Lockdown-Tagebuch: Atemlos, der Corona-Remix

Willkommen im neuen Jahr und willkommen zu einem ganz normalen Samstag! Szenen eines Lockdowns, Januar 2021.

Heute früh in Dillingen, der hübschen Kleinstadt meiner Wahl: An einem Supermarkt-Parkplatz sammeln sich die Autos, als würde es was umsonst geben und zudem Flori Silbereisen und Helene Fischer dort exklusiv ihr Liebes-Comeback bekannt geben und dann gemeinsam ihren neuen Monsterhit, die Corona-Edition „Atemlos durch die Nacht, der Intensivstation-Remix“ vorstellen.

Und du denkst dir: Moment, war da nicht was, irgendwelche Beschränkungen der maximal erlaubten Personen im Geschäft? Der vor Weihnachten noch abgestellte Security-Dienst ist jedenfalls verschwunden, die Leute plauschen ein wenig am Parkplatz. Und egal, wie genau die Beschränkung jetzt eigentlich lautet, eingehalten wird sie sicher nicht.

Die Kollegen der „Süddeutschen“ schreiben im Lokalteil unterdessen, dass die Menschen im bayerischen Oberland, beispielsweise am Tegernsee, gerade nicht so gut auf Stadtmenschen aus München zu sprechen sind. Das liegt vor allem daran, weil diese Menschen regelmäßig in solchen Mengen zur Naherholung ins Oberland fahren, dass man sich als Außenstehender gelegentlich fragt, was genau das noch mit „Erholung“ zu tun hat.

Kein bayerisches Phänomen übrigens. Im sauerländischen Winterberg können sie die lieben Ausflügler nur noch mit Polizeihilfe davon abhalten, allzu exzessiv „Erholung“ zu suchen. Davor hatten sie schon die Pisten und Hänge und Lifte und auch die Toiletten gesperrt. Genutzt hat es nichts.

Man lernt: Der Durchschnittsdeutsche setzt sein Recht auf Naherholung ähnlich vehement durch wie Trump-Anhänger das Kapitol stürmen. Da lässt er sich nicht mal davon abhalten, dass es keine Toiletten gibt, Und gesperrte Hänge? Pah! Hauptsache, die Kinder kommen mal wieder zum Rodeln!

Kurze Eindrücke auch von den Lektüren der letzten Tage. Ein an sich sehr geschätzter Kollege in der SZ schreibt, man stecke sich an Skihängen nicht an und man müsse den Leuten ja wenigstens noch ein paar Freiheiten lassen. Klasse Idee, denke ich mir, während ich dabei auf den überfüllten Supermarkt-Parkplatz schaue. Freiheit und marodierende Ausflügler, das ist wirklich das, was wir jetzt brauchen. Und Einkaufen am Samstagmorgen.

Heribert Prantl, moralisierender SZ-Wanderprediger, vermisst währenddessen „Phantasie“ bei den Corona-Regelungen. Immer nur Verbote, das sei etwas wenig, befindet Prantl. Jemand, denke ich mir, müsste das mal Frau Merkel erzählen. Bitte etwas mehr Phantasie, Frau Bundeskanzlerin! Sie können doch nicht immer verbieten! Ich wüsste wirklich gerne, was die nüchterne Naturwissenschaftlerin Merkel dazu sagen würde. Aber ich glaube, sie würde jetzt nicht auf die Idee kommen, Prantl einen Kabinettsposten anzutragen. Heribert Prantl, Phantasieminister.

Eine andere, ebenfalls sehr geschätzte Kollegin, beschreibt in ihrer Elternkolumne im „Spiegel“, dass sie sich ein wenig um ihren Fünfjährigen sorgt. Die Erzieher im Kindergarten attestieren ihm eine geringe Frustrationstoleranz. Ein ziemlicher Euphemismus, denke ich mir, während ich das lese. Der junge Mann bekommt anscheinend veritable Zornesausbrüche, wenn etwas nicht innerhalb von geschätzten vier Sekunden funktioniert.

Vermutlich kommt so was ja von so was. Mit der Frustrationstoleranz ist es ja, siehe oben, auch unter uns Erwachsenen nicht weit her. Bei den Kleinen sind es die Eltern, die alle Hindernisse aus dem Weg räumen. Für die Prantls und all die anderen ist es die Kanzlerin. Oder Jens Spahn. Irgendjemand halt, irgendjemand muss doch verdammt noch mal die Pandemie beenden können!

Eine Gesellschaft der Frustrationsintoleranten erzieht lauter kleine frustrationsintolerante Monster. Und irgendwo in China, da lachen sie sich gerade weg über eine Gesellschaft, die es für ein Menschenrecht hält, dass alles exakt so funktioniert, wie sie es gerne hätte.

Lockdown-Tagebuch: Von Machern und Flachpfeifen

Kennt ihr den Unterschied zwischen Machern und Flachpfeifen? Die einen tun, die anderen reden nur müde daher.

Aber erst mal: Den Regeln des Anstands folgend, müsste ich hier jetzt schreiben: Ich bedanke mich bei allen, die an meinen Geburtstag gedacht haben. Ich habe mich über jeden sehr gefreut.

Das stimmt zwar grundsätzlich, ist aber gleichzeitig das Langweiligste, was man sich vorstellen kann. Und mit Langeweile, Berechenbarkeit und Konventionen das neue Jahr zu beginnen, gäbe es etwas Trostloseres?

Früher, in normalen Zeiten (also bis ca. Januar 2020) hätte ich jetzt an dieser Stelle irgendwas über den Charme des unkonventionellen Denkens und der Segnungen der unabhängigen eigenen Sichtweise erzählt. Heute muss man damit ein bisschen vorsichtig sein. Sonst wird man mit einem „Querdenker“ verwechselt. Dann also lieber komplett konventionell, ohne den Hauch einer eigenen Idee, als mit so was in einen Topf geworfen werden.

Auf der anderen Seite: So weit ist es mit uns in diesen verrückten Zeiten schon gekommen, dass man betonen muss, in seinem Leben auf gar keinen Fall „quer“ denken zu wollen. Aber gerade wandelt sich sowieso alles, inklusive des eigenen Weltbildes. Ich habe ja immer gedacht, dass sich der Staat aus vielem rauszuhalten habe, weil der Mensch weitgehend eigenverantwortlich entscheiden kann.

Wenn du dir aber wieder so ein paar Sachen aus den letzten Tagen anschaust: Hunderte Bekloppte ohne Abstand, ohne Maske, ohne Hirn, die in Nürnberg singend und tanzend gegen Corona protestieren, das Virus wird davon sicher sehr beeindruckt sein. Abertausende, die die deutschen Mittelgebirge und Skiregionen stürmen. Das geht so weit, dass inzwischen sogar die Polizei eingesetzt werden muss, um die eigenverantwortlichen, souveränen Bürger von weiterem Unfug abzuhalten.

Das steht im Gegensatz zu dem, was wir sonst gut können: mosern und vor allem „dem Staat“ und „der Politik“ unter die Nase zu reiben, wie unfähig sie doch alle sind. Wenn „Bild“ tatsächlich das Volksorgan sein sollte, dann lesen wir dort gerade von „Impfdesaster“, „Impftrödelei“ und anderen Unzulänglichkeiten. Interessanterweise lesen wir dann in derselben „Bild“, dass Österreichs Zeitungen die Impfpolitik Österreichs ziemlich niederknüppeln. Mit Verweis darauf, wie gut es doch in Deutschland laufe. Das kann „Bild“ nicht größer bringen, weil sie den heiligen Kurz als Antipoden zur bösen Merkel aufbauen wollen.

Aber darüber wollte ich gar nicht viel schreiben, weil Schreiben über die „Bild“ eh sinnlos ist. Du wunderst dich nur, wie gerade alles, wirklich alles schlecht geredet wird. Wir haben in nicht mal einem Jahr in Deutschland einen hoch wirkungsvollen Impfstoff entwickelt, ein paar Hunderttausend Menschen sind bereits geimpft, bis Sommer/Herbst sollten wir das Schlimmste überstanden haben – und was passiert hier: Tullius Destructivus Julian Reichelt und seine anderen Schreihälse brüllen das Land nieder und zeichnen das Bild einer Bananenrepublik.

Aber vielleicht ist das ja immer noch eine sehr deutsche Mentalität: erst mal schauen, ob man nicht was zum Nölen findet. Optimismus für Naivität halten und destruktives Gemotze für Kreativität. Wenn du wissen willst, wie das funktioniert: lies „Bild“,das Schmierblatt. Die schreiben wirklich alles in Grund und Boden.

Umgekehrt entdecke ich gerade heiligen Respekt vor den Leuten, die machen statt dumm rumlabern. Wir haben beispielsweise in unserem hübschen Dillingen einen OB Frank Kunz, der macht klaglos seinen Job, sorgt dafür, dass hier Tag für Tag alles lautlos und prima funktioniert. Vermutlich bekommt er dafür nicht mal ein „Danke“, weil wir ja gerade damit beschäftigt sind, noch ein paar Haare in der Suppe zu finden. Solche OB´s und Landräte und die ganzen ehrenamtlichen Helfer, die findest du vermutlich in vielen Städten. Aber es ist natürlich sehr viel einfacher, vom warmen Zuhause aus im Netz rumzunölen, wie doof die alle sind. Jedenfalls, da lege ich mich fest, tut unser Dillinger OB jeden Tag sehr viel mehr fürs Land, als wie es eine Flachpfeife wie Julian Reichelt es jemals hinbekommen wird.

Egal. Die Welt wird sich weiter drehen, vermutlich demnächst auch wieder besser als zuvor. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich für meinen Teil habe beschlossen, den Arschgeigen in meinem Leben keinen Platz mehr zu geben. Sucht ihr mal weiter überall was zum Motzen, ich halte es bis dahin mit einem berühmt gewordenen Satz eines Virologen:

Ich habe Besseres zu tun!

Lockdown-Tagebuch: Griesgrame im männlich dominierten Dativ

In meinem Alter neigt man nicht mehr zu Sentimentalität und Naivität (zumindest glaubt man das ab einem bestimmten Alter gerne von sich selbst). Wenn es um Weihnachten das restliche Jahresend-Event geht, das immer noch so schön als „zwischen den Jahren“ firmiert, macht man trotzdem eine Ausnahme. Du bildest dir dann gerne ein, dass die Welt friedlicher und gelassener ist und dass schon irgendwie alles gut wird. Der Glaube hält bis ca. Ende Januar und zerbröselt danach zuverlässig wie die Vorsätze zum Jahreswechsel. Man sollte sich schon alleine deshalb keine allzu großen Dinge für das kommende Jahr vornehmen, aber das nur nebenbei.

Jedenfalls dachte ich auch in diesem Jahr wieder, die Welt sei wenigstens für ein paar Tage…siehe oben. Möglicherweise liegt es an der Daueraufgeregtheit in den sozialen Netzwerken, vielleicht an den schrägen Zeiten, in denen wir leben. Aber nicht mal jetzt ist Ruhe. So wenig, dass man am liebsten einmal in die Runde brüllen würde:

RUHE, VERDAMMT NOCHMAL!

Aber natürlich mache ich das nicht, dazu bin ich viel zu höflich und zu gut erzogen. Außerdem bringt es nichts. Bestenfalls bekäme man dafür ein paar schräge Blicke ab oder die Aufforderung, doch bitte nicht rumzubrüllen, gerade jetzt, wo doch alles so friedlich ist.

Es ist trotzdem erstaunlich: Nicht mal an Weihnachten haben Querdenken das Querdenken aufgegeben. Was ich gar nicht überraschend finde, wenn sie denn bitte nur nicht dauernd rumkrakeelen würden. Kaum meldet beispielsweise das ZDF, dass am Sonntag mit dem Impfen begonnen würde, gehts schon los. Gefühlte tausend Kommentare unter einer simplen Meldung und es dauert keine drei Wortmeldungen, bis wir wieder beim ganz schweren Bestecke sind. Diktatur, Impf-Terror, 5 G, Chips, Schlafschafealleendlichmalaufwachen!

Großer Seufzer. Könnt ihr nicht einfach die Klappe halten?

Was mich wirklich wundert, ist diese Freudlosigkeit. Nicht nur, weil jetzt gerade Weihnachten war. Sondern ganz generell. Es muss ein trostloses Leben sein, wenn man ständig nur entrüstet, verärgert, wütend, aufgebracht, was auch immer ist. Schon klar, niemand ist stetig gut gelaunt. Aber das glatte Gegenteil? Himmel, wie sehr muss das auf den Magen, das Gemüt, das Hirn schlagen?

Das ist leider nicht nur bei den Corona-Brüllaffen so. Ich werde überhaupt das Gefühl nicht mehr los, dass einer ganzen Reihe Menschen der Spaß an ungefähr an allem abhandenkommt. Dass sie sich verheddern in einem strengen Regelwerk dessen, was man darf, was man nicht darf, was korrekt ist und was nicht.

Die Tage beispielsweise habe ich in der „Süddeutschen Zeitung“ etwas gelesen, bei dem ich nicht wusste: Soll ich das betrüblich finden? Oder doch eher vor Lachen vom Stuhl fallen? Eine SZ-Autorin und eine Linguistin diskutierten mit heiligem Ernst, dass unsere Grammatik dem Grundgesetz widerspreche. Die Linguistin beispielsweise führte an, dass es im Dativ „Gib der Mutter einen Kuss“ heiße. DER Mutter! Ha!

Das zarte Seelchen der Autorin befand, sie sei „erschrocken“, als sie sich im Heft „männlich“ bestimmt wiederfand. (Zitat: „“Ich hatte geschrieben: »Als Kind und Jugendliche wäre mir das nie passiert.« Unsere Schlussredakteurin korrigierte: »Als Kind und Jugendlicher wäre mir das nie passiert.« Wieso muss da »Jugendlicher« stehen? Ich bin doch eine Frau.)

Das kann man natürlich alles ganz schröcklich finden, Impfwahnsinn und männlich-dominante Dative in der deutschen Sprache. Das ist alles kein Spaß, weswegen man mit heiligem Ernst dagegen vorgehen muss. Ich weiß nur nicht, wie viel Spaß im Leben übrig bleibt, wenn man vor männlichen dominierten Dativen in der Grammatik zurückschreckt. Wenn man jede Handlung, jede Formulierung, jeden Kleinkram der Frage unterzieht, ob das nicht sexistisch, rassistisch oder wenigstens diskriminierend ist. Wenn man überall Unheil wittert, andere Menschen, die nicht nur dumm, sondern bösartig sind.

Aber ich sag euch was: Ich bin raus bei solchen Debatten. Ich hab bald Geburtstag, werde schon wieder älter, habe vermutlich mindestens die Hälfte meines Lebens hinter mir (mindestens, sagte ich!). Vielleicht habt ihr ja alle noch deutlich mehr Zeit vor euch als ich. Selbst wenn das so sein sollte: Denkt darüber nach, ob ihr euer Leben mit so was verbringen wollt. Ich für meinen Teil bin gerne bereit, alle männlichen Formen aus der deutschen Grammatik zu streichen, ich erschrecke nicht, wenn mich jemand „Die Mann“ nennt. Hauptsache, die Welt wird wieder ein bisschen friedlicher, entspannter, freudvoller.

Kommt gut rüber nach 2021. Und wenn euch das nächste Mal jemand in solche Debatten ziehen will, fragt euch kurz, ob es das jetzt wirklich wert ist.

Lockdown-Tagebuch: Wenn die Tage wieder länger werden

Wenn Corona etwas schafft, dann das: es macht unglaublich müde. Da freust du dich darüber, dass es endlich mit dem Impfen losgehen kann – und dann das: Irgendeine bekloppte Mutation bringt es fertig, dass dieser Mistbock von Virus nochmal viel ansteckender wird als ohnehin schon.

Und als wenn sich dieses ebenso mistige 2020 noch eine besonders irre Pointe hätte ausdenken wollen, sitzen die Briten jetzt auf ihrer Insel, isolierter denn je, und bekommen einen Vorgeschmack, wie das werden könnte mit so einem harten Brexit.

Vielleicht hat dieses Virus einfach nur eine besondere Form des Gerechtigkeitssinns und wir merken es nicht. Erst wirft es den Donald aus dem Weiße Haus. Und jetzt sollte man sich nicht wundern, wenn der andere Mini-Populist durch dieses Zeug in mehr Schwierigkeiten gerät als durch jede noch so blödsinnige Brexit-Volte.

Auf der anderen Seite: Heute ist der kürzeste Tag des Jahres. Ab morgen geht es wieder aufwärts. In sehr, sehr kleinen Schritten. Minutenweise. Aber es wird dann doch schnell gehen und die Tage sind wieder länger. Dazwischen liegt ein knackiger Winter, vermutlich mit allem, was ihn unangenehm macht. Zumindest aber wissen wir, dass auch das vorbei geht.

Und so siechen sie dahin, die letzten Tage dieses wahnwitzigen Jahres. In einem Taumel aus Hoffnung und Ernüchterung, aus unschönen Erwartungen (Corona-Weihnachten, Lockdown) und der Gewissheit, dass die Tage wieder länger, schöner, wärmer, werden.

Zeit wird es, weil, siehe oben, Corona vor allem müde und unleidlich macht. Bei jeder Kleinigkeit denkst du dir inzwischen: Was denn noch alles? Sogar Journalisten-Kollegen, die ich für bedacht und intelligent halte, nölen inzwischen in ihren Kommentaren rum wie die Kleinkinder und beklagen sich, dass „die Politik“ nicht den richtigen Ton treffe. Als wenn es darauf ankäme, den „richtigen Ton“. Ich hätte gerne wieder die guten Seiten meines alten Lebens zurück. Gerne gepaart mit den wenigen guten Erkenntnissen aus 2020.

Zu denen gehört übrigens: Talk is cheap. Es kommt aufs Machen an. Ich habe so viele Sachen in diesem Jahr gelesen (siehe: der richtige Ton), bei denen ich mir denke, dass sie so belanglos und wirkungslos sind.

2021 also. Da soll jetzt nicht alles besser werden. Aber vieles zumindest. Was ich sicher jetzt schon weiß: Sollte ich 2021 jemals auf die absurde Idee kommen, mich über etwas zu beklagen, ich denke einfach an 2020 zurück.

Ich wünsch euch, falls wir uns nicht mehr lesen, hören, sprechen: Zuversichtliche, entspannte Weihnachten.

Lockdown-Tagebuch: Am Ende bist du selbst verantwortlich

Vielleicht ist es ja nur ein dummer Zufall, aber in Ausnahmezeiten lernt man immer besonders viel. Über sich selbst. Seine Mitmenschen. Und die Welt an sich. Und auch wenn ich das an sich nicht mag, weil man sich damit automatisch über andere erhebt – ab und an drängt sich die Frage auf:

Geht´s eigentlich noch, Leute?

Und als zweite Frage gleich hinterher: Habt ihr eigentlich mal was von dem Begriff Verantwortung gehört?

Keine Sorge, es kommt jetzt kein moralinsaures Gebrabbel mit dem erhobenen Zeigefinger. Darüber, welche Verantwortung wir für unsere Schöpfung…blabla. Ich bin doch nicht Luise Neubauer und bei Fridays for Future sind wir hier auch nicht.

Menschen zu sagen, für welch abstrakte Dinge sie Verantwortung haben, funktioniert selten. Und bei denjenigen, bei denen es klappt, hat das oft die unangenehme Nachwirkung, dass sich solche Leute für mindestens sehr erhaben halten. Den Zeigefinger heben und den Mitmenschen zu sagen, was sie zu tun haben. Das wiederum führt selten zum Erfolg. Wer will sich schon einer sauertöpfischen Kaltmamsell (oder einem griesgrämigen Besserwisser) belehren lassen?

Also bitte, reden wir nicht darüber, wie viel Verantwortung der Mensch für die Welt trägt. Fürs Erste wäre es schon prima, wenn einfach mal jeder Verantwortung für sich selbst tragen würde. Das hätte den wunderbaren Vorteil, dass man dann spürbar weniger Debatten darüber hätte, wer jetzt eigentlich genau an was schuld ist (also alle, außer man selber natürlich).

Zu Beginn von Lockdown #2 ist das schön zu beobachten. Journalisten und andere Superexperten, gefühlt haben wir es ja mit 80 Millionen Virologen zu tun, rechnen gerade der Politik und der Wissenschaft vor, was sie alles falsch gemacht haben. Dass es an einer stringenten Strategie fehle, beispielsweise. Ganz besondere Schlaumeier nölen dann noch rum, dass die Politik nicht den richtigen Ton träfe gegenüber den lieben Mitbürgern.

Ganz ehrlich: Ich bewundere gerade die Politiker und insbesondere die stoische Ruhe der Kanzlerin. Wäre ich Kanzler, hätte ich schon lange Schimpftiraden ohne Ende losgelassen (deswegen werde ich wahrscheinlich ja auch nie Kanzler). In der „Bild“ posieren geistige Fußgänger mit einer Kiste Böller, die sie in Polen gekauft haben – und das Zentralorgan des populistischen Flachsinns macht dazu die hübsche Schlagzeile: „Wir lassen uns das Böllern nicht verbieten!“. Die Parfümerie „Douglas“, die ansonsten größten Wert darauf legt, kein Drogeriemarkt zu sein, will plötzlich doch als Drogeriemarkt firmieren und deswegen einen Teil seiner Geschäfte geöffnet lassen. Undsoweiter, undsoweiter. Und da sollst du ruhig bleiben?

Womit wir wieder bei der Verantwortung wären. Bei der für sich selbst. Ich würde niemand soviel Altruismus unterstellen, dass er an die Welt, an Europa oder auch nur an Bayern oder seine Mitmenschen denkt. Aber an sich selbst könnte man ja mal denken. Und damit auch Verantwortung für sich übernehmen. Wer eine Maske trägt, schützt sich selbst. Wer seinen Laden zulässt, wer Kontakte reduziert – schützt sich selbst.

Den Lockdown jetzt, der uns länger bleiben wird, als wir meinen, den haben wir uns schön selbst eingebrockt. Richtig gelesen: WIR. Nicht die anderen. Wir haben es schön salopp angehen lassen im Sommer, wir haben gedacht, Corona sei so gut wie vorbei, ein leichter Anstieg im Winter vielleicht noch, das war´s.

Da ist es natürlich wohlfeil, mit dem Finger auf die diffuse Masse der „Anderen“ zu zeigen oder die Politik zu beschimpfen.

Aber hey, du bist für dich verantwortlich. Immer, jeden Tag, in allem, was du tust. Bevor du jetzt aufstöhnst und mich blockierst oder wenigstens entfreundest: Verantwortung und Schuld, das sind zwei unterschiedliche Dinge. Corona ist nicht deine Schuld, aber es ist trotzdem deine Verantwortung, wie du jeden Tag damit umgehst. So simpel, das.

Oder eben doch: so kompliziert. Ich staune immer wieder über die zunehmende Schneeflöckchen-Mentalität, nicht nur bei den Millenials, denen man das ja gerne nachsagt. Schneeflöckchen, weil: Übergroße Ansprüche an das Leben als solches haben, bei der kleinsten Kleinigkeit kollabieren und die Schuld an andere weiterreichen. Das bleibt vermutlich nicht aus in einer Welt, in der jeder für sich selbst der größte Star ist. Da empfindet man jede Form von Kritik als narzisstische Kränkung.

Und dann kann man sich leicht ausrechnen: So ein kleines, beschissenes, dummes Virus, das ist die größtmögliche narzisstische Kränkung von allen.

Lockdown-Tagebuch: Leise heulen, Bild!

Lockdown-Tagebuch, Teil 9

Wenn du wissen willst, woran es hakt – lies einfach die „Bild“. Die „Bild“ ist das Organ des gesunden Volksempfindens und immer zur Stelle, wenn es darum geht, diffuses Bauchgefühl zu bedienen. Davon gibt es aktuell mehr als genug. Es ist mal wieder die große Zeit von „Man wird doch wohl noch sagen dürfen“, „Die da oben“ und „Die spinnen wohl“.

Einen überaus brillanten Mix aus diesen drei Komponenten haben die Vertreter des gesunden Volksempfindens gestern geliefert. Da hat der Regierende Bürgermeister von Berlin etwas gesagt, was an Banalität und Selbstverständlichkeit kaum zu toppen ist. Man müsse ja nicht, sagte der bedauernswerte Herr Müller, am 28. Dezember noch Pullover kaufen, das könne man auch vorher machen.

Was der gute Mann eigentlich sagen wollte damit: Die Welt geht nicht unter und die Zivilisation auch nicht, wenn man zwischen den Jahren mal nicht exzessiv shoppen gehen könne.

Was man ebenfalls festhalten muss: Da hat er wohl recht. Weil, wenn wir uns darauf nicht einigen können, dann vermutlich auf nix mehr. Dann muss man die Pandemie laufen lassen, weil Shoppen und Glühwein wichtiger sind als ein paar Leute, die an oder genauer mit Corona verrecken und die ja ohnehin bald verreckt wären.
„Bild“ also schreibt, was die Menschen denken:

So nicht, Herr Müller! Nicht in diesem Ton, Herr Müller! Das ist ein Schwachsinns-Vorschlag, Herr Müller! (Wobei das genau genommen gar kein Vorschlag war, aber bei der Bild darf man nicht so pingelig sein).
Am Abend versuchten sie es dann auch noch bei der Kanzlerin. Die hatte es gewagt, als Gegenmittel gegen kalte Klassenzimmer warme Jacken und etwas Bewegung zu empfehlen.

Schwachsinn! Unsinn! Zumutung, Frau Merkel!

Wobei ich auch hier gerne die Frage loswerden würde, wie das früher (also bis letztes Jahr) war: Wurden da Klassenzimmer nie gelüftet, weil Schüler schlagartig den Heldentod gestorben sind, wenn sie mit frischer, kühler Luft in Berührung kamen?

Aber so sind sie, die Volks-Jammerlappen aus Berlin. Genauso wie ihr jammerlappiges Lesevolk. Eine Ansammlung müder Opportunisten, dauerentrüsteter Nichts-Aushalter und Großmäuler.
Bild-Chef Julian Reichelt sagt übrigens in Interviews, bei der Frage nach dem Charakter eines Menschen/Kollegen überlege er sich gerne, ob er mit dem jeweils anderen im Schützengraben liegen wolle (er hat es mit martialischer Sprache, der Herr Reichelt).

Von dem her, verehrter Herr Reichelt, bleiben wir doch gleich bei der Sprache, die Sie so prima verstehen:
Mit Ihnen und den anderen Journalisten-Darstellern würde ich nicht im Schützengraben liegen wollen. Weil man da auf die Zähne beißen muss (ich war bei der Bundeswehr, ich weiß ein bisschen, von was ich rede). Ob da ein kettenrauchender Jammerlappen, der losheult, weil er keine Pullis kaufen darf, meine bevorzugte Wahl wäre, kann ich mit besten Gewissen verneinen.

Und jetzt: Abtreten und leise heulen, Schütze Reichelt.

Lockdown-Tagebuch: Alles wird gut

Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich ein Interview gemacht. Mit Wigald Boning und Bernhard Hoecker. Es war ein interessanter Mix aus lustig und ernst und insbesondere Boning ist ein verflixt schlauer Kopf. Generell mag ich ja diese Form des Understatements. Es ist einfach, Boning zu unterschätzen, aber ich garantiere euch: Da würdet ihr einen kolossalen Fehler begehen.

Da dachte man noch, alles werde wie gehabt: ein wie immer gutes Jahr. Silvester 2019, Miami, Bayfront Park.

Jedenfalls habe ich (in einer Zeit weit vor Corona, also genauer gesagt wenige Wochen zuvor) gefragt, in welcher Zeit sie gerne leben würden, wenn sie es sich aussuchen dürften. Boning war sich sicher: 2019, wann sonst? (Die genaue Begründung könnt ihr gerne im Interview nachlesen). Kurz überlegt, dann gedacht: Stimmt, es könnte keine bessere Zeit geben.

Zugegeben, 2020 ist manches anders als 2019. Kurzfristig betrachtet sogar: ungefähr alles. Demnach würde man also Bonings Antwort für 2019 noch richtig finden können, für 2020 aber nicht. Oder?

Das ist natürlich Unfug. Weil sich in Wirklichkeit nichts geändert hat, außer, dass 2020 irgendwie etwas doof ist und aus der Reihe tanzt. Darüber kann man sich ernsthaft nur dann wundern, wenn man davon ausgeht, dass eine positive Entwicklung immer linear verläuft und Dinge und Erfolg in regelmäßigen Abständen kommen.

Leider ist das aber nicht so. Wenn man ein wenig nachdenkt: Es war noch nie so und wird auch nie so sein. Dafür gibt es ein paar Gründe, die ich gerne aufzähle, weil ich gerade das Gefühl nicht loswerde, dass das ein wenig in Vergessenheit geraten ist.

Das hat also zum einen damit zu tun, dass es ein Grundrecht auf Erfolg und einen guten Lauf der Dinge leider nicht gibt. Im Grundgesetz steht nichts davon und in allen anderen Gesetzen nach meinem Wissen auch nicht. Weil unser Leben aber ungewöhnlich angenehm läuft (also zumindest im Vergleich mit den Generationen vor uns), hat sich die fatale Erwartung breitgemacht, das müsste so sein. Muss es aber nicht.

Und selbst wenn die Dinge gut laufen, auch über längere Zeiträume hin weg: Das passiert nie linear, nie regelmäßig. Manchmal geht eine Zeit gar nix, dann wieder klappt alles auf einmal. Schau dir dein eigenes Leben an, dann stellst du genau das fest.
Gehen wir also einfach davon aus, dass 2020 ein ziemliches Scheißjahr war. Kommt vor, wird nicht das letzte Mal gewesen sein.

Weil wir aber in der besten der vorstellbaren Zeiten leben, kann man die Dinge ja auch mal so sehen:

Noch nie in der Geschichte ist gegen ein tödliches Virus so schnell ein vielversprechendes Gegenmittel entwickelt worden. Gerade ein Jahr hat es gedauert und wenn das nicht eine unglaubliche Leistung ist, dann weiß ich es auch nicht.

Wir müssen bis dahin nicht mal viel tun. Zuhause bleiben, abwarten, vorsichtig sein, das wars. Es gibt in diesem so unsagbar reichen Land keine Massenarbeitslosigkeit, die Wirtschaft ist nicht kollabiert und wir können es uns sogar leisten, ganzen Branchen ihre Verdienstausfälle zu erstatten. Unsere wichtigsten Debatten drehen sich aktuell darum, ob wir Weihnachten und Silvester nicht so begehen können wie früher. Wobei ich zuversichtlich bin, dass wir sogar diese Zumutung irgendwie überstehen werden.
Natürlich kann man angesichts dessen sofort von Diktatur reden. Man kann sich in diesem Land sogar wie Sophie Scholl und Anne Frank fühlen, ich würde allerdings nur sehr ungern mit solchen Leuten in einem Boot sitzen wollen, wenn man wirklich was Ernsthaftes passiert. Es spricht trotzdem für diese Zeiten, dass unser Leben so stabil bleibt, dass wir es allenfalls mit ein paar „Querdenkern“ zu tun haben. Es gibt vermutlich eine ganze Reihe von Ländern auf dieser Welt, die diese Probleme sehr gerne hätten. Jana aus Kassel und andere Gestalten sind zwar auf ihre Art ein wenig penetrant und nervtötend, aber sie werden dieses Land auch nicht umbringen.

Schreit da gerade jemand: ABER DAS SIND DOCH ALLES NAZIS??!!

Schon wieder so ein Denkfehler, der in einer solchen aufgeheizten Stimmung schon mal vorkommt. Viele von denen sind zwar komplett diffus und für eine sachliche Argumentation kaum mehr erreichbar. Liest man aber diese Studie aus Basel, dann wird schnell klar: Man macht es sich etwas einfach, wenn man die alle in die Nazi-Ecke schieben will. Da sind eine Menge Grünen- und Linken-Wähler dabei.

Und wenn ihr mich fragt: Deformierte aus einer Wohlstandsgesellschaft, die tatsächlich glaubt, alles müsse immer prima laufen. Die sind natürlich dementsprechend irritiert, wenn sie mal mit der Realität konfrontiert werden. Realität, das ist dieses harte Zeug, das sich nicht darum schert, dass demnächst Weihnachten ist oder du deine Weh-Wehchen nur mit Globuli behandeln lassen willst.

Es sind also, erklärt mich gerne für verrückt, goldene Zeiten, in denen wir leben. 2020 war wie dieser eine blöde Montag in der Woche, den man am besten einfach vergisst und am Dienstag weitermacht.

Das schöne ist: Der Dienstag kommt sicher, das nächste Wochenende auch – und 2021 sowieso.

Lockdown-Tagebuch: Wir sind Jana!


Wir sind Jana!


Na gut, nicht wir alle. Aber weitaus mehr, als du glaubst. Jana, 22, aus Kassel, du weißt schon, das Mimöschen, das sich wie Sophie Scholl fühlt und beim ersten leichten Anflug von Gegenwind heulend, schmollend, beleidigt abgegangen ist, nicht ohne vorher das Mikro in die Ecke zu pfeffern. Die nordhessische Drama-Queen, das Gespött des ganzes Netzes. Jana aus Kassel, die deutsche Karen.


Es gibt allerdings auch: Armin aus Kassel. Und den bayerischen Unternehmer aus Kassel, der aber so herzerweichend unbekannt und unbedeutend ist, dass hier kein Name stehen soll. Beiden bin ich ungewollt begegnet im digitalen Raum, man kann so was leider nicht immer verhindern.


Armin aus Kassel ist in Wirklichkeit Ministerpräsident in NRW, weswegen man seinen Nachnamen Laschet gleich hinzufügen darf. Armin Laschet jedenfalls hat heute verlautbart, dass uns das härteste Weihnachten seit dem 2. Weltkrieg erwartet. Das ist lustig, fast so unfreiwillig lustig wie der Auftritt von Jammer-Jana.


Wenn meine Großeltern noch lebten, würden sie vermutlich ebenfalls lachen über Nachkriegs-Laschet, der zumindest die ersten 20 Weihnachten nach dem Kriegsende gar nicht oder nur auf dem Papier mitgekriegt hat. Wäre es anders, würde er nicht so einen Unfug erzählen.


Auf so was muss man auch erst mal kommen: Weihnachten in einem der reichsten Länder der Welt mit den „Festen“ eines zertrümmerten Landes zu vergleichen. Nur weil man nicht ganz so viel gemeinsam gefuttert und gesoffen werden kann. Armin ist jedenfalls auf der nach oben offenen Jana-Skala ziemlich weit oben.


Der bayerische Unternehmer hingegen machte es ein bisschen länger (er ist gelernter Journalist, muss man dazu wissen). Sein Lamento in wenigen Sätzen: Das Virus ist nicht gerecht, die Regierung ist nicht gerecht. Zwischendrin immer wieder überschwängliche Lobeshymnen und seine Mitarbeiter, sein Unternehmen und irgendwie auf sich selbst. Ganz viel Gesabber von Kämpfen und Zusammenstehen, es klang ein bisschen nach „Wir liegen zusammen im Schützengraben“, dabei geht es nur um ein kleines Virus. Am Ende dachte ich mir: Wow, neuer Weltrekord im hohlen Pathos!


Und am liebsten hätte ich ihm gesagt: Ja, nee – stimmt, das Virus ist nicht gerecht, weil sich das Virus einen Dreck um dein Genöle schert. Genauso wenig wie um das Gejammere von Jana und den Mumpitz von Armin aus Kassel. Gemessen an den großen Zeitläuften handelt es sich um eine völlig unbedeutende Episode, eine Pandemie. So was kommt vor. War nicht die Erste, wird nicht die Letzte sein.


Jana aus Kassel, Armin Laschet, der bayerische Unternehmer. Das passiert, wenn alles zusammenkommt. Maßlose Selbstüberhöhung, lustiges Anspruchsdenken (das Virus hat gefälligst gerecht zu sein!). Ein Totalverlust an Realismus. Jana fühlt sich wie Sophie Scholl, Schreihälse, die was nicht kapieren, verklären die eigene Ahnungslosigkeit zum „Querdenken“.


Und ein Ministerpräsident ruft mal eben die härtesten Weihnachten ever aus. Währenddessen, nebenbei bemerkt, die Aussicht wächst, dass wir irgendwann im nächsten Sommer wieder halbwegs so leben können wie früher und möglicherweise sogar an irgendeinem Strand liegen. Sofern uns der Widerstandskampf vorher nicht umgebracht hat und wir dieses mörderisch harte Weihnachten irgendwie überstanden haben.


Tja, so was passiert, wenn eine Gesellschaft völlig verhätschelt ist, degeneriert und das alles mit einem enormen Anspruchsdenken koppelt. Am Ende lebt sie in dem Gefühl, ein recht auf irgendwas zu haben, ohne etwas dafür zu tun zu müssen. Und dafür will sie größtmögliche Aufmerksamkeit (und verwechselt dabei regelmäßig Aufmerksamkeit mit Erfolg).


Und wenn das nicht klappt: Erklärt sie alle anderen für verrückt oder sich selbst zu Helden.

Lockdown-Tagebuch: Die Selbstgerechten

Eine ganze Zeit habe ich mir mit gerungen: Wie geht man am besten mit den Corona-Krakeelern um? Was genau stößt mich an diesen Typen so entschieden ab? Aber in den letzten Tagen bin ich zu ein paar Antworten gekommen, zumindest für mich selbst.

Bild von Pete Linforth auf Pixabay

Also, erstens: Ich mag mich weder empören noch entrüsten. Es entrüsten und empören sich ja ohnehin schon genügend andere Menschen. Im Netz sowieso, auf offener Straße auch. Wenn immer alle dauerempört sind, ist niemandem geholfen, wenn ich auch empört wäre, außer natürlich den anderen Empörten, weil geteilte Empörung gleich doppelte Empörung mit einem irren Wohlfühlfaktor ist. Weil ich mich unter ständig entrüsteten Menschen aber nicht wohl fühle, ist es vermutlich keine schlechte Idee, sich einfach von dieser Spezies fernzuhalten.

Weil, und damit kommen wir zu zweitens: Weder Entrüstung noch Empörung sind probate Mittel, um mit den Krakeelern klar zu kommen (ich nenne sie übrigens bewusst nicht Covidioten, weil…siehe oben). Die wenigsten von denen sind ernsthaft an einer Debatte interessiert, sondern in erster Linie am Krakeelen. Selbst wenn man es versuchen wollte: Mit Leuten, die an Impfmücken glauben und die ihre Kinder als Schutzschilder missbrauchen, diskutiert man nicht, weil man das nicht diskutieren kann. Ich bin der toleranteste Mensch der Welt. Von mir aus kann jeder an Impfmücken glauben und er kann auch querdenken, so viel er mag. Nur von mir erwarten, dass ich mit ihm dann ernsthaft debattiere, das sollte besser niemand.

Schließlich, das wird dann drittens: Ich habe mich eine ganze Zeit lang gewundert, wie Menschen mit einem Kreuz neben denen mit Hakenkreuz herlaufen können. Wie Friedensbewegte und Esoteriker neben Reichsbürgern und Skinheads demonstrieren gehen können. Ist ja schließlich ideologisch kaum miteinander zu vereinbaren.

Dabei interessiert sich von denen niemand für Ideologie (außer den Nazis natürlich, aber das ist wieder eine andere Geschichte). Eigentlich ist ihnen auch das Thema egal. Was sie dagegen eint:

Jede Demo ist die gefühlte Jahreshauptversammlung des Verbandes der Selbstgerechten! 

Als Opfervertretung, weil es sich dabei um eine Reihe von gefühlten Opfern handelt. Aus deren Opferrolle erwächst dann, so paradox wie fatal zugleich, eine Anspruchshaltung, die in leichter Entrückheit gipfelt.

Wer so selbstgerecht ist wie die, der glaubt auch an die große Verschwörung. Und tut jeden, der das nicht macht, als Schlafschaf ab. Wenn das keine Form der kompletten narzisstischen Verblendung ist, dann weiß ich auch nicht mehr.

Das wiederum kommt mir inzwischen symptomatisch vor. Vermutlich gab es noch nie so viele selbstgerechte (und selbstverliebte) Menschen wie 2020. Das macht Debatten furchtbar anstrengend. Und bevor wir jetzt nur auf die „Covidioten“ schimpfen: Es ist ja nicht so, dass es nicht auf der anderen, der „guten“ Seite ausreichend viele Leute gäbe, die mit selbstverliebt (und gerecht) präzise beschrieben sind. Immer wieder spannend, wie viele Menschen sich für nicht weniger als einzigartig halten.

Vielleicht macht es ja gerade das so schwer. Der ganze Corona-Mist zwingt uns leider auch dazu einzusehen, dass wir nicht so einzigartig sind, wie wir glauben. Genau genommen reicht ein winziges, beschissenes Virus aus, um uns mal eben alle lahmzulegen. Hat sich was mit Einzigartigkeit!

Das muss man erst mal verkraften, eine solche Erkenntnis. Vielleicht sind die Krakeeler deswegen so pissed. Das selbstverliebte Ego des Durchschnittsmenschen 2020 kann es nur als eine hochgradige Verletzung empfinden, wenn das Virus schlauer ist als er. Da hilft dann bloß noch die Realitätsverweigerung.

Aber auch hier gilt: Das muss ich nicht wirklich diskutieren. Sucht euch einen guten Arzt, der hilft vielleicht.

Und alle anderen wissen eh: Wir sind zwar nicht einzigartig, aber wir werden auch das irgendwie überstehen. Für den ersten Impfstoff, wie passend, ist heute die Zulassung beantragt worden.

Unsere tägliche Twitterhölle

Zu meiner Zeit (schön, so einen Klopper mal sagen zu können) gab es einen Komiker/Musiker/Moderator namens Jürgen von der Lippe. Die Verwendung der Vergangenheitsform ist hier ein bisschen irreführend, weil es von der Lippe, mittlerweile 71, immer noch gibt. Allerdings nicht mehr ganz so omnipräsent wie früher. Man musste irgendwann in den Achtzigern schon einen beträchtlichen Aufwand betreiben, um dem Mann im Hawaii-Hemd zu entgehen. In seinen besten Zeiten versammelte er mit diversen Samstagabend-Shows schon mal ein paar Millionen Leute vor dem Bildschirm. Und alles andere, was er unternahm, war ähnlich erfolgreich.

Viel mehr kann ich nicht dazu sagen. Jürgen von der Lippe war nie so ganz meins. Zu bollerig, immer ein bisschen schlüpfrig, zu laut und zu offensichtlich auf Effekt bedacht. Ein lebendes Hawaii-Hemd. Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich in meinem Leben eine Reihe von Modesünden begangen. Ein Hawaii-Hemd war sicher nicht dabei.

Das Schöne an der damaligen Zeit (um endlich den nostalgischen Boomer-Schwenk hinzubekommen, der dieses Blog in Zukunft ein wenig prägen soll) war: Man musste von der Lippe wie auch alles andere auf der Welt nicht mögen, man konnte das prima ignorieren. Keinesfalls musste man sich darüber aufregen. Und auch für Herrn von der Lippe müssen das selige Zeiten gewesen sein: Das Schlimmste, was passieren konnte, waren ein paar schlechte TV-Kritiken in den Zeitungen.

Man darf aber annehmen, dass das Jürgen von der Lippe ziemlich wurscht war. Wenn du regelmäßig fünf Millionen Zuschauer hast, ist es dir weitgehend egal, ob einem Kritiker deine Sendung nicht gefällt. Schon alleine deshalb, weil du auch auf dem Konto ein paar Millionen mehr hast als der Kritiker. Und mehr Reichweite sowieso.

Man musste, das als letzte Grundsatzbemerkung zu Jürgen von der Lippe, sich auch nie wirklich über ihn aufregen. Was er machte, war samstagabendkonforme, ARD-taugliche Mainstreamunterhaltung. Nicht jedermanns Geschmack, aber alles in allem so harmlos, dass am Montag Morgen alles mögliche Straßengespräch war, nur nicht eine Samstagabendshow mit von der Lippe. Mit der Betonung auf: war. Heute würde er wahrscheinlich sofort ein Fall für den Rundfunkrat und tagelangen Grundsatzdebatten.

Heute ist also wieder Montag und der Begriff „Straßengespräch“ existiert nicht mehr. Ähnlich übrigens wie „Straßenfeger“. Jürgen von der Lippe allerdings hat ein Interview gegeben, das mittlerweile einen kleinen Shitstorm ausgelöst hat, dem digitalen und hässlichen Gegenstück zum Straßengespräch.

Mit allem, was dazugehört: Er solle die Klappe halten, man könne den Mann ja nicht ernst nehmen, dann sollen solche Leute wie er halt aussterben. Was man in der Twitter-Hölle eben schreibt, wenn die tägliche Sau durchs Dorf getrieben wird. Man entdeckt dabei dann so lustige Accounts wie „Mackerhass“ und auch die notorisch unlustige Sophie Passmann meldet sich sofort zu Wort: alter, weißer Mann hat was gesagt, da greift der Beißreflex. Einer schrieb dann übrigens noch das unvermeidliche „Ok Boomer“, was Twitter, wäre es ein besserer Ort, sofort mit einer zweiwöchigen Sperrung des Accounts wegen erwiesener Unoriginalität belegen müsste.

Von der Lippe hat dabei (wissentlich?) gleich zwei Themen aufgegriffen, über die man besser nichts sagen sollte: Greta T. bezeichnete er als „Comedy“, von der die Leute langsam die Nase voll hätten, weil mittlerweile die Kritik an den Zuständen nerviger seien als die eigentlichen Zustände. Und zum „Metoo-Thema“ sagte er auch noch was. Sinngemäß: Man müsse heute schon aufpassen, wenn man mit einer Frau flirte, das werde schnell als Übergriffigkeit missverstanden resp. empfunden.

In der täglichen Empörungsdemokratie wurden dann daraus so groteske Unterstellungen wie die, dass von der Lippe gesagt habe, ohne Übergriffigkeit mache das Flirten keinen Spaß mehr.

Dabei hätte man es eigentlich schnell wieder gut sein lassen können. Von der Lippe beklagt im Wesentlichen eine ziemlich verkrampfte und aggressive Atmosphäre, wobei ihm kaum jemand widersprechen kann, der nicht die letzten Jahre auf der dunklen Seite des Mondes verbracht hat. Wenn Bücher in den Bestseller-Listen inzwischen reihenweise heißen wie „Die aufgeregte Gesellschaft“, „Gesellschaft des Zorns“ oder „Die große Gereiztheit“, alle übrigens von Wissenschaftlern geschrieben, dann scheint da schon ein bisschen was dran zu sein. Nebenbei: Alle drei Büchern seien hiermit dringend zur Lektüre empfohlen!

Kurzum: Ich glaube, dass es in unserer goldenen Boomer-Zeit (also inzwischen vor bald 40 Jahren) deutlich gelassener zuging. Dass man nicht wegen jedem Kleinkram wie beispielsweise einem vergleichsweise läppischen Interview schäumend im Twitter-Dreieck hüpft und man den Geifer kaum mehr wegbringt. Dass man Dinge auch mal an sich vorbeiziehen lässt und nicht über jedes Stöckchen springt, das einem irgendein Netzwerk hinhält.

Und vor allem: Nee, ich war wirklich nie ein Fan von Jürgen von der Lippe, teile auch die Ansichten, die er jetzt von sich gibt, nur bedingt. Aber die Art, wie die Verfechter von Toleranz, Demokratie, Frauenrechten und die „Ok Boomer“-Spötter jetzt gerade über ihn herfallen, sagt mehr über sie als über von der Lippe aus. Ein guter, alter Benimmkurs wäre jedenfalls im einen oder anderen Fall keine so schlechte Maßnahme.

Falls ihr nicht wisst, was dieses Benehmen sein soll, liebe Kinder: Im Duden steht es. Und wenn ihr gerade dabei seid, schaut doch mal, ob ihr den Begriff „egal“ findet und markiert ihn euch.