Lockdown-Tagebuch: Am Ende bist du selbst verantwortlich

Vielleicht ist es ja nur ein dummer Zufall, aber in Ausnahmezeiten lernt man immer besonders viel. Über sich selbst. Seine Mitmenschen. Und die Welt an sich. Und auch wenn ich das an sich nicht mag, weil man sich damit automatisch über andere erhebt – ab und an drängt sich die Frage auf:

Geht´s eigentlich noch, Leute?

Und als zweite Frage gleich hinterher: Habt ihr eigentlich mal was von dem Begriff Verantwortung gehört?

Keine Sorge, es kommt jetzt kein moralinsaures Gebrabbel mit dem erhobenen Zeigefinger. Darüber, welche Verantwortung wir für unsere Schöpfung…blabla. Ich bin doch nicht Luise Neubauer und bei Fridays for Future sind wir hier auch nicht.

Menschen zu sagen, für welch abstrakte Dinge sie Verantwortung haben, funktioniert selten. Und bei denjenigen, bei denen es klappt, hat das oft die unangenehme Nachwirkung, dass sich solche Leute für mindestens sehr erhaben halten. Den Zeigefinger heben und den Mitmenschen zu sagen, was sie zu tun haben. Das wiederum führt selten zum Erfolg. Wer will sich schon einer sauertöpfischen Kaltmamsell (oder einem griesgrämigen Besserwisser) belehren lassen?

Also bitte, reden wir nicht darüber, wie viel Verantwortung der Mensch für die Welt trägt. Fürs Erste wäre es schon prima, wenn einfach mal jeder Verantwortung für sich selbst tragen würde. Das hätte den wunderbaren Vorteil, dass man dann spürbar weniger Debatten darüber hätte, wer jetzt eigentlich genau an was schuld ist (also alle, außer man selber natürlich).

Zu Beginn von Lockdown #2 ist das schön zu beobachten. Journalisten und andere Superexperten, gefühlt haben wir es ja mit 80 Millionen Virologen zu tun, rechnen gerade der Politik und der Wissenschaft vor, was sie alles falsch gemacht haben. Dass es an einer stringenten Strategie fehle, beispielsweise. Ganz besondere Schlaumeier nölen dann noch rum, dass die Politik nicht den richtigen Ton träfe gegenüber den lieben Mitbürgern.

Ganz ehrlich: Ich bewundere gerade die Politiker und insbesondere die stoische Ruhe der Kanzlerin. Wäre ich Kanzler, hätte ich schon lange Schimpftiraden ohne Ende losgelassen (deswegen werde ich wahrscheinlich ja auch nie Kanzler). In der „Bild“ posieren geistige Fußgänger mit einer Kiste Böller, die sie in Polen gekauft haben – und das Zentralorgan des populistischen Flachsinns macht dazu die hübsche Schlagzeile: „Wir lassen uns das Böllern nicht verbieten!“. Die Parfümerie „Douglas“, die ansonsten größten Wert darauf legt, kein Drogeriemarkt zu sein, will plötzlich doch als Drogeriemarkt firmieren und deswegen einen Teil seiner Geschäfte geöffnet lassen. Undsoweiter, undsoweiter. Und da sollst du ruhig bleiben?

Womit wir wieder bei der Verantwortung wären. Bei der für sich selbst. Ich würde niemand soviel Altruismus unterstellen, dass er an die Welt, an Europa oder auch nur an Bayern oder seine Mitmenschen denkt. Aber an sich selbst könnte man ja mal denken. Und damit auch Verantwortung für sich übernehmen. Wer eine Maske trägt, schützt sich selbst. Wer seinen Laden zulässt, wer Kontakte reduziert – schützt sich selbst.

Den Lockdown jetzt, der uns länger bleiben wird, als wir meinen, den haben wir uns schön selbst eingebrockt. Richtig gelesen: WIR. Nicht die anderen. Wir haben es schön salopp angehen lassen im Sommer, wir haben gedacht, Corona sei so gut wie vorbei, ein leichter Anstieg im Winter vielleicht noch, das war´s.

Da ist es natürlich wohlfeil, mit dem Finger auf die diffuse Masse der „Anderen“ zu zeigen oder die Politik zu beschimpfen.

Aber hey, du bist für dich verantwortlich. Immer, jeden Tag, in allem, was du tust. Bevor du jetzt aufstöhnst und mich blockierst oder wenigstens entfreundest: Verantwortung und Schuld, das sind zwei unterschiedliche Dinge. Corona ist nicht deine Schuld, aber es ist trotzdem deine Verantwortung, wie du jeden Tag damit umgehst. So simpel, das.

Oder eben doch: so kompliziert. Ich staune immer wieder über die zunehmende Schneeflöckchen-Mentalität, nicht nur bei den Millenials, denen man das ja gerne nachsagt. Schneeflöckchen, weil: Übergroße Ansprüche an das Leben als solches haben, bei der kleinsten Kleinigkeit kollabieren und die Schuld an andere weiterreichen. Das bleibt vermutlich nicht aus in einer Welt, in der jeder für sich selbst der größte Star ist. Da empfindet man jede Form von Kritik als narzisstische Kränkung.

Und dann kann man sich leicht ausrechnen: So ein kleines, beschissenes, dummes Virus, das ist die größtmögliche narzisstische Kränkung von allen.

Lockdown-Tagebuch: Leise heulen, Bild!

Lockdown-Tagebuch, Teil 9

Wenn du wissen willst, woran es hakt – lies einfach die „Bild“. Die „Bild“ ist das Organ des gesunden Volksempfindens und immer zur Stelle, wenn es darum geht, diffuses Bauchgefühl zu bedienen. Davon gibt es aktuell mehr als genug. Es ist mal wieder die große Zeit von „Man wird doch wohl noch sagen dürfen“, „Die da oben“ und „Die spinnen wohl“.

Einen überaus brillanten Mix aus diesen drei Komponenten haben die Vertreter des gesunden Volksempfindens gestern geliefert. Da hat der Regierende Bürgermeister von Berlin etwas gesagt, was an Banalität und Selbstverständlichkeit kaum zu toppen ist. Man müsse ja nicht, sagte der bedauernswerte Herr Müller, am 28. Dezember noch Pullover kaufen, das könne man auch vorher machen.

Was der gute Mann eigentlich sagen wollte damit: Die Welt geht nicht unter und die Zivilisation auch nicht, wenn man zwischen den Jahren mal nicht exzessiv shoppen gehen könne.

Was man ebenfalls festhalten muss: Da hat er wohl recht. Weil, wenn wir uns darauf nicht einigen können, dann vermutlich auf nix mehr. Dann muss man die Pandemie laufen lassen, weil Shoppen und Glühwein wichtiger sind als ein paar Leute, die an oder genauer mit Corona verrecken und die ja ohnehin bald verreckt wären.
„Bild“ also schreibt, was die Menschen denken:

So nicht, Herr Müller! Nicht in diesem Ton, Herr Müller! Das ist ein Schwachsinns-Vorschlag, Herr Müller! (Wobei das genau genommen gar kein Vorschlag war, aber bei der Bild darf man nicht so pingelig sein).
Am Abend versuchten sie es dann auch noch bei der Kanzlerin. Die hatte es gewagt, als Gegenmittel gegen kalte Klassenzimmer warme Jacken und etwas Bewegung zu empfehlen.

Schwachsinn! Unsinn! Zumutung, Frau Merkel!

Wobei ich auch hier gerne die Frage loswerden würde, wie das früher (also bis letztes Jahr) war: Wurden da Klassenzimmer nie gelüftet, weil Schüler schlagartig den Heldentod gestorben sind, wenn sie mit frischer, kühler Luft in Berührung kamen?

Aber so sind sie, die Volks-Jammerlappen aus Berlin. Genauso wie ihr jammerlappiges Lesevolk. Eine Ansammlung müder Opportunisten, dauerentrüsteter Nichts-Aushalter und Großmäuler.
Bild-Chef Julian Reichelt sagt übrigens in Interviews, bei der Frage nach dem Charakter eines Menschen/Kollegen überlege er sich gerne, ob er mit dem jeweils anderen im Schützengraben liegen wolle (er hat es mit martialischer Sprache, der Herr Reichelt).

Von dem her, verehrter Herr Reichelt, bleiben wir doch gleich bei der Sprache, die Sie so prima verstehen:
Mit Ihnen und den anderen Journalisten-Darstellern würde ich nicht im Schützengraben liegen wollen. Weil man da auf die Zähne beißen muss (ich war bei der Bundeswehr, ich weiß ein bisschen, von was ich rede). Ob da ein kettenrauchender Jammerlappen, der losheult, weil er keine Pullis kaufen darf, meine bevorzugte Wahl wäre, kann ich mit besten Gewissen verneinen.

Und jetzt: Abtreten und leise heulen, Schütze Reichelt.

Lockdown-Tagebuch: Alles wird gut

Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich ein Interview gemacht. Mit Wigald Boning und Bernhard Hoecker. Es war ein interessanter Mix aus lustig und ernst und insbesondere Boning ist ein verflixt schlauer Kopf. Generell mag ich ja diese Form des Understatements. Es ist einfach, Boning zu unterschätzen, aber ich garantiere euch: Da würdet ihr einen kolossalen Fehler begehen.

Da dachte man noch, alles werde wie gehabt: ein wie immer gutes Jahr. Silvester 2019, Miami, Bayfront Park.

Jedenfalls habe ich (in einer Zeit weit vor Corona, also genauer gesagt wenige Wochen zuvor) gefragt, in welcher Zeit sie gerne leben würden, wenn sie es sich aussuchen dürften. Boning war sich sicher: 2019, wann sonst? (Die genaue Begründung könnt ihr gerne im Interview nachlesen). Kurz überlegt, dann gedacht: Stimmt, es könnte keine bessere Zeit geben.

Zugegeben, 2020 ist manches anders als 2019. Kurzfristig betrachtet sogar: ungefähr alles. Demnach würde man also Bonings Antwort für 2019 noch richtig finden können, für 2020 aber nicht. Oder?

Das ist natürlich Unfug. Weil sich in Wirklichkeit nichts geändert hat, außer, dass 2020 irgendwie etwas doof ist und aus der Reihe tanzt. Darüber kann man sich ernsthaft nur dann wundern, wenn man davon ausgeht, dass eine positive Entwicklung immer linear verläuft und Dinge und Erfolg in regelmäßigen Abständen kommen.

Leider ist das aber nicht so. Wenn man ein wenig nachdenkt: Es war noch nie so und wird auch nie so sein. Dafür gibt es ein paar Gründe, die ich gerne aufzähle, weil ich gerade das Gefühl nicht loswerde, dass das ein wenig in Vergessenheit geraten ist.

Das hat also zum einen damit zu tun, dass es ein Grundrecht auf Erfolg und einen guten Lauf der Dinge leider nicht gibt. Im Grundgesetz steht nichts davon und in allen anderen Gesetzen nach meinem Wissen auch nicht. Weil unser Leben aber ungewöhnlich angenehm läuft (also zumindest im Vergleich mit den Generationen vor uns), hat sich die fatale Erwartung breitgemacht, das müsste so sein. Muss es aber nicht.

Und selbst wenn die Dinge gut laufen, auch über längere Zeiträume hin weg: Das passiert nie linear, nie regelmäßig. Manchmal geht eine Zeit gar nix, dann wieder klappt alles auf einmal. Schau dir dein eigenes Leben an, dann stellst du genau das fest.
Gehen wir also einfach davon aus, dass 2020 ein ziemliches Scheißjahr war. Kommt vor, wird nicht das letzte Mal gewesen sein.

Weil wir aber in der besten der vorstellbaren Zeiten leben, kann man die Dinge ja auch mal so sehen:

Noch nie in der Geschichte ist gegen ein tödliches Virus so schnell ein vielversprechendes Gegenmittel entwickelt worden. Gerade ein Jahr hat es gedauert und wenn das nicht eine unglaubliche Leistung ist, dann weiß ich es auch nicht.

Wir müssen bis dahin nicht mal viel tun. Zuhause bleiben, abwarten, vorsichtig sein, das wars. Es gibt in diesem so unsagbar reichen Land keine Massenarbeitslosigkeit, die Wirtschaft ist nicht kollabiert und wir können es uns sogar leisten, ganzen Branchen ihre Verdienstausfälle zu erstatten. Unsere wichtigsten Debatten drehen sich aktuell darum, ob wir Weihnachten und Silvester nicht so begehen können wie früher. Wobei ich zuversichtlich bin, dass wir sogar diese Zumutung irgendwie überstehen werden.
Natürlich kann man angesichts dessen sofort von Diktatur reden. Man kann sich in diesem Land sogar wie Sophie Scholl und Anne Frank fühlen, ich würde allerdings nur sehr ungern mit solchen Leuten in einem Boot sitzen wollen, wenn man wirklich was Ernsthaftes passiert. Es spricht trotzdem für diese Zeiten, dass unser Leben so stabil bleibt, dass wir es allenfalls mit ein paar „Querdenkern“ zu tun haben. Es gibt vermutlich eine ganze Reihe von Ländern auf dieser Welt, die diese Probleme sehr gerne hätten. Jana aus Kassel und andere Gestalten sind zwar auf ihre Art ein wenig penetrant und nervtötend, aber sie werden dieses Land auch nicht umbringen.

Schreit da gerade jemand: ABER DAS SIND DOCH ALLES NAZIS??!!

Schon wieder so ein Denkfehler, der in einer solchen aufgeheizten Stimmung schon mal vorkommt. Viele von denen sind zwar komplett diffus und für eine sachliche Argumentation kaum mehr erreichbar. Liest man aber diese Studie aus Basel, dann wird schnell klar: Man macht es sich etwas einfach, wenn man die alle in die Nazi-Ecke schieben will. Da sind eine Menge Grünen- und Linken-Wähler dabei.

Und wenn ihr mich fragt: Deformierte aus einer Wohlstandsgesellschaft, die tatsächlich glaubt, alles müsse immer prima laufen. Die sind natürlich dementsprechend irritiert, wenn sie mal mit der Realität konfrontiert werden. Realität, das ist dieses harte Zeug, das sich nicht darum schert, dass demnächst Weihnachten ist oder du deine Weh-Wehchen nur mit Globuli behandeln lassen willst.

Es sind also, erklärt mich gerne für verrückt, goldene Zeiten, in denen wir leben. 2020 war wie dieser eine blöde Montag in der Woche, den man am besten einfach vergisst und am Dienstag weitermacht.

Das schöne ist: Der Dienstag kommt sicher, das nächste Wochenende auch – und 2021 sowieso.

Lockdown-Tagebuch: Wir sind Jana!


Wir sind Jana!


Na gut, nicht wir alle. Aber weitaus mehr, als du glaubst. Jana, 22, aus Kassel, du weißt schon, das Mimöschen, das sich wie Sophie Scholl fühlt und beim ersten leichten Anflug von Gegenwind heulend, schmollend, beleidigt abgegangen ist, nicht ohne vorher das Mikro in die Ecke zu pfeffern. Die nordhessische Drama-Queen, das Gespött des ganzes Netzes. Jana aus Kassel, die deutsche Karen.


Es gibt allerdings auch: Armin aus Kassel. Und den bayerischen Unternehmer aus Kassel, der aber so herzerweichend unbekannt und unbedeutend ist, dass hier kein Name stehen soll. Beiden bin ich ungewollt begegnet im digitalen Raum, man kann so was leider nicht immer verhindern.


Armin aus Kassel ist in Wirklichkeit Ministerpräsident in NRW, weswegen man seinen Nachnamen Laschet gleich hinzufügen darf. Armin Laschet jedenfalls hat heute verlautbart, dass uns das härteste Weihnachten seit dem 2. Weltkrieg erwartet. Das ist lustig, fast so unfreiwillig lustig wie der Auftritt von Jammer-Jana.


Wenn meine Großeltern noch lebten, würden sie vermutlich ebenfalls lachen über Nachkriegs-Laschet, der zumindest die ersten 20 Weihnachten nach dem Kriegsende gar nicht oder nur auf dem Papier mitgekriegt hat. Wäre es anders, würde er nicht so einen Unfug erzählen.


Auf so was muss man auch erst mal kommen: Weihnachten in einem der reichsten Länder der Welt mit den „Festen“ eines zertrümmerten Landes zu vergleichen. Nur weil man nicht ganz so viel gemeinsam gefuttert und gesoffen werden kann. Armin ist jedenfalls auf der nach oben offenen Jana-Skala ziemlich weit oben.


Der bayerische Unternehmer hingegen machte es ein bisschen länger (er ist gelernter Journalist, muss man dazu wissen). Sein Lamento in wenigen Sätzen: Das Virus ist nicht gerecht, die Regierung ist nicht gerecht. Zwischendrin immer wieder überschwängliche Lobeshymnen und seine Mitarbeiter, sein Unternehmen und irgendwie auf sich selbst. Ganz viel Gesabber von Kämpfen und Zusammenstehen, es klang ein bisschen nach „Wir liegen zusammen im Schützengraben“, dabei geht es nur um ein kleines Virus. Am Ende dachte ich mir: Wow, neuer Weltrekord im hohlen Pathos!


Und am liebsten hätte ich ihm gesagt: Ja, nee – stimmt, das Virus ist nicht gerecht, weil sich das Virus einen Dreck um dein Genöle schert. Genauso wenig wie um das Gejammere von Jana und den Mumpitz von Armin aus Kassel. Gemessen an den großen Zeitläuften handelt es sich um eine völlig unbedeutende Episode, eine Pandemie. So was kommt vor. War nicht die Erste, wird nicht die Letzte sein.


Jana aus Kassel, Armin Laschet, der bayerische Unternehmer. Das passiert, wenn alles zusammenkommt. Maßlose Selbstüberhöhung, lustiges Anspruchsdenken (das Virus hat gefälligst gerecht zu sein!). Ein Totalverlust an Realismus. Jana fühlt sich wie Sophie Scholl, Schreihälse, die was nicht kapieren, verklären die eigene Ahnungslosigkeit zum „Querdenken“.


Und ein Ministerpräsident ruft mal eben die härtesten Weihnachten ever aus. Währenddessen, nebenbei bemerkt, die Aussicht wächst, dass wir irgendwann im nächsten Sommer wieder halbwegs so leben können wie früher und möglicherweise sogar an irgendeinem Strand liegen. Sofern uns der Widerstandskampf vorher nicht umgebracht hat und wir dieses mörderisch harte Weihnachten irgendwie überstanden haben.


Tja, so was passiert, wenn eine Gesellschaft völlig verhätschelt ist, degeneriert und das alles mit einem enormen Anspruchsdenken koppelt. Am Ende lebt sie in dem Gefühl, ein recht auf irgendwas zu haben, ohne etwas dafür zu tun zu müssen. Und dafür will sie größtmögliche Aufmerksamkeit (und verwechselt dabei regelmäßig Aufmerksamkeit mit Erfolg).


Und wenn das nicht klappt: Erklärt sie alle anderen für verrückt oder sich selbst zu Helden.

Lockdown-Tagebuch: Die Selbstgerechten

Eine ganze Zeit habe ich mir mit gerungen: Wie geht man am besten mit den Corona-Krakeelern um? Was genau stößt mich an diesen Typen so entschieden ab? Aber in den letzten Tagen bin ich zu ein paar Antworten gekommen, zumindest für mich selbst.

Bild von Pete Linforth auf Pixabay

Also, erstens: Ich mag mich weder empören noch entrüsten. Es entrüsten und empören sich ja ohnehin schon genügend andere Menschen. Im Netz sowieso, auf offener Straße auch. Wenn immer alle dauerempört sind, ist niemandem geholfen, wenn ich auch empört wäre, außer natürlich den anderen Empörten, weil geteilte Empörung gleich doppelte Empörung mit einem irren Wohlfühlfaktor ist. Weil ich mich unter ständig entrüsteten Menschen aber nicht wohl fühle, ist es vermutlich keine schlechte Idee, sich einfach von dieser Spezies fernzuhalten.

Weil, und damit kommen wir zu zweitens: Weder Entrüstung noch Empörung sind probate Mittel, um mit den Krakeelern klar zu kommen (ich nenne sie übrigens bewusst nicht Covidioten, weil…siehe oben). Die wenigsten von denen sind ernsthaft an einer Debatte interessiert, sondern in erster Linie am Krakeelen. Selbst wenn man es versuchen wollte: Mit Leuten, die an Impfmücken glauben und die ihre Kinder als Schutzschilder missbrauchen, diskutiert man nicht, weil man das nicht diskutieren kann. Ich bin der toleranteste Mensch der Welt. Von mir aus kann jeder an Impfmücken glauben und er kann auch querdenken, so viel er mag. Nur von mir erwarten, dass ich mit ihm dann ernsthaft debattiere, das sollte besser niemand.

Schließlich, das wird dann drittens: Ich habe mich eine ganze Zeit lang gewundert, wie Menschen mit einem Kreuz neben denen mit Hakenkreuz herlaufen können. Wie Friedensbewegte und Esoteriker neben Reichsbürgern und Skinheads demonstrieren gehen können. Ist ja schließlich ideologisch kaum miteinander zu vereinbaren.

Dabei interessiert sich von denen niemand für Ideologie (außer den Nazis natürlich, aber das ist wieder eine andere Geschichte). Eigentlich ist ihnen auch das Thema egal. Was sie dagegen eint:

Jede Demo ist die gefühlte Jahreshauptversammlung des Verbandes der Selbstgerechten! 

Als Opfervertretung, weil es sich dabei um eine Reihe von gefühlten Opfern handelt. Aus deren Opferrolle erwächst dann, so paradox wie fatal zugleich, eine Anspruchshaltung, die in leichter Entrückheit gipfelt.

Wer so selbstgerecht ist wie die, der glaubt auch an die große Verschwörung. Und tut jeden, der das nicht macht, als Schlafschaf ab. Wenn das keine Form der kompletten narzisstischen Verblendung ist, dann weiß ich auch nicht mehr.

Das wiederum kommt mir inzwischen symptomatisch vor. Vermutlich gab es noch nie so viele selbstgerechte (und selbstverliebte) Menschen wie 2020. Das macht Debatten furchtbar anstrengend. Und bevor wir jetzt nur auf die „Covidioten“ schimpfen: Es ist ja nicht so, dass es nicht auf der anderen, der „guten“ Seite ausreichend viele Leute gäbe, die mit selbstverliebt (und gerecht) präzise beschrieben sind. Immer wieder spannend, wie viele Menschen sich für nicht weniger als einzigartig halten.

Vielleicht macht es ja gerade das so schwer. Der ganze Corona-Mist zwingt uns leider auch dazu einzusehen, dass wir nicht so einzigartig sind, wie wir glauben. Genau genommen reicht ein winziges, beschissenes Virus aus, um uns mal eben alle lahmzulegen. Hat sich was mit Einzigartigkeit!

Das muss man erst mal verkraften, eine solche Erkenntnis. Vielleicht sind die Krakeeler deswegen so pissed. Das selbstverliebte Ego des Durchschnittsmenschen 2020 kann es nur als eine hochgradige Verletzung empfinden, wenn das Virus schlauer ist als er. Da hilft dann bloß noch die Realitätsverweigerung.

Aber auch hier gilt: Das muss ich nicht wirklich diskutieren. Sucht euch einen guten Arzt, der hilft vielleicht.

Und alle anderen wissen eh: Wir sind zwar nicht einzigartig, aber wir werden auch das irgendwie überstehen. Für den ersten Impfstoff, wie passend, ist heute die Zulassung beantragt worden.

Unsere tägliche Twitterhölle

Zu meiner Zeit (schön, so einen Klopper mal sagen zu können) gab es einen Komiker/Musiker/Moderator namens Jürgen von der Lippe. Die Verwendung der Vergangenheitsform ist hier ein bisschen irreführend, weil es von der Lippe, mittlerweile 71, immer noch gibt. Allerdings nicht mehr ganz so omnipräsent wie früher. Man musste irgendwann in den Achtzigern schon einen beträchtlichen Aufwand betreiben, um dem Mann im Hawaii-Hemd zu entgehen. In seinen besten Zeiten versammelte er mit diversen Samstagabend-Shows schon mal ein paar Millionen Leute vor dem Bildschirm. Und alles andere, was er unternahm, war ähnlich erfolgreich.

Viel mehr kann ich nicht dazu sagen. Jürgen von der Lippe war nie so ganz meins. Zu bollerig, immer ein bisschen schlüpfrig, zu laut und zu offensichtlich auf Effekt bedacht. Ein lebendes Hawaii-Hemd. Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich in meinem Leben eine Reihe von Modesünden begangen. Ein Hawaii-Hemd war sicher nicht dabei.

Das Schöne an der damaligen Zeit (um endlich den nostalgischen Boomer-Schwenk hinzubekommen, der dieses Blog in Zukunft ein wenig prägen soll) war: Man musste von der Lippe wie auch alles andere auf der Welt nicht mögen, man konnte das prima ignorieren. Keinesfalls musste man sich darüber aufregen. Und auch für Herrn von der Lippe müssen das selige Zeiten gewesen sein: Das Schlimmste, was passieren konnte, waren ein paar schlechte TV-Kritiken in den Zeitungen.

Man darf aber annehmen, dass das Jürgen von der Lippe ziemlich wurscht war. Wenn du regelmäßig fünf Millionen Zuschauer hast, ist es dir weitgehend egal, ob einem Kritiker deine Sendung nicht gefällt. Schon alleine deshalb, weil du auch auf dem Konto ein paar Millionen mehr hast als der Kritiker. Und mehr Reichweite sowieso.

Man musste, das als letzte Grundsatzbemerkung zu Jürgen von der Lippe, sich auch nie wirklich über ihn aufregen. Was er machte, war samstagabendkonforme, ARD-taugliche Mainstreamunterhaltung. Nicht jedermanns Geschmack, aber alles in allem so harmlos, dass am Montag Morgen alles mögliche Straßengespräch war, nur nicht eine Samstagabendshow mit von der Lippe. Mit der Betonung auf: war. Heute würde er wahrscheinlich sofort ein Fall für den Rundfunkrat und tagelangen Grundsatzdebatten.

Heute ist also wieder Montag und der Begriff „Straßengespräch“ existiert nicht mehr. Ähnlich übrigens wie „Straßenfeger“. Jürgen von der Lippe allerdings hat ein Interview gegeben, das mittlerweile einen kleinen Shitstorm ausgelöst hat, dem digitalen und hässlichen Gegenstück zum Straßengespräch.

Mit allem, was dazugehört: Er solle die Klappe halten, man könne den Mann ja nicht ernst nehmen, dann sollen solche Leute wie er halt aussterben. Was man in der Twitter-Hölle eben schreibt, wenn die tägliche Sau durchs Dorf getrieben wird. Man entdeckt dabei dann so lustige Accounts wie „Mackerhass“ und auch die notorisch unlustige Sophie Passmann meldet sich sofort zu Wort: alter, weißer Mann hat was gesagt, da greift der Beißreflex. Einer schrieb dann übrigens noch das unvermeidliche „Ok Boomer“, was Twitter, wäre es ein besserer Ort, sofort mit einer zweiwöchigen Sperrung des Accounts wegen erwiesener Unoriginalität belegen müsste.

Von der Lippe hat dabei (wissentlich?) gleich zwei Themen aufgegriffen, über die man besser nichts sagen sollte: Greta T. bezeichnete er als „Comedy“, von der die Leute langsam die Nase voll hätten, weil mittlerweile die Kritik an den Zuständen nerviger seien als die eigentlichen Zustände. Und zum „Metoo-Thema“ sagte er auch noch was. Sinngemäß: Man müsse heute schon aufpassen, wenn man mit einer Frau flirte, das werde schnell als Übergriffigkeit missverstanden resp. empfunden.

In der täglichen Empörungsdemokratie wurden dann daraus so groteske Unterstellungen wie die, dass von der Lippe gesagt habe, ohne Übergriffigkeit mache das Flirten keinen Spaß mehr.

Dabei hätte man es eigentlich schnell wieder gut sein lassen können. Von der Lippe beklagt im Wesentlichen eine ziemlich verkrampfte und aggressive Atmosphäre, wobei ihm kaum jemand widersprechen kann, der nicht die letzten Jahre auf der dunklen Seite des Mondes verbracht hat. Wenn Bücher in den Bestseller-Listen inzwischen reihenweise heißen wie „Die aufgeregte Gesellschaft“, „Gesellschaft des Zorns“ oder „Die große Gereiztheit“, alle übrigens von Wissenschaftlern geschrieben, dann scheint da schon ein bisschen was dran zu sein. Nebenbei: Alle drei Büchern seien hiermit dringend zur Lektüre empfohlen!

Kurzum: Ich glaube, dass es in unserer goldenen Boomer-Zeit (also inzwischen vor bald 40 Jahren) deutlich gelassener zuging. Dass man nicht wegen jedem Kleinkram wie beispielsweise einem vergleichsweise läppischen Interview schäumend im Twitter-Dreieck hüpft und man den Geifer kaum mehr wegbringt. Dass man Dinge auch mal an sich vorbeiziehen lässt und nicht über jedes Stöckchen springt, das einem irgendein Netzwerk hinhält.

Und vor allem: Nee, ich war wirklich nie ein Fan von Jürgen von der Lippe, teile auch die Ansichten, die er jetzt von sich gibt, nur bedingt. Aber die Art, wie die Verfechter von Toleranz, Demokratie, Frauenrechten und die „Ok Boomer“-Spötter jetzt gerade über ihn herfallen, sagt mehr über sie als über von der Lippe aus. Ein guter, alter Benimmkurs wäre jedenfalls im einen oder anderen Fall keine so schlechte Maßnahme.

Falls ihr nicht wisst, was dieses Benehmen sein soll, liebe Kinder: Im Duden steht es. Und wenn ihr gerade dabei seid, schaut doch mal, ob ihr den Begriff „egal“ findet und markiert ihn euch.

Wir sind ok, Boomer!

Zum Geburtstag habe ich dieses Jahr etwas ganz Besonderes bekommen: Zwei Originalausgaben von Zeitungen meines Geburtstages. Eine Ausgabe ist die New York Times, die andere der „Spiegel“. Falls Sie mich zufällig kennen oder anderweitig etwas über mich wissen, dann ahnen Sie: Die beiden Blätter sind verdammt alt. Um genau zu sein: 55 Jahre. Das ist über ein halbes Jahrhundert.

Wir Ältere wundern uns bei solchen Zahlen bestenfalls darüber, wie schnell die Zeit vergeht. Für Jüngere ist es unvorstellbar, wie man so alt werden kann. Und dass es die Zeiten, in denen wir geboren wurden, tatsächlich mal gegeben hat. Ich für meinen Teil gehöre unbestreitbar zu den Generation der Babyboomer. Wenn man das heute diesen Begriff für sich verwendet, könnte man genauso gut zugeben, zum Abendessen am liebsten Meerschweinchen zu verdrücken. Viel schlimmer als Boomer geht heute nicht mehr.

Und dann habe ich mich als durchgeblättert die Hefte. Hab gestört in Namen, die ich selbst nur noch aus dem Geschichtsunterricht kenne. Mich durch abenteuerliche Layouts in schwarz-weiß gewühlt. Und bin auf Werbungen gestoßen, die mehr als alles andere ein lang versunkenes Lebensgefühl widerspiegeln. Schwer zu beschreiben mit wenigen Worten, aber es hatte viel mit Zigaretten zu tun.

Bei den Zigaretten – ab und an schrieb man damals auch „Cigaretten“, das sollte wohl edler wirken – bin ich dann auf dieses Prachtexemplar hier gestoßen:

Vermutlich war das das prägende Merkmal dieser Zeit, unserer Zeit: raus in die große weite Welt, weg vom piefigen, regnerischen, grauen und kalten Deutschland. Musste ja nicht für immer sein und auch nicht sonderlich abenteuerlich. Große, weite Welt, das bedeutete für unsere Eltern und oft genug für uns: Adria. Oder, wenn es denn mal mit dem Flugzeug richtig weit weggehen sollte: Mallorca, bei dem damals nie jemand auf die Idee gekommen wäre, es „Malle“ zu nennen. Oder mal eben über das Wochenende zum Golfen oder auch nur zum Saufen dorthin zu fliegen. Schon alleine deswegen nicht, weil das Fliegen damals einen großen bürokratischen Akt mit viel Papier erforderte. Und teuer war’s zudem.

Aus heutiger Sicht eine noch absurdere Idee als damals schon: Der Gestank einer giftigen Zigarette als „Duft der großen, weiten Welt“. Darüber schüttelt man heute zurecht den Kopf. Damals, da bin ich mir sicher, sind eine Menge Leute darauf angesprungen: Rauchen ist cool und Peter Stuyvesant klingt irgendwie weltmännisch.

Aber Moment, Fliegen – da war doch was. Das ist diese Geschichte, für die man sich heute unbedingt schämen sollte. Fliegen ist indiskutabel, umweltzerstörend, der Inbegriff der Ignoranz, mit der wir Boomer die Welt in eine unrettbare Situation gebracht haben.

Und plötzlich merkst du: Weil du ein bestimmtes Alter erreicht hast, nehmen dich die Generationen nach dir nur noch eingeschränkt für voll.

Man versteht bei dem Thema ganz gut, warum wir Boomer vermeintlich so aus der Zeit gefallen sein sollen: Wenn man sein ganzes Leben mit bestimmten Vorstellungen, Werten und Ideen verbracht hat, dann ist es nicht so ganz einfach, das alles mal eben wieder über Bord zu werfen. Schade, dass ich vermutlich nicht mehr miterleben werde, wie die Fridays-for-Future-Generation irgendwann sich selbst zugestehen muss, dass sie von ihren Kindern und Enkeln nicht mehr für ganz voll genommen wird. Das allerdings ist unausweichlich, weil es sich dabei um das gnadenlose Schicksal jeder Generation handelt. Irgendwann ist sie aus der Zeit gefallen oder zum vermeintlich lässigen Accessoire verkommen. Fragen Sie mal die Punks aus der Hoch-Zeit der Bewegung Ende der 70er. Punk-Motive auf H&M-Shirts zu sehen, das hätten die sich nicht träumen lassen. War ja auch nicht die Idee, damals.

Reisen also, das Gefühl der großen, weite Welt. Die war für uns tatsächlich noch groß und weit. Weil Fliegen damals zwar nicht als Menschheitsbedrohung wahrgenommen wurde, dennoch aber erstens sauteuer und zweitens komplex zu organisieren war.

Bis in die 80er hinein hatte jeder, der fliegen wollte, einen halben Aktenordner an Unterlagen dabei. Dessen Zusammensetzung verstanden nur die Menschen am Check-in und man selber war froh, wenn man unbeschadet rein und wieder raus kam. Boarding-Pässe online, buchen in einer App und Flüge für 50 Euro nach Malle? Undenkbar. Wer flog, hatte es geschafft.

Aus dem ehemaligen Statussymbol Fliegen ist eine erstklassige Peinlichkeit geworden

Dass es weder der Umwelt noch dem Ambiente des Fliegen guttut, dass man heute für alberne Beträge in Minutenschnelle buchen kann, ist dann wieder ganz etwas anderes. Für uns böse Boomer war Fliegen lange Zeit nicht weniger als das: ein Statussymbol. Zeiten ändern sich, heute steht Fliegen für alles, was schlecht ist in der Welt, einschließlich für uns, schon klar.

Wie schnell kann man sich auf neue Zeiten einstellen und wie lange dauert es, bis man als aus der Zeit gefallen gilt? Die Antwort auf diese Frage hat ganz mit der eigenen Perspektive zu tun. Bist du selber jung, was wir Boomer ja auch mal waren, obwohl sich das keiner so recht vorstellen kann, wundert man sich über die Alten: einfach nicht verstanden, wie die Welt tickt, klammern sich an frühere Konventionen, blockieren den Weg in eine bessere Zukunft. Keine Sorge, Snowflakes, das haben wir auch mal gedacht. So wie die Generation vor uns und da wiederum die Generation vor denen. Es ist also keineswegs eure wahnsinnig schlaue und neue Erkenntnis, wenn ihr denkt, dass Menschen, die ein paar Jahrzehnte älter sind als ihr, irgendwie anders und konservativer sind. Das denken wir alle, wenn wir jung sind.

Wenn du dich mit 50 aufführst wie mit 30, wird es schnell mal albern

Umgekehrt kann man sich als junger Hüpfer nur schwer vorstellen, jemals so zu werden wie die eigenen Eltern oder womöglich sogar die Großeltern. Was die alles verbockt haben, macht man selber irgendwann besser. Logisch, weil: Hat man ja gesehen, was rauskommt, wenn man die Alten machen lässt. Dass man dann früher oder später plötzlich aus dem Sturm&Drang jüngerer Jahre herausfällt, dass man Dinge gerne mal so belässt, wie sie sind und man umgekehrt anfängt, von 20-jährigen genervt zu sein – jeder heute 20jährige, dem man das heute prophezeit, wird entrüstet den Kopf schütteln. Aber auch hier gilt: Haben wir alle gemacht, passiert euch irgendwann genauso.

Was im Übrigen nicht verkehrt ist. Wer sich als Mann (oder Frau) im gesetzteren Alter immer noch anzieht und aufführt und womöglich sogar denkt wie ein Mittzwanziger, der hat erstens nichts begriffen und ist zweitens auf dem besten Weg, sich ein bisschen lächerlich zu machen.

Alles ganz normal also? Ein bisschen Generationen-Konflikt, mehr nicht? Vermutlich ja. Gemessen daran, was die Generation meiner Eltern an potenziellen Konflikten vorfand, ist das Ok-Boomer-Gerede von heute müdes Geschwätz. Unsere Eltern nämlich hatten sich mit der Frage zu beschäftigen, wie es zum größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte kommen konnte. Und viele mussten feststellen: Auch meine eigene Familie hängt da mit drin. Hätte diese Generation von gestohlenen Kindheiten gesprochen, man hätte es verstehen müssen. Dagegen wirkt das wohlfeile Zeug der Wohlstandsjünglinge von heute und ihr notorisches Genöle in Richtung Boomer-Generation ein wenig beliebig.

Schon Achtjährige werden zur Projektionsfläche

Neu ist auch, dass unsere eigene Generation offenbar der festen Überzeugung ist, dass unsere Kinder die Welt retten, die von uns an den Abgrund gebracht wurde. Während sie sich selbst geißeln, erzählen sie dann von ihren Achtjährigen, die sorgenvoll an mehr Klimaschutz und an den Weltfrieden denken. Beide habe ich schon gelesen, in allergrößter Ernsthaftigkeit vorgetragen: Mein Kind sorgt sich um den Weltfrieden und den Klimaschutz. Die Kinder solcher wahnwitziger Eltern tun mir regelmäßig leid. Auf der anderen Seite erklärt das ein bisschen, warum inzwischen auch gestandene Erwachsene einer 17-jährige aufbürden wollen, den ganzen Planeten retten zu müssen. So viel Projektionsfläche für irgendwas ist nicht mal der Papst.

Warum diese vielen Worte, ausgehend von einer Geschichte über zwei alte Zeitungen, die ich zum Geburtstag bekommen habe? Weil ich mich ein Jahr lang durchblättern möchte. Durch Anzeigen, Geschichten, alte Videos. Und anhand ihrer Geschichten erzählen. Über uns Boomer. Warum wir so sind wie wir sind. Und warum das gar nicht so schlimm ist, wie man neuerdings immer hört.

Mehr dann ab sofort an dieser Stelle.

Denken Sie doch, was Sie wollen

Hätte man mich früher gefragt, woran man es merkt, alt zu werden, ich hätte etwas in dieser Richtung geantwortet: Man wird mit allem ein bisschen langsamer, es zwickt überall ein wenig. Vielleicht wird man auch ruhiger, gesetzter. Man rebelliert nicht mehr gegen alles und man sagt Dinge, von denen man nie geglaubt hätte, sie jemals zu sagen.

Heute würde ich antworten: Man merkt es daran, momentan für alles verantwortlich gemacht zu werden und am beklagenswerten Zustand der Welt alleinschuldig zu sein. Weil man drei grässliche Dinge in sich vereint: Man ist alt, weiß und männlich.

Mit diesen Schlagworten stirbt jede Diskussion und man selbst gleich auch noch ein bisschen. Weiße alte Männer sind toxisch, privilegiert, zerstören die Welt, belästigen Frauen, sind der lebende Klimawandel und alle anderen Übel der Erde dazu. Deshalb haben sie im Umgang nur noch wenige Möglichkeiten: Entweder sie entschuldigen sich im Voraus für alles, vor allem ihre Existenz, geben Feministinnen, Fridays for Future und allen Spiegel-Online-Kolumnisten per se mit allem recht, nicht ohne zu betonen, wie sehr sie sich für die anderen alten, weißen Männer schämen.

Alte weiße Männer (Symbolbild).

Oder…ja, was eigentlich: oder? Selbstverteidigung oder Debatten nutzen nix, weil siehe oben: Alter, weißer Mann. Mit so was redet man nicht, außer man wirft ihm ein „Ok, Boomer“ entgegen. „Ok, Boomer“, das heißt vorsichtig übersetzt: Halt die Klappe, Opa. Vermutlich kommen sich Menschen, die sowas sagen, ganz besonders cool und ein kleines bisschen anarchistisch vor. Ich stelle mir gerade vor, was wohl los wäre, man würde so einem Mittelstands-Bürschchen ein „Halt die Klappe, Snowflake“ hinwerfen. Die Kolumnen entrüsteter Autoren über die unerträgliche Ignoranz alter Männer würden sich beinahe wie von selber schreiben.

Dieses „Ok, Boomer“ in seiner ganzen Rotznasigkeit ließe sich wunderbar ignorieren oder wenigstens mit einem „Dig deeper, Watson“ beantworten. Das reicht eigentlich. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob die gegenseitigen Aufforderungen, einfach die Klappe zu halten, auf Dauer sehr zielführend sind. Vermutlich eher nicht. Auf der anderen Seite, wer braucht schon zielführende Ideen, wenn er sich bei Twitter auskotzen kann? Oder, noch schlimmer: In einer Kolumne.

Auf der anderen Seite: Immer wenn ich dieses „Ok, Boomer“ höre, juckt es mich in den Fingern, den wohlstandsverwahrlosten Mittelstandskindern oder den Millenial-Snowflakes ein paar Sachen zu erzählen. Also, Kinder, dann passt auf, falls eure Aufmerksamkeitsspanne so weit reicht.

Ihr findet also „Ok, Boomer“ cool? So witzig und geistreich, dass ihr daraus ein Meme macht?

Ihr seht es mir nach, wenn ich das weder originell noch übermäßig mutig finde. Ich komme, wie ihr wissen müsst, aus einer Zeit, in der es noch nicht als Ausbund von Engagement und Risikofreude galt, wenn man freitags die Schule schwänzte. Ich erinnere mich steineschmeißende Leute, die später Außenminister wurden und an solche, die am Bauzaun von Wackersdorf mal die geballte Macht des Staats zu spüren bekamen. Nicht falsch verstehen, Kinder, ich glaube nicht, dass Steineschmeißen und andere gewaltsame Aktionen irgendwas Gutes bewirken.

Was ich sagen will: Es ist jetzt wirklich nicht so, dass ihr das Engagement für oder gegen irgendwas erfunden habt, das konnten wir alten weißen Männer vor Jahrzehnten auch schon ganz gut. Und stellt euch vor, für die Veranstaltungen dort musste man weder 30 Euro Eintritt zahlen noch haben wir fürs Fehlen in der Schule oder sonstwo Entschuldigungen von unseren Eltern gefordert. Oder hinterher gejammert, dass es für unser Handeln Konsequenzen gab.

Es ist ohnehin ziemlich einfach geworden, auf uns alte, weiße Männer einzuschlagen. Es ist genau genommen der billigste Triumph, den man bekommen man. Alte, weiße Männer, der geht immer. Erkennt man auch daran, dass selbst viele der Betroffenen sich in den Staub werfen: Wir haben versagt, alles falsch gemacht, gut, dass jetzt die neuen Zeiten kommen (das haben sie sich ja inzwischen sogar schon bei der scheintoten SPD auf die Fahnen geschrieben).

Überhaupt, die einfachen Lösungen und die Klischees. Und die Verkrampftheit unserer Tage, bei man mit etwas guten Willen sofort alles als sexitisch, rassistisch oder sonstwie als in toto inakzeptabel bezeichnen kann. Unlängst beispielsweise habe ich einen einigermaßen empörterten Text darüber gelesen, wie sexistisch es von der Deutschen Bahn sei, bei den Sicherheitsfragen beim Einloggen ins Netz „Wie ist der Geburtsname Ihrer Mutter“ anzubieten. Ich habe keine Ahnung, wie man auf die Idee kommt, dass es sich dabei um Sexismus handelt. Aber selbst wenn man das für sexistisch hält: Was spricht dagegen, dann halt einfach eine andere Sicherheitsfrage auszuwählen und nicht der Welt mit länglich-krampfigen Ausführungen auf die Nerven zu gehen?

Das Schlimme an heutigen Zeiten, nebenbei bemerkt: Man fühlt sich sofort versucht, sich zu rechtfertigen. Also Leute, nee, ich bin kein Nazi, habe mit der AfD nix zu schaffen und trage keinen Aluhut. Ich bin lediglich Verfechter von radikaler Gelassenheit und von Extrem-Toleranz. Die Grenze ist das Grundgesetz, fertig. In dessen Rahmen darf meinetwegen jeder glauben und auch sagen, was er will. Wer das nicht aushalten kann, ist das Problem.

Hat dann dieses verfluchte Älterwerden gar keinen Vorteil, außer, dass man in ein paar Jahren bei der Bahn Senioren-Vergünstigungen bekommt? Doch, es gibt solche Vorteile. Der größte davon: Die Freiheit, selbst zu denken, egal, was jemand darüber denken könnte, wächst von Tag zu Tag.

Und wer das nicht nutzt, ist selber schuld.

Warum die prügelnde Schwester Luise heute Journalistin wäre

Meine erste Kindergärtnerin hieß Schwester Luise. Sie zeichnete sich durch eine unerbittliche Unbedingtheit aus, setzte ihre Auffassung schon mal durch, indem es etwas hinter die Löffel gab und hatte alles in allem, als sie vor rund 50 Jahren ihr Unwesen trieb, keinerlei Zweifel an der Richtigkeit ihres Handelns. Schwester Luise war eine Autorität kraft ihres Namens (Schwester! Luise!), ihres Aussehens (streng!) und ihrer Position (Chefin des Kindergartens!). Bei so viel moralischer und amtlicher Überlegenheit zweifelte niemand daran, ob es in Ordnung, was die Frau da trieb. Aber wie gesagt, das ist 50 Jahre her und damals herrschte weitgehend die Überzeugung, es schade Kindern nicht, wenn es mal was auf den Hintern gibt.

Von Schwester Luise zu den moralischen Autoritäten heutiger Tage ist es ein weiter Weg. Eines aber haben sie auch nach einem halben Jahrhundert gemeinsam: Man muss sie nicht mögen. Weil sie meistens so etwas Herablassendes an sich haben und dir das Gefühl verpassen, mindestens ein bisschen minderwertig zu sein. Das findet niemand schön, nicht mal dann, wenn die Autorität vielleicht sogar recht hat.

Schwester Luise würde heute auch nicht mehr Kindergärtnerin werden (und wenn doch, würde sie wahrscheinlich darauf bestehen, dass Kinder in genderneutralen Kostümen zum Kindergarten-Fasching erscheinen). Viel eher wäre sie JournalistIn (ersetze auch durch Journalist*in, Journaltistex, Journalist-In). Als solche würde sie Texte schreiben wie den, den ich vor kurzem in einer einigermaßen hoch angesehen Wochenzeitung entdeckt habe. Er ging, ich beschreibe das aus Gründen des Personenschutzes absichtlich so vage, um die beliebten Themen unserer Zeit, die mit der moralischen Fallhöhe halt. Eines dieser Themen, bei der man sich grundsätzlich zwar schnell einig wird, dass man „sowas“ nicht macht, die Frage aber offen ist, wo „sowas“ überhaupt beginnt.

Diese Debatten haben gemeinsam, dass sie schnell ins Absurde geraten (siehe auch: nicht-diskrimierende Kindergarten-Kostüme). Und dass sie kaum mehr konsensfähig sind. Entweder du bist Schwester Luise. Oder ein ignoranter Halbnazi. Schwester Luise und ignorante Halbnazis mögen sich nicht.

Aber zurück zum eigentlichen Text, der alles hatte, was die Schwester-Luise-Journalisten der Neuzeit gerne demonstrieren: Die Geschichte strotzte vor Dünkel, warf mit Fremdwörtern (Distinktion durch Absetzung!) nur so um sich und war alles in allem bewusst so gehalten, dass man sie nur bei intellektueller Gleichwertigkeit und Zugehörigkeit zum selben ideologischen Stamm halbwegs verstehen konnte. Ich gebe zu: Wirklich kapiert habe ich sie nicht.

Selbst aber dann, wenn man sie inhaltlich nicht ganz verstand, ließ sie keinen Zweifel offen: Schwester Luise hat recht und wer das bezweifelt, hat die ganze Sache einfach nicht begriffen. Punkt, Ende der Debatte.

In solchen Fällen geht es dann gar nicht mehr ums Thema. Sondern ums Rechthaben. Und der Demonstration der eigenen moralischen und intellektuellen Überlegenheit. So was ruft naturgemäß nicht nur freundliche Reaktionen hervor. Es soll sogar Leute geben, die sich davon abgestoßen fühlen, wenn jemand derart dünkelig daherkommt. Das ist dann nicht nur eine Frage der politischen Positionen, sondern eine Art Trotz. Jan Fleischhauer beispielsweise oder Ulf Poschardt, die stehen beide bestimmt nicht auf der linksgrünen Seite, treiben dich aber beide schon alleine wegen der bewusst schnöseligen Art in den Wahnsinn. Man möchte am liebsten aus purem Trotz genau anderer Meinung sein. Selbst dann, wenn man zähneknirschend feststellen muss, dass die Schnösel in der Sache gar nicht so falsch liegen.

Unser Autor jedenfalls, um den es die ganze Zeit geht, macht nach Veröffentlichung seines neuesten Werks immer das Gleiche: Er veröffentlicht Screenshots der übelsten Leserbeschimpfungen mit dem sinngemäßen Kommentar: Ach, schaut mal, wie mich die Dummerchen aus der anderen Ecke wieder angehen. Das ruft dann die Anhänger unserer Schwester Luise auf den Plan. Gemeinsam amüsiert man sich über die anderen, die einfach zu doof und ignorant sind, Schwester Luise bei ihren Ausführungen folgen zu können.

Und ich glaube, sie fühlen sich dann richtig dabei.

Hinterher beklagt man sich dann über den Zerfall der Debattenkultur in Deutschland und darüber, dass die anderen so ignorant sind.

Dass übrigens haben sie gemein mit Schwester Luise: Wenn die jemanden was hinter die Löffel gab, kam ebenfalls immer der Hinweis, der andere habe ja förmlich um die Watschn gebeten.

(Am Rande ein kleiner Buchtipp: „Diese verdammten liberalen Eliten – wer sie sind und warum wir sie brauchen“ heißt ein wunderbar erhellendes, witziges und spannendes Buch von Carlo Strenger. Ich habe es verschlungen und an vielen Stellen Menschen aus meinem beruflichen und privaten Umfeld vor Augen gehabt. Manchmal sogar mich selbst.)

USA-Tagebuch (3): Dorian – oder: Im Auge des Sturms

In Deutschland liest man Geschichten von Hurrikanen in den USA meistens mit einem wohligen Schauern. Das hat damit zu tun, dass Politiker hier zu viel markigeren Worten greifen, als es Frau Merkel oder Herr Scholz jemals täten. Hier ist ein Sturm schnell ein Monster und Statements werden schon mal mit dem Satz beendet: Gott schütze alle, die es nicht mehr rechtzeitig raus geschafft haben.

Aktuelle Wetterlage im Katastrophengebiet: weitgehend sonnig. Ok, das kann sich noch ändern in den nächsten Tagen.

Wir haben es diesmal nicht mehr raus geschafft. Im Gegensatz zu 2017, da wurde unsere Unterkunft evakuiert. Von dem Hurrikan „Irma“ haben wir damals nur mitbekommen, dass er uns quasi immer gefolgt ist. Eingeholt hat er uns nicht, wir sahen nur ein paar dunkle Wolken im Rückspiegel und aus dem Fenster des Flugzeugs, das uns aus Florida rausgebracht hat.

Eine Evakuierung würde diesmal keinen Sinn haben. Bisher weiß man nur, dass „Dorian“ irgendwo an der Ostküste auf Land treffen wird. In Frage kommt ein Streifen, der fast so groß ist wie Deutschland. Davon abgesehen gibt es auch einige Meteorologen, die meinen, der Sturm pralle gar nicht an der Küste richtig auf Land, sondern entfalte seine ganze Kraft erst im Landesinneren. Gerade kam eine Breaking News, der Sturm drehe nach Norden Richtung Georgia ab. Potentiell, das lesen wir auch gerade, gebe es drei Möglichkeiten. Aus Kapazitätsgründen will ich sie nicht alle schildern. Sie laufen zusammengefasst auf eines raus: Man weiß ungefähr gar nichts.

Wie dem auch sei: Wir sitzen jetzt hier in Miami und erleben zum ersten Mal live mit, wie es so ist, wenn sich eine ganze Region, ein ganzes Land auf den Hurrikan vorbereitet.

Weil wir brave Deutsche sind, haben wir eingekauft. Möglicherweise ein bisschen zuviel.

Der ist erstmal nach wie vor ein abstraktes Konstrukt, weil er ja noch gar nicht da ist. Deswegen pendelt das Leben hier zwischen Business as usual und vorbereiten auf den Weltuntergang. Letzterer wird tendenziell eher von (sorry, Kollegen!) Medien betrieben als von der Wirklichkeit. Immer, wenn es in den USA zu Sturmwarnungen kommt, wird eine zuverlässig funktionierende Maschinerie angeworfen. Innerhalb von ein paar Tagen heißt es dann, man werde dem Erdboden gleich gemacht. Kein Wunder, dass viele Amerikaner diese Warnungen nicht mehr so ernst nehmen wie sie es vielleicht doch tun sollten.

Geht man jedenfalls an diesem Wochenende durch Miami, dann spürt man eine Gelassenheit, die zum einen mit amerikanischer Lässigkeit auf der einen und den Erfahrungen mit den Stürmen auf der anderen Seite. Nicht umsonst spricht man hier von der „Hurrican Season“. Kommt immer wieder, so wie Weihnachten und Ostern. Manchmal stärker, manchmal weniger.

Trotzdem ist es interessant, so was mal mitzunehmen. Weil so ein Hurrikan trotz alledem natürlich immer noch ein potenziell lebensbedrohliches Schauspiel ist. Das aus Naturgewalten besteht, die man sich bei uns kaum vorstellen kann. Nächstes Mal, wenn Bild & Nörgel-Bürger wieder etwas von Hitze, Regen oder Schnee in Deutschland erzählen und jammern, wie furchtbar alles ist, werde ich dran denken.

Und jetzt wieder zurück in die Küche. Ich vermute, wir braven Deutschen haben viel zu viele Vorräte für den anstehenden Überlebenskampf eingekauft. Ein paar davon können weg.