ging um den übrigens wirklich großartigen Pixar-Film „Souls“) von einem Weißen gesprochen wird. Ja klar, alles ist Rassismus, Sexismus und so ein Zeug. Habe ich damals schon erlebt, in den 80ern: Alles Scheiße, null Bock, no Future. Irgendwie kommt es mir so vor, als käme das alles gerade in neuem, zeitgeistigen Gewand daher. Man muss die Welt düster finden, um als halbwegs bei Verstand zu gelten. Blöd nur, ich konnte mit diesem Gerede damals schon nichts anfangen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Zur Krönung des Ganzen habe ich heute noch einen Podcast gehört. In dem ging es um „Activism Burnout“. Falls ihr das noch nie gehört habt, tröstet euch: Ich auch nicht. Eine Klimaaktivistin wurde vorgestellt, die leidet an so was. Also, an sich selbst und am Zustand der Welt. So sehr, dass sie von regelmäßigen Heulkrämpfen geplagt wird.

Wie finster also ist die Welt gerade? Ja mei, sagt der Bayer, und zuckt die Schultern. Immer nur so finster, wie du sie gerade siehst.

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