Alles reine Kopfsache: Warum dieses C-Ding plötzlich gar nicht mehr so schlimm ist

Zwei Jahre habe ich mich selbst eingesperrt, isoliert, gedownlocked. Das Haus kaum verlassen, Menschen nur dann getroffen, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Und angemessen Panik geschoben, dass ich mich infizieren könnte, mit diesem Corona -Dings . Dann kamen knapp zwei Wochen USA und alles ist anders.

Florida während Omikron: Prall gefülltes Eishockey-Stadion in Miami, knapp 20.000 Zuschauer. Darunter zwei mit Maske, das waren wir. (Fotos: Christian Jakubetz)

Delphine im Golf von Mexiko besuchen, Golf spielen bei 30 Grad und Alligatoren neben dem Fairway. Miami am Abend, Key Biscayne am Tag. Smalltalk mit älteren Ladys von der Ostküste und amüsante Begegnungen mit Kellnern in einem Mexikaner. Ein Typ, der dir deine Najos und dein (echt jetzt) Corona-Bier bringt und dir währenddessen in einem rasenden Tempo und unverkennbaren Südstaaten-Dialekt sein halbes Leben erzählt. Das ist das, was ich an den USA so mag: eine unvergleichliche Lässigkeit und das Gefühl, dass nichts passieren kann, was man nicht wahlweise mit einem “wird schon werden” oder “don’t give a f*ck” wieder hinter sich lassen kann.

Und das Wetter ist auch schöner, zumindest im Süden.

In Deutschland muss ich stattdessen seit ein paar Tagen über eine simple Frage rätseln. Und zwar alleine, weil mir in all dem Wirrwarr noch niemand eine finale Antwort geben konnte.

Ist Johnson & Jonson plus Genesung gleichwertig mit Genesung und dreimal BionTech?

Die Sache ist die: Ich bin einmal mit Johnson&Johnson geimpft und weil man ein paar Monate später festgestellt hat, dass Johnson doch nicht so gut ist wie man dachte und man genauer gesagt so gut wie gar nicht damit geschützt ist, habe ich mir, braver Deutscher, der ich bin, im Herbst eine Ladung Biontech verpassen lassen. Das hat Frau Omikron aber nicht daran gehindert, mich zu befallen. Weswegen ich, was angesichts von 2g Plus wichtig werden könnte, über meinen Status als solchen nachgedacht habe.

Das ist nicht so einfach wie man denken könnte. In Deutschland haben wir nämlich die meisten und auch strengsten Corona-Regeln weltweit, wie eine Studie herausgefunden haben will. Ich habe keine Ahnung, ob das stimmt, aber es würde mich nicht wundern. Angeblich ist ja auch der größte Teil der weltweiten Steuer-Literatur auf Deutsch verfasst. Und was wir mit den Steuern geschafft haben, werden wir doch wohl mit so einem albernen Virus auch hinbekommen, wäre ja gelacht.

Kurz gefragt also: Müsste ich als doppelt Geimpfter noch einen Test vorlegen, wenn ich irgendwo hin will, wo 2 G Plus greift?

Einfache Antwort: Im Prinzip vielleicht.

Die Sache ist nämlich die: Bundesweit ist man sich einig, dass Johnson & Johnson (das ist dieses “One and done”-Ding) weiterhin als vollständige Impfung gilt. In Bayern allerdings vertritt man neuerdings die Auffassung, Johnson jetzt nicht mehr als ganz vollwertig anzuerkennen, weswegen eine zweite Dosis mit Biontech lediglich die Vervollständigung der Grundimmunisierung ist und nicht mehr als Booster gilt. Unsicher ist, ob meine inzwischen erfolgte Genesung als Booster gilt, das weiß man nicht so genau. Falls nicht, wäre es insofern blöd, weil ich mich nach erfolgter Genesung aktuell gar nicht boostern lassen kann, weil man sich nach einer Infektion erst sechs Monate später wieder impfen lassen soll, in manchen allerdings auch nach vier Wochen. Wer also bin ich und wenn ja, wie viele Impfungen?

Hallo, sind Sie noch da?

Ok, dann weiter.

Generell war bis vor ein paar Tagen die Lage interessanterweise so: 

Wenn man eine Infektion hatte und sich danach (Achtung, das wird noch wichtig) zweimal impfen lässt, gilt man als geboostert. Ist man dagegen vorher zweimal geimpft und es erwischt einen danach, gilt man nicht als geboostert. Bei drei Impfungen ist es dann wurscht, es sei denn, irgendwo war Johnson & Johnson im Spiel und man lebt in Bayern. Zumindest habe ich das so verstanden, ich würde aber keine Garantie übernehmen, dass ich das richtig kapiert habe.

Immerhin hatte mein zuständiges Gesundheitsamt einen Trost für mich: Ich solle davon ausgehen, dass ich jetzt bis zur Halskrause voll mit Antikörpern sei. Und vermutlich ist Omikron kein Thema mehr für mich. Ich kann also beruhigt auf die nächste Variante warten.

Wenn du nix mehr kapierst, ist es nicht verwunderlich, wenn dir das meiste irgendwie egaler wird

Mit dieser kommunikativen und regulatorischen Meisterleistung hat mich Deutschland im neuen Jahr begrüßt. Vermutlich wäre mir die ganze Beklopptheit unseres Regelwahns auch nicht weiter aufgefallen, weil ich meine Wagenburg in meinem Bunker in den vergangenen zwei Jahren nur noch im Notfall verlassen und alles mehr oder minder still erduldet habe. Aber jetzt war ich in den USA, home of the Omicron.

In den USA lassen sich die Regeln leichter zusammenfassen:

  1. Es wäre eine gute Idee, wenn du dich impfen lässt.
  2. Es wäre nett, wenn du gelegentlich eine Maske tragen könntest.
  3. Alles andere ist deine Verantwortung.

Bevor jetzt jemand kommt und darauf hinweist, dass das gar keine Regeln sind und dass es schon ein paar Regeln mehr gibt: Obere Aufzählung ist lediglich eine bewusste Zuspitzung. Und bevor jetzt noch jemand dazwischen funkt, dass ich mir doch bitte mal die Situation in den USA anschauen soll: Ja, ich bin weder blind noch Traumtänzer.

Und trotzdem, es war der schönste Kontrast meines Lebens. Natürlich habe ich alles so gehalten, wie ich es in Deutschland auch gehalten habe. FFP2, wo immer es geht. Social Distancing, möglichst wenige Besuche von irgendwas auch nur Semi-Öffentlichen. Das geht in Florida auch deswegen ziemlich gut, weil man sich auch abend noch gut draußen aufhalten kann und man selbst im Urlaub vergleichsweise wenig Menschen in Innenräumen begegnet. Und ein voller Strand ist immer noch lächerlich leer im Vergleich zu seinen Pendants in Europa (man muss ja nicht unbedingt an den Miami Beach).

Vermutlich könnte mir jetzt jeder Wissenschaftler und Virologe ein “Bist du bekloppt?” entgegen schmettern und ich könnte nicht mal richtig widersprechen. Aber weil so eine zwei Jahre andauernde Pandemie ja irgendwie auch eine Kopfsache ist: Es war so schön, 14 Tage nicht einen sorgengramen Karl Lauterbach im TV sehen zu müssen. Es war wunderbar, nicht auf Inzidenzen zu schauen und nicht zu googlen, welche Regel jetzt gerade gelten könnte. Alarmismus, auch wenn er gut gemeint ist, macht mürbe irgendwann. Wenn du zwei Jahre lang hörst, dass das, was jetzt kommt, so schlimm wird wie noch nie, zuckst du irgendwann mal die Achseln. Noch schlimmer als das Allerschlimmste, wie geht das?

Zugegeben, in Deutschland würden wir uns im Januar (und auch sonst) ein bisschen schwer tun, so mit Omikron umzugehen. Trotzdem, was zählt, ist das Mindset. Und das ist in den USA ein anderes. Aufgenommen in Naples, Westküste Florida.

Und die Amis? Zucken die Achseln. Und gehen an den Strand. Über die Schattenseiten des Laissez-Faire dann mehr in den nächsten Tagen. 

Solange muss ich  versuchen, mein gefühlsamerikanisches Mindset wenigstens noch ein bisschen durch die deutsche Tristesse zu retten. Spätestens dann, wenn ich mit einem Türsteher debattieren muss, ob ich neben geimpft und genesen auch als geboostert gelte, ist das eh wieder vorbei.

Unseren Freunden in den USA sind jedenfalls fast die Augen ausgefallen, als ich Ihnen von 2G und 2G Plus und 3 G erzählt habe.

Auf der anderen Seite: Als sie uns das erste Mal in Deutschland besucht haben, hatten sie sich ein paar wichtige Germany-Regeln aufgeschrieben. Die allerwichtigste: In Deutschland bleibt man auch dann an einer roten Ampel stehen, wenn weit und breit niemand in der Nähe ist. Das glaubten die damals wirklich. Und wenn ich es mir recht überlege: Ein Wunder ist es nicht.

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