Denken Sie doch, was Sie wollen

Hätte man mich früher gefragt, woran man es merkt, alt zu werden, ich hätte etwas in dieser Richtung geantwortet: Man wird mit allem ein bisschen langsamer, es zwickt überall ein wenig. Vielleicht wird man auch ruhiger, gesetzter. Man rebelliert nicht mehr gegen alles und man sagt Dinge, von denen man nie geglaubt hätte, sie jemals zu sagen.

Heute würde ich antworten: Man merkt es daran, momentan für alles verantwortlich gemacht zu werden und am beklagenswerten Zustand der Welt alleinschuldig zu sein. Weil man drei grässliche Dinge in sich vereint: Man ist alt, weiß und männlich.

Mit diesen Schlagworten stirbt jede Diskussion und man selbst gleich auch noch ein bisschen. Weiße alte Männer sind toxisch, privilegiert, zerstören die Welt, belästigen Frauen, sind der lebende Klimawandel und alle anderen Übel der Erde dazu. Deshalb haben sie im Umgang nur noch wenige Möglichkeiten: Entweder sie entschuldigen sich im Voraus für alles, vor allem ihre Existenz, geben Feministinnen, Fridays for Future und allen Spiegel-Online-Kolumnisten per se mit allem recht, nicht ohne zu betonen, wie sehr sie sich für die anderen alten, weißen Männer schämen.

Alte weiße Männer (Symbolbild).

Oder…ja, was eigentlich: oder? Selbstverteidigung oder Debatten nutzen nix, weil siehe oben: Alter, weißer Mann. Mit so was redet man nicht, außer man wirft ihm ein „Ok, Boomer“ entgegen. „Ok, Boomer“, das heißt vorsichtig übersetzt: Halt die Klappe, Opa. Vermutlich kommen sich Menschen, die sowas sagen, ganz besonders cool und ein kleines bisschen anarchistisch vor. Ich stelle mir gerade vor, was wohl los wäre, man würde so einem Mittelstands-Bürschchen ein „Halt die Klappe, Snowflake“ hinwerfen. Die Kolumnen entrüsteter Autoren über die unerträgliche Ignoranz alter Männer würden sich beinahe wie von selber schreiben.

Dieses „Ok, Boomer“ in seiner ganzen Rotznasigkeit ließe sich wunderbar ignorieren oder wenigstens mit einem „Dig deeper, Watson“ beantworten. Das reicht eigentlich. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob die gegenseitigen Aufforderungen, einfach die Klappe zu halten, auf Dauer sehr zielführend sind. Vermutlich eher nicht. Auf der anderen Seite, wer braucht schon zielführende Ideen, wenn er sich bei Twitter auskotzen kann? Oder, noch schlimmer: In einer Kolumne.

Auf der anderen Seite: Immer wenn ich dieses „Ok, Boomer“ höre, juckt es mich in den Fingern, den wohlstandsverwahrlosten Mittelstandskindern oder den Millenial-Snowflakes ein paar Sachen zu erzählen. Also, Kinder, dann passt auf, falls eure Aufmerksamkeitsspanne so weit reicht.

Ihr findet also „Ok, Boomer“ cool? So witzig und geistreich, dass ihr daraus ein Meme macht?

Ihr seht es mir nach, wenn ich das weder originell noch übermäßig mutig finde. Ich komme, wie ihr wissen müsst, aus einer Zeit, in der es noch nicht als Ausbund von Engagement und Risikofreude galt, wenn man freitags die Schule schwänzte. Ich erinnere mich steineschmeißende Leute, die später Außenminister wurden und an solche, die am Bauzaun von Wackersdorf mal die geballte Macht des Staats zu spüren bekamen. Nicht falsch verstehen, Kinder, ich glaube nicht, dass Steineschmeißen und andere gewaltsame Aktionen irgendwas Gutes bewirken.

Was ich sagen will: Es ist jetzt wirklich nicht so, dass ihr das Engagement für oder gegen irgendwas erfunden habt, das konnten wir alten weißen Männer vor Jahrzehnten auch schon ganz gut. Und stellt euch vor, für die Veranstaltungen dort musste man weder 30 Euro Eintritt zahlen noch haben wir fürs Fehlen in der Schule oder sonstwo Entschuldigungen von unseren Eltern gefordert. Oder hinterher gejammert, dass es für unser Handeln Konsequenzen gab.

Es ist ohnehin ziemlich einfach geworden, auf uns alte, weiße Männer einzuschlagen. Es ist genau genommen der billigste Triumph, den man bekommen man. Alte, weiße Männer, der geht immer. Erkennt man auch daran, dass selbst viele der Betroffenen sich in den Staub werfen: Wir haben versagt, alles falsch gemacht, gut, dass jetzt die neuen Zeiten kommen (das haben sie sich ja inzwischen sogar schon bei der scheintoten SPD auf die Fahnen geschrieben).

Überhaupt, die einfachen Lösungen und die Klischees. Und die Verkrampftheit unserer Tage, bei man mit etwas guten Willen sofort alles als sexitisch, rassistisch oder sonstwie als in toto inakzeptabel bezeichnen kann. Unlängst beispielsweise habe ich einen einigermaßen empörterten Text darüber gelesen, wie sexistisch es von der Deutschen Bahn sei, bei den Sicherheitsfragen beim Einloggen ins Netz „Wie ist der Geburtsname Ihrer Mutter“ anzubieten. Ich habe keine Ahnung, wie man auf die Idee kommt, dass es sich dabei um Sexismus handelt. Aber selbst wenn man das für sexistisch hält: Was spricht dagegen, dann halt einfach eine andere Sicherheitsfrage auszuwählen und nicht der Welt mit länglich-krampfigen Ausführungen auf die Nerven zu gehen?

Das Schlimme an heutigen Zeiten, nebenbei bemerkt: Man fühlt sich sofort versucht, sich zu rechtfertigen. Also Leute, nee, ich bin kein Nazi, habe mit der AfD nix zu schaffen und trage keinen Aluhut. Ich bin lediglich Verfechter von radikaler Gelassenheit und von Extrem-Toleranz. Die Grenze ist das Grundgesetz, fertig. In dessen Rahmen darf meinetwegen jeder glauben und auch sagen, was er will. Wer das nicht aushalten kann, ist das Problem.

Hat dann dieses verfluchte Älterwerden gar keinen Vorteil, außer, dass man in ein paar Jahren bei der Bahn Senioren-Vergünstigungen bekommt? Doch, es gibt solche Vorteile. Der größte davon: Die Freiheit, selbst zu denken, egal, was jemand darüber denken könnte, wächst von Tag zu Tag.

Und wer das nicht nutzt, ist selber schuld.

Warum die prügelnde Schwester Luise heute Journalistin wäre

Meine erste Kindergärtnerin hieß Schwester Luise. Sie zeichnete sich durch eine unerbittliche Unbedingtheit aus, setzte ihre Auffassung schon mal durch, indem es etwas hinter die Löffel gab und hatte alles in allem, als sie vor rund 50 Jahren ihr Unwesen trieb, keinerlei Zweifel an der Richtigkeit ihres Handelns. Schwester Luise war eine Autorität kraft ihres Namens (Schwester! Luise!), ihres Aussehens (streng!) und ihrer Position (Chefin des Kindergartens!). Bei so viel moralischer und amtlicher Überlegenheit zweifelte niemand daran, ob es in Ordnung, was die Frau da trieb. Aber wie gesagt, das ist 50 Jahre her und damals herrschte weitgehend die Überzeugung, es schade Kindern nicht, wenn es mal was auf den Hintern gibt.

Von Schwester Luise zu den moralischen Autoritäten heutiger Tage ist es ein weiter Weg. Eines aber haben sie auch nach einem halben Jahrhundert gemeinsam: Man muss sie nicht mögen. Weil sie meistens so etwas Herablassendes an sich haben und dir das Gefühl verpassen, mindestens ein bisschen minderwertig zu sein. Das findet niemand schön, nicht mal dann, wenn die Autorität vielleicht sogar recht hat.

Schwester Luise würde heute auch nicht mehr Kindergärtnerin werden (und wenn doch, würde sie wahrscheinlich darauf bestehen, dass Kinder in genderneutralen Kostümen zum Kindergarten-Fasching erscheinen). Viel eher wäre sie JournalistIn (ersetze auch durch Journalist*in, Journaltistex, Journalist-In). Als solche würde sie Texte schreiben wie den, den ich vor kurzem in einer einigermaßen hoch angesehen Wochenzeitung entdeckt habe. Er ging, ich beschreibe das aus Gründen des Personenschutzes absichtlich so vage, um die beliebten Themen unserer Zeit, die mit der moralischen Fallhöhe halt. Eines dieser Themen, bei der man sich grundsätzlich zwar schnell einig wird, dass man „sowas“ nicht macht, die Frage aber offen ist, wo „sowas“ überhaupt beginnt.

Diese Debatten haben gemeinsam, dass sie schnell ins Absurde geraten (siehe auch: nicht-diskrimierende Kindergarten-Kostüme). Und dass sie kaum mehr konsensfähig sind. Entweder du bist Schwester Luise. Oder ein ignoranter Halbnazi. Schwester Luise und ignorante Halbnazis mögen sich nicht.

Aber zurück zum eigentlichen Text, der alles hatte, was die Schwester-Luise-Journalisten der Neuzeit gerne demonstrieren: Die Geschichte strotzte vor Dünkel, warf mit Fremdwörtern (Distinktion durch Absetzung!) nur so um sich und war alles in allem bewusst so gehalten, dass man sie nur bei intellektueller Gleichwertigkeit und Zugehörigkeit zum selben ideologischen Stamm halbwegs verstehen konnte. Ich gebe zu: Wirklich kapiert habe ich sie nicht.

Selbst aber dann, wenn man sie inhaltlich nicht ganz verstand, ließ sie keinen Zweifel offen: Schwester Luise hat recht und wer das bezweifelt, hat die ganze Sache einfach nicht begriffen. Punkt, Ende der Debatte.

In solchen Fällen geht es dann gar nicht mehr ums Thema. Sondern ums Rechthaben. Und der Demonstration der eigenen moralischen und intellektuellen Überlegenheit. So was ruft naturgemäß nicht nur freundliche Reaktionen hervor. Es soll sogar Leute geben, die sich davon abgestoßen fühlen, wenn jemand derart dünkelig daherkommt. Das ist dann nicht nur eine Frage der politischen Positionen, sondern eine Art Trotz. Jan Fleischhauer beispielsweise oder Ulf Poschardt, die stehen beide bestimmt nicht auf der linksgrünen Seite, treiben dich aber beide schon alleine wegen der bewusst schnöseligen Art in den Wahnsinn. Man möchte am liebsten aus purem Trotz genau anderer Meinung sein. Selbst dann, wenn man zähneknirschend feststellen muss, dass die Schnösel in der Sache gar nicht so falsch liegen.

Unser Autor jedenfalls, um den es die ganze Zeit geht, macht nach Veröffentlichung seines neuesten Werks immer das Gleiche: Er veröffentlicht Screenshots der übelsten Leserbeschimpfungen mit dem sinngemäßen Kommentar: Ach, schaut mal, wie mich die Dummerchen aus der anderen Ecke wieder angehen. Das ruft dann die Anhänger unserer Schwester Luise auf den Plan. Gemeinsam amüsiert man sich über die anderen, die einfach zu doof und ignorant sind, Schwester Luise bei ihren Ausführungen folgen zu können.

Und ich glaube, sie fühlen sich dann richtig dabei.

Hinterher beklagt man sich dann über den Zerfall der Debattenkultur in Deutschland und darüber, dass die anderen so ignorant sind.

Dass übrigens haben sie gemein mit Schwester Luise: Wenn die jemanden was hinter die Löffel gab, kam ebenfalls immer der Hinweis, der andere habe ja förmlich um die Watschn gebeten.

(Am Rande ein kleiner Buchtipp: „Diese verdammten liberalen Eliten – wer sie sind und warum wir sie brauchen“ heißt ein wunderbar erhellendes, witziges und spannendes Buch von Carlo Strenger. Ich habe es verschlungen und an vielen Stellen Menschen aus meinem beruflichen und privaten Umfeld vor Augen gehabt. Manchmal sogar mich selbst.)

USA-Tagebuch (3): Dorian – oder: Im Auge des Sturms

In Deutschland liest man Geschichten von Hurrikanen in den USA meistens mit einem wohligen Schauern. Das hat damit zu tun, dass Politiker hier zu viel markigeren Worten greifen, als es Frau Merkel oder Herr Scholz jemals täten. Hier ist ein Sturm schnell ein Monster und Statements werden schon mal mit dem Satz beendet: Gott schütze alle, die es nicht mehr rechtzeitig raus geschafft haben.

Aktuelle Wetterlage im Katastrophengebiet: weitgehend sonnig. Ok, das kann sich noch ändern in den nächsten Tagen.

Wir haben es diesmal nicht mehr raus geschafft. Im Gegensatz zu 2017, da wurde unsere Unterkunft evakuiert. Von dem Hurrikan „Irma“ haben wir damals nur mitbekommen, dass er uns quasi immer gefolgt ist. Eingeholt hat er uns nicht, wir sahen nur ein paar dunkle Wolken im Rückspiegel und aus dem Fenster des Flugzeugs, das uns aus Florida rausgebracht hat.

Eine Evakuierung würde diesmal keinen Sinn haben. Bisher weiß man nur, dass „Dorian“ irgendwo an der Ostküste auf Land treffen wird. In Frage kommt ein Streifen, der fast so groß ist wie Deutschland. Davon abgesehen gibt es auch einige Meteorologen, die meinen, der Sturm pralle gar nicht an der Küste richtig auf Land, sondern entfalte seine ganze Kraft erst im Landesinneren. Gerade kam eine Breaking News, der Sturm drehe nach Norden Richtung Georgia ab. Potentiell, das lesen wir auch gerade, gebe es drei Möglichkeiten. Aus Kapazitätsgründen will ich sie nicht alle schildern. Sie laufen zusammengefasst auf eines raus: Man weiß ungefähr gar nichts.

Wie dem auch sei: Wir sitzen jetzt hier in Miami und erleben zum ersten Mal live mit, wie es so ist, wenn sich eine ganze Region, ein ganzes Land auf den Hurrikan vorbereitet.

Weil wir brave Deutsche sind, haben wir eingekauft. Möglicherweise ein bisschen zuviel.

Der ist erstmal nach wie vor ein abstraktes Konstrukt, weil er ja noch gar nicht da ist. Deswegen pendelt das Leben hier zwischen Business as usual und vorbereiten auf den Weltuntergang. Letzterer wird tendenziell eher von (sorry, Kollegen!) Medien betrieben als von der Wirklichkeit. Immer, wenn es in den USA zu Sturmwarnungen kommt, wird eine zuverlässig funktionierende Maschinerie angeworfen. Innerhalb von ein paar Tagen heißt es dann, man werde dem Erdboden gleich gemacht. Kein Wunder, dass viele Amerikaner diese Warnungen nicht mehr so ernst nehmen wie sie es vielleicht doch tun sollten.

Geht man jedenfalls an diesem Wochenende durch Miami, dann spürt man eine Gelassenheit, die zum einen mit amerikanischer Lässigkeit auf der einen und den Erfahrungen mit den Stürmen auf der anderen Seite. Nicht umsonst spricht man hier von der „Hurrican Season“. Kommt immer wieder, so wie Weihnachten und Ostern. Manchmal stärker, manchmal weniger.

Trotzdem ist es interessant, so was mal mitzunehmen. Weil so ein Hurrikan trotz alledem natürlich immer noch ein potenziell lebensbedrohliches Schauspiel ist. Das aus Naturgewalten besteht, die man sich bei uns kaum vorstellen kann. Nächstes Mal, wenn Bild & Nörgel-Bürger wieder etwas von Hitze, Regen oder Schnee in Deutschland erzählen und jammern, wie furchtbar alles ist, werde ich dran denken.

Und jetzt wieder zurück in die Küche. Ich vermute, wir braven Deutschen haben viel zu viele Vorräte für den anstehenden Überlebenskampf eingekauft. Ein paar davon können weg.

USA-Tagebuch 2019 (2): Das war meine Rettung

Bei den Kollegen vom „Zeit Magazin“ gibt es eine schöne Rubrik: Unter dem Titel „Das war meine Rettung“ beschreiben Menschen Dinge und Ereignisse, die ihr Leben zum Positiven beeinflusst haben (der Begriff „Rettung“ ist deshalb leicht alarmistisch). In meinem Fall war es der 50. Geburtstag. Oder zumindest: beinahe.

Nein, noch genauer gesagt hatte der 50. Geburtstag nicht wirklich was mit den darauffolgenden Ereignissen zu tun, es war eher Zufall, dass sie sich um diesen Zeitraum herum abspielten (oder vielleicht auch nicht, wer weiß das schon). Man muss dazu wissen, dass es kaum ein dummeres Gefühl gibt als 50 zu werden, allen Ratgebern und Lifestyle-Magazinen und beschönigenden Begriffen von „Best Agern“ zum Trotz. 50, das wird bestenfalls noch getoppt von 60, 70 oder 80. Ab dem 90. findet man das Älterwerden vermutlich schon wieder lustig, weil es interessant sein dürfte zu beobachten, wie man in diesem Alter jeden einzelnen Tag überlebt.

Was wirklich zählt, Edition 2019. (Foto: Christian Jakubetz)

Aber zurück zum 50. Wenn man ehrlich zu sich selbst ist und das übliche Wandkalender-Motivationssprüche-Gesäusel außen vorlässt, muss man mindestens feststellen, dass der Lack an einigen Stellen ganz schön ab ist und dass man das eine oder andere, was man in den Jahrzehnten zuvor vermurkst hat, nicht mehr rückgängig machen kann, selbst wenn man es sich noch so sehr wünschen würde. Erschwerend kommt hinzu, dass kosmetische Veränderungen an einem selbst plötzlich albern wirken. Klamotten wirken deplatziert und dass man sich die Haare färbt oder anderen Quatsch macht, verbietet sich in vielen Fällen ohnehin von selbst, mit Erreichen des 50. aber ganz sicher. Wenn man also nicht gerade mit einer ordentlichen Portion Dauer-Optimismus gesegnet ist, dann kann der 50. Geburtstag ein trostloser Tag sein. Muss ja nicht gleich so sein wie der 50. von Walther White (die Breaking-Bad-Fans wissen, was ich meine).


Die Rettung? Mit der bin ich heute verheiratet.

Seitdem dämmern mir ein paar Sachen, die mir vielleicht schon vorher hätten dämmern sollen, die aber spätestens als (inzwischen) Mittfünfziger in den persönlichen Wissenskanon gehören sollten.

Erstens: Du bist nichts Besonderes. Man glaubt das vielleicht mal eine Zeitlang. Vor allem dann, wenn man in der tendenziell etwas zu selbstverliebten Medienbranche unterwegs ist, wo man sich bei Instagram, Facebook, Twitter und all den anderen dauernd zur Schau stellt und das als „Selbstmarketing“ bezeichnen kann. Dabei erhöht jedes Like unter einem Selfie, einem Beitrag, einem Video die Wahrscheinlichkeit, dass du denkst, etwas Besonderes zu sein. Ok, nur ein bisschen was Besonderes. Weil du mehr Follower hast als andere oder weil schon mal irgendein Mediendienst irgendeinen mittelschlauen Satz von dir zitiert hat. Vergiss es trotzdem. Das Zitat bleibt auch nach längerer Betrachtung mittelschlau und der Mediendienst zitiert nach dir jeden Tag weitere mittelschlaue Sachen von Menschen, die sich für etwas Besonderes halten. Davon abgesehen ist der Mediendienst selbst auch nur mittelschlau und ob sich außerhalb deiner Filterbase…vergiss es also, du bist nichts Besonderes.

Zweitens, und mit Punkt 1 akut zusammenhängend: Dein Job ist das Unwichtigste was es gibt. Prima, wenn er dir Spaß macht und wenn du damit auch noch so viel Geld verdienst, dass du das, was du gerne tun möchtest, auch tun kannst. Trotzdem war meine Rettung meine Frau und nicht mein Job. Meine Frau würde sich übrigens von Jobs nie beeindrucken lassen und durch Geld auch nicht. Man kann die Bedeutung des Jobs auch mit einer simplen rhetorischen Frage einordnen: Wenn ich mich entscheiden müsste zwischen meiner Frau und meinem Job…siehste? Schon ist der Job nicht mehr ganz so bedeutsam.

Davon abgesehen, dass es in der Job-Welt so unangenehme Erscheinungen gibt, dass man froh ist, eine Zeit nichts davon zu hören. In meiner Branche beispielsweise, ich erwähnte es, gibt es eine verblüffend hohe Zahl von Narzissten, die man wirklich so bezeichnend darf, selbst eingedenk der Tatsache, dass man mit diesem Begriff heutzutage etwas arg wahllos um sich schmeißt. Wenn die Definition von Narzissmus die ist, dass solche Menschen dauernde Aufmerksamkeit brauchen, sich generell nicht für andere interessieren und dabei andauernd gekränkt bis beleidigt sind, dann fallen mir auf den Schlag Dutzende ein, auf die diese Bezeichnung zutrifft. Da sind durchaus bekannte Namen dabei, die bei Twitter ellenlange Listen mit Leuten haben, die sie blockieren. Da sind sich selbst Menschen wie Sascha Lobo und Don Alphonso, die sich ansonsten leidenschaftlich verabscheuen, sehr ähnlich.

Drittens: Das allermeiste von dem, was täglich passiert, ist unwichtig und morgen schon wieder vergessen. Konzentrier dich also darauf, was dir wirklich wichtig ist und vergiss den ganzen anderen Kram. Kostet Zeit, Nerven, Lebensqualität. Ich weiß, dass speziell diesem Punkt etwas Kalenderspruch-Verdacht anhaftet. Aber manchmal sind die ganz banalen Dinge zwar banal, aber trotzdem nicht verkehrt.

Das alles hier steht unter der Überschrift „USA-Tagebuch“ und natürlich darf man sich wundern, was solche eher prinzipielle Ergüsse mit den USA zu tun haben sollen. Haben sie natürlich nur am Rande; vielleicht deswegen, weil das amerikanische Lebensgefühl dann doch etwas lässiger ist als unser eigenes. Und auch deswegen, weil man sich ab und an mal etwas rausnehmen kann, um aus der Distanz auf die Dinge zu schauen. Da wirken sie dann gleich sehr viel kleiner und unbedeutender als im Alltag.

Was schließlich zum vierten und letzten Punkt führt, der mir gedämmert und mich gerettet hat: Am Ende ist alles deine Verantwortung. Hat nix mit Schuld zu tun, das ist etwas anderes. Aber Verantwortung trägst du am Ende für jeden kleinen Blödsinn, der am Tag passiert.

Sogar dafür, dass du jetzt rausgehst und aus dem Tag irgendwas machst. Idealerweise etwas, was dir gefällt.

USA-Tagebuch 2019 (1): Rami, der glückliche Mann

Rami habe ich am Frühstücksbuffett im Hotel im tiefen Süden der USA getroffen und eigentlich weiß ich so gut wie nichts über ihn. Das wenige, was ich weiß, verdient die Bezeichnung Wissen nicht. Weil ich mir nur einbilde, es müsste so sein, aber vielleicht ist es ja auch ganz anders.

Rami jedenfalls ist einer von Abertausenden, wie man sie in den USA täglich trifft. Offensichtlich einer mit Migrationshintergrund, wie wir in Deutschland so schön sagen. Sein Englisch ist sehr ok, was in den USA gar nicht so selbstverständlich ist. Ich treffe hier regelmäßig auf Menschen, bei denen ich kein Wort verstehe. Ein Taxifahrer beispielsweise hat mir gestern seine Sichtweise auf den Fußball erklärt. Außer den Begriffen „Soccer“, „Bayern“ und „Seven One“ (er meinte das 7:1 der Deutschen gegen Brasilien) habe ich exakt nichts verstanden. Das ist hier immer so. Eine Bekannte aus den USA hat mir vor ein paar Monaten gesagt, mein Englisch sei besser als das der meisten hier lebenden Menschen. Anfangs habe ich das für eine der typischen amerikanischen Schmeicheleien gehalten, die meistens hoffnungslos übertrieben sind. Inzwischen glaube ich, dass zumindest einen Funken Wahrheit darin stecken könnte.

Frühstück von und mit Rami.

Aber zurück zu Rami, den sehr gut Englisch sprechenden Mann aus dem an unser Hotel angeschlossenen Diner. Mindestens so gut wie sein Englisch ist seine Laune. Rami lacht, ist zu jedem freundlich und arbeitet mit einer solchen Begeisterung, dass man meinen könnte, es gäbe keine befriedigendere Arbeit als in der Frühschicht eines amerikanischen Diner. Selbst für amerikanische Verhältnisse ist sein Service außergewöhnlich. Was das bedeutet ahnt jeder, der jemals in den USA war und ansonsten tägliches Opfer der deutschen Vorstellung von Service wird.

Ich vermute, dass Rami ein sehr solides Leben irgendwo in einem Suburb im Großraum Miami führen wird. Rami trägt einen Ehering und ist – zumindest in meiner ausschweifenden Fantasie – glücklicher Familienvater mit zwei hübschen, glutäugigen Töchtern. Alles in allem habe ich das Gefühl, dass Rami ein ausnehmend zufriedener Mensch ist.

Beim Schreiben über Rami festgestellt: Der aktuelle Wohn- und Arbeitszimmerausblick in Miami macht so derart zufrieden.

Vermutlich hat Rami allen Grund dazu. Er lebt in einem Land, das trotz Trump und dem anderen ganzen täglichen Wahnsinn immer noch zu den großartigsten der Welt gehört. Er sieht gesund aus, hat sein Auskommen, lebt in Frieden und ob er am Ende des Monats ein paar Dollar mehr oder weniger auf seinem Konto hat, interessiert ihn nicht so sehr. Warum auch? Gemessen daran, wie es vielen anderen Menschen in seinem Heimatland geht, muss man sich Rami als einen glücklichen Mann vorstellen. Zumindest möchte ich mir das so vorstellen.

Vor allem deshalb, weil ich, kurz bevor es wieder mal hierhin ging, den Hang zum Nölen in Deutschland kaum mehr ertragen habe. Aus der Distanz von nahezu 10000 Kilometern wirkt er gerade noch lächerlicher als ohnehin schon.

Klar könnt ihr jetzt einwenden: USA, das ist doch dieses Land mit Trump. Stimmt. Aber es ist eben auch das Land der Millionen Ramis.

Einmal im Leben Bahn sein (es wäre alles so viel leichter)…

Freund K. sagt immer, ich solle mich nicht aufregen, wenn es um die Deutsche Bahn geht. Weil sie erstens gemessen beispielsweise an Indien oder Tadschikistan einigermaßen gut funktioniere und weil Bahn-Bashing zweitens einigermaßen billig ist. Bei letzterem muss ich ihm Recht geben.