Lockdown-Tagebuch: Die Laber-Pandemie

Mitten in der Pandemie ist noch eine Pandemie ausgebrochen. Eine, die mindestens genauso ansteckend ist. Gesundheitsgefährdend nicht, aber dafür beinahe so quälend wie ein ordentlicher Lockdown. Die Geschwätzigkeits-Pandemie, umgangssprachlich auch Laber-Pandemie, trifft uns gerade mit voller Wucht. Es wird geschwätzt und gelabert, was das Zeug hält. Offenbar eine Nachwirkung des Eingesperrtseins und der fehlenden Sozialkontakte, vielleicht ist planloses Labern auch eine Folge der Digitalisierung und der Tatsache, dass inzwischen jeder irgendwo irgendwas publizieren kann. Da muss man mit noch mehr Masse und Lautstärke dagegen halten, wenn man wahrgenommen werden will.

Gestern Abend beispielsweise in der Schwatzbude „Maybrit Ilner“. Es geht (zum wievielten Mal eigentlich?) um Corona und das Impfen und das ganze Desaster. Mittendrin in netzgerechter Aufgeregtheit der Herr Lobo, Sascha, den das Geschwätzigkeitsvirus offenbar besonders getroffen hat. Laber-Lobo auf allen Kanälen. Bei Spiegel Online und bei Illner arbeitet er sich an der Impfstrategie der Bundesregierung ab, mit kindlich anmutendem Trotz, wie ihm die FAZ heute komplett zurecht bescheinigt. Zwischendrin „diskutiert“ er mit Thomas Gottschalk (!) in der neuen Oberschwatzbude „Clubhouse“ ernsthaft die Zukunft der USA nach dem Machtwechsel.

Man fragt sich, warum die SPD nicht gleich Lobo als Kanzlerkandidaten aufstellt, der Mann weiß schließlich zu allem etwas zu sagen. Diskutieren kann man das allerdings nicht nennen, was die zwei da machen. Lobo zelebriert sich als Lobo und Gottschalk als Gottschalk und zwischendrin fragt man sich ernsthaft, wen von beiden man spießiger, bräsiger und erwartbarer finden soll. Davon abgesehen, dass man nicht so ganz weiß, woher Impfexperte Lobo und Wettexperte Gottschalk ihre Expertise zum Thema USA nehmen.

Aber das macht nix. Hauptsache, es wird geblubbert und gefaselt, angeblich hören 5000 Leute zu und die sind auch alle ordentlich ergriffen. Weil, merke: Auch der digitale Early Adopter braucht seine Influencer, denen er folgen kann. Und wenn es nur Lobo und Gottschalk sind.Gottschalk ist inzwischen auch alles egal, nach seinem Lobo-Talk findet man ihn als „USA-Experte“ bei den Freunden bei der „Bild“, wo er dem Publikum die USA erklärt und zudem befindet, dass JLo und Lady Gaga Fehlbesetzungen waren und nix bei einer Inauguration verloren haben.

Donnerwetter, denkt man sich, der Gottschalk, der selbst ernannte Rock´n´Roller, spießiger als jeder Altenheimbewohner. Und das als jemand, der angeblich die Beatles und die Stones verehrt. Ein wirklich cooler Typ wie Keith Richards jedenfalls amüsiert sich höchstens, wenn JLo und Lady Gaga auftreten, aber er moralisiert nicht rum. Aber Keith Richards würde wahrscheinlich auch weder Gottschalk noch Lobo für voll nehmen.

Zwischendrin im „Clubhouse“: Wie beginnst du deinen Morgen? Was macht für dich erfülltes Arbeiten aus? Ganz viele Sachen mit Marketing – und Digitalsprech, ein „Instagram Growth Talk“ (ernsthaft). Zwischendrin fragst du dich, ob die alle nix zu tun haben, ich hätte jedenfalls keine Zeit für „Instagram Growth Talks“.

Aber auch hier gilt: Man trifft, wie es die ebenfalls die FAZ heute so schön beschreibt, hauptsächlich die professionellen Alleskommentierer und Vielredner, die schon auf allen anderen Plattformen alles kommentieren und viel reden. Die Geschwätzigkeits-Karawane zieht weiter.Sehen Sie dann kommende Woche: Maybritt Illner eröffnet den ersten Talk-Room bei Clubhouse und diskutiert mit Sascha Lobo und Thomas Gottschalk die Frage nach der Zukunft von alles und jedem, powered by Bild.

Und Julian Reichelt kommentiert: Welche Rolle die Kanzlerin in diesem Laber-Desaster spielt.

Lockdown-Tagebuch: Hauptsache düster!

Wenn ihr hier jetzt gerade wieder etwas zu unserem Liebling, dem Frl. Corona hören wollt, muss ich euch zumindest um Geduld bitten. Es geht erst einmal um eine hübsche Theorie, die ich die Tage gelesen habe. Demnach, so sagt der Historiker Herfried Münkler, befinden wir uns mittlerweile in einer post-heroischen Gesellschaft.

Hallo? Seid ihr noch da?

Keine Sorge, es folgt keineswegs eine soziologische Abhandlung. Schon alleine deshalb nicht, weil ich kein Soziologe bin. Davon abgesehen: Ich nehme an, das würde euch langweilen. Trotzdem kurz zur Erklärung: Sinngemäß sagt der Herr Münkler, dass es in dieser Gesellschaft keine Helden mehr gibt (oder geben soll). Ebenso wenig wie Opfer. Und ebenso wenig Verzicht, Einschränkung und andere tendenziell unschöne Dinge.

Dumm nur, dass diese wohlige Gefühl gerade etwas kollidiert mit den Umständen einer Pandemie, die sich entgegen dem vorherrschenden Lebensgefühl dieser Gesellschaft ein paar Ungeheuerlichkeiten rausgenommen hat. Weder hat sie sich für Weihnachten und Silvester interessiert noch für unsere doch eigentlich klar formulierte Vorgabe, dass sie spätestens am 31.1.2021 den Betrieb einzustellen habe. Stattdessen mutiert sie munter vor sich hin, sodass man kein Pessimist sein muss, um zu ahnen: Das könnte sich noch ein bisschen ziehen.

Dazu kommt eine besonders interessante Neigung, von der ich gerne schreiben würde, sie sei sehr deutsch, wenn es denn nur nicht so abgedroschen wäre. Man sieht erst mal das Negative und auf dem kann man dann wunderbar rumreiten.

Für mich als bekennenden Anhänger der Lehre des Stoizismus ist das besonders unverständlich. Seit Wochen überbieten sich intelligente Menschen wie Journalisten in Kommentaren und Analysen, wie die Sache mit dem Impfstoff in der EU nur so grässlich daneben gehen konnte. Erstaunlich am Rande: In der Beziehung sind sie sich dann wieder vergleichsweise nahe, die lieben Kollegen. Ob die Bild-Kampfdogge Reichelt oder beliebige Spiegel-Kommentatoren, man haut der EU und „DER“ Politik ordentlich eines hinter die Ohren. Ganz so, als ob sich dadurch im Nachhinein noch irgendwas ändern würde.

Das Lüftchen des Zeitgeistes hat sich jetzt jedenfalls gerade so gedreht, dass der Spahn vom Superhelden zum Totalversager runtergeschrieben wird. Nebenbei: Wäre ich Spahn, wäre mir das Gekläffe wurscht. Weil sich das Zeitgeist-Lüftchen bald wieder drehen wird und weil ich nicht so viel auf Hinweise von Menschen gäbe, die zwar flammende Kommentare im Nachhinein schreiben, es vorher aber auch nicht besser gewusst haben.

Aber noch mal zum Stoizismus: Der lehrt, dass es wenig Sinn hat, sich über Dinge aufzuregen, die man eh nicht beeinflussen kann. Das kann im Zweifelsfall natürlich Interpretationssache sein. Ich würde aber doch meinen, dass man eine Impfstoffvergabe aus dem vergangenen Sommer nicht mehr richtig beeinflussen kann.

Man könnte es im Übrigen auch so sehen, dass es eine sensationelle Leistung ist, dass innerhalb nicht mal eines Jahres mehrere hoch wirkungsvolle Impfstoffe entwickelt worden sind. Und dass in Deutschland Mitte Januar schon über eine Million Menschen geimpft wurden, kann man selbstverständlich als „Impfdesaster“ beschreiben. Man könnte sich aber auch einfach darüber freuen.

Ich fürchte nur: Man freut sich nicht so gerne im Lande D. Das erwähnte Zeitgeist-Lüftchen weht zudem gerade besonders streng und verstärkt die D-typische Neigung zur Griesgrämigkeit. Ich kann mittlerweile keinen Tag mehr durch die Gegend surfen, ohne nicht mindestens drei Rassismus-Debatten, wüste Streitereien um Gendersternchen und generelle Anschuldigungen an Sexisten und anderes übles Gesocks zu lesen.

Gestern wollte jemand in meiner Timeline ernsthaft noch eine Debatte darüber anfangen, ob es nicht auch Rassismus sei, wenn eine Figur eines Schwarzen in einem Animationsfilm (es ging um den übrigens wirklich großartigen Pixar-Film „Souls“) von einem Weißen gesprochen wird. Ja klar, alles ist Rassismus, Sexismus und so ein Zeug. Habe ich damals schon erlebt, in den 80ern: Alles Scheiße, null Bock, no Future. Irgendwie kommt es mir so vor, als käme das alles gerade in neuem, zeitgeistigen Gewand daher. Man muss die Welt düster finden, um als halbwegs bei Verstand zu gelten. Blöd nur, ich konnte mit diesem Gerede damals schon nichts anfangen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Zur Krönung des Ganzen habe ich heute noch einen Podcast gehört. In dem ging es um „Activism Burnout“. Falls ihr das noch nie gehört habt, tröstet euch: Ich auch nicht. Eine Klimaaktivistin wurde vorgestellt, die leidet an so was. Also, an sich selbst und am Zustand der Welt. So sehr, dass sie von regelmäßigen Heulkrämpfen geplagt wird.

Wie finster also ist die Welt gerade? Ja mei, sagt der Bayer, und zuckt die Schultern. Immer nur so finster, wie du sie gerade siehst.

Lockdown-Tagebuch: Atemlos, der Corona-Remix

Willkommen im neuen Jahr und willkommen zu einem ganz normalen Samstag! Szenen eines Lockdowns, Januar 2021.

Heute früh in Dillingen, der hübschen Kleinstadt meiner Wahl: An einem Supermarkt-Parkplatz sammeln sich die Autos, als würde es was umsonst geben und zudem Flori Silbereisen und Helene Fischer dort exklusiv ihr Liebes-Comeback bekannt geben und dann gemeinsam ihren neuen Monsterhit, die Corona-Edition „Atemlos durch die Nacht, der Intensivstation-Remix“ vorstellen.

Und du denkst dir: Moment, war da nicht was, irgendwelche Beschränkungen der maximal erlaubten Personen im Geschäft? Der vor Weihnachten noch abgestellte Security-Dienst ist jedenfalls verschwunden, die Leute plauschen ein wenig am Parkplatz. Und egal, wie genau die Beschränkung jetzt eigentlich lautet, eingehalten wird sie sicher nicht.

Die Kollegen der „Süddeutschen“ schreiben im Lokalteil unterdessen, dass die Menschen im bayerischen Oberland, beispielsweise am Tegernsee, gerade nicht so gut auf Stadtmenschen aus München zu sprechen sind. Das liegt vor allem daran, weil diese Menschen regelmäßig in solchen Mengen zur Naherholung ins Oberland fahren, dass man sich als Außenstehender gelegentlich fragt, was genau das noch mit „Erholung“ zu tun hat.

Kein bayerisches Phänomen übrigens. Im sauerländischen Winterberg können sie die lieben Ausflügler nur noch mit Polizeihilfe davon abhalten, allzu exzessiv „Erholung“ zu suchen. Davor hatten sie schon die Pisten und Hänge und Lifte und auch die Toiletten gesperrt. Genutzt hat es nichts.

Man lernt: Der Durchschnittsdeutsche setzt sein Recht auf Naherholung ähnlich vehement durch wie Trump-Anhänger das Kapitol stürmen. Da lässt er sich nicht mal davon abhalten, dass es keine Toiletten gibt, Und gesperrte Hänge? Pah! Hauptsache, die Kinder kommen mal wieder zum Rodeln!

Kurze Eindrücke auch von den Lektüren der letzten Tage. Ein an sich sehr geschätzter Kollege in der SZ schreibt, man stecke sich an Skihängen nicht an und man müsse den Leuten ja wenigstens noch ein paar Freiheiten lassen. Klasse Idee, denke ich mir, während ich dabei auf den überfüllten Supermarkt-Parkplatz schaue. Freiheit und marodierende Ausflügler, das ist wirklich das, was wir jetzt brauchen. Und Einkaufen am Samstagmorgen.

Heribert Prantl, moralisierender SZ-Wanderprediger, vermisst währenddessen „Phantasie“ bei den Corona-Regelungen. Immer nur Verbote, das sei etwas wenig, befindet Prantl. Jemand, denke ich mir, müsste das mal Frau Merkel erzählen. Bitte etwas mehr Phantasie, Frau Bundeskanzlerin! Sie können doch nicht immer verbieten! Ich wüsste wirklich gerne, was die nüchterne Naturwissenschaftlerin Merkel dazu sagen würde. Aber ich glaube, sie würde jetzt nicht auf die Idee kommen, Prantl einen Kabinettsposten anzutragen. Heribert Prantl, Phantasieminister.

Eine andere, ebenfalls sehr geschätzte Kollegin, beschreibt in ihrer Elternkolumne im „Spiegel“, dass sie sich ein wenig um ihren Fünfjährigen sorgt. Die Erzieher im Kindergarten attestieren ihm eine geringe Frustrationstoleranz. Ein ziemlicher Euphemismus, denke ich mir, während ich das lese. Der junge Mann bekommt anscheinend veritable Zornesausbrüche, wenn etwas nicht innerhalb von geschätzten vier Sekunden funktioniert.

Vermutlich kommt so was ja von so was. Mit der Frustrationstoleranz ist es ja, siehe oben, auch unter uns Erwachsenen nicht weit her. Bei den Kleinen sind es die Eltern, die alle Hindernisse aus dem Weg räumen. Für die Prantls und all die anderen ist es die Kanzlerin. Oder Jens Spahn. Irgendjemand halt, irgendjemand muss doch verdammt noch mal die Pandemie beenden können!

Eine Gesellschaft der Frustrationsintoleranten erzieht lauter kleine frustrationsintolerante Monster. Und irgendwo in China, da lachen sie sich gerade weg über eine Gesellschaft, die es für ein Menschenrecht hält, dass alles exakt so funktioniert, wie sie es gerne hätte.

Lockdown-Tagebuch: Von Machern und Flachpfeifen

Kennt ihr den Unterschied zwischen Machern und Flachpfeifen? Die einen tun, die anderen reden nur müde daher.

Aber erst mal: Den Regeln des Anstands folgend, müsste ich hier jetzt schreiben: Ich bedanke mich bei allen, die an meinen Geburtstag gedacht haben. Ich habe mich über jeden sehr gefreut.

Das stimmt zwar grundsätzlich, ist aber gleichzeitig das Langweiligste, was man sich vorstellen kann. Und mit Langeweile, Berechenbarkeit und Konventionen das neue Jahr zu beginnen, gäbe es etwas Trostloseres?

Früher, in normalen Zeiten (also bis ca. Januar 2020) hätte ich jetzt an dieser Stelle irgendwas über den Charme des unkonventionellen Denkens und der Segnungen der unabhängigen eigenen Sichtweise erzählt. Heute muss man damit ein bisschen vorsichtig sein. Sonst wird man mit einem „Querdenker“ verwechselt. Dann also lieber komplett konventionell, ohne den Hauch einer eigenen Idee, als mit so was in einen Topf geworfen werden.

Auf der anderen Seite: So weit ist es mit uns in diesen verrückten Zeiten schon gekommen, dass man betonen muss, in seinem Leben auf gar keinen Fall „quer“ denken zu wollen. Aber gerade wandelt sich sowieso alles, inklusive des eigenen Weltbildes. Ich habe ja immer gedacht, dass sich der Staat aus vielem rauszuhalten habe, weil der Mensch weitgehend eigenverantwortlich entscheiden kann.

Wenn du dir aber wieder so ein paar Sachen aus den letzten Tagen anschaust: Hunderte Bekloppte ohne Abstand, ohne Maske, ohne Hirn, die in Nürnberg singend und tanzend gegen Corona protestieren, das Virus wird davon sicher sehr beeindruckt sein. Abertausende, die die deutschen Mittelgebirge und Skiregionen stürmen. Das geht so weit, dass inzwischen sogar die Polizei eingesetzt werden muss, um die eigenverantwortlichen, souveränen Bürger von weiterem Unfug abzuhalten.

Das steht im Gegensatz zu dem, was wir sonst gut können: mosern und vor allem „dem Staat“ und „der Politik“ unter die Nase zu reiben, wie unfähig sie doch alle sind. Wenn „Bild“ tatsächlich das Volksorgan sein sollte, dann lesen wir dort gerade von „Impfdesaster“, „Impftrödelei“ und anderen Unzulänglichkeiten. Interessanterweise lesen wir dann in derselben „Bild“, dass Österreichs Zeitungen die Impfpolitik Österreichs ziemlich niederknüppeln. Mit Verweis darauf, wie gut es doch in Deutschland laufe. Das kann „Bild“ nicht größer bringen, weil sie den heiligen Kurz als Antipoden zur bösen Merkel aufbauen wollen.

Aber darüber wollte ich gar nicht viel schreiben, weil Schreiben über die „Bild“ eh sinnlos ist. Du wunderst dich nur, wie gerade alles, wirklich alles schlecht geredet wird. Wir haben in nicht mal einem Jahr in Deutschland einen hoch wirkungsvollen Impfstoff entwickelt, ein paar Hunderttausend Menschen sind bereits geimpft, bis Sommer/Herbst sollten wir das Schlimmste überstanden haben – und was passiert hier: Tullius Destructivus Julian Reichelt und seine anderen Schreihälse brüllen das Land nieder und zeichnen das Bild einer Bananenrepublik.

Aber vielleicht ist das ja immer noch eine sehr deutsche Mentalität: erst mal schauen, ob man nicht was zum Nölen findet. Optimismus für Naivität halten und destruktives Gemotze für Kreativität. Wenn du wissen willst, wie das funktioniert: lies „Bild“,das Schmierblatt. Die schreiben wirklich alles in Grund und Boden.

Umgekehrt entdecke ich gerade heiligen Respekt vor den Leuten, die machen statt dumm rumlabern. Wir haben beispielsweise in unserem hübschen Dillingen einen OB Frank Kunz, der macht klaglos seinen Job, sorgt dafür, dass hier Tag für Tag alles lautlos und prima funktioniert. Vermutlich bekommt er dafür nicht mal ein „Danke“, weil wir ja gerade damit beschäftigt sind, noch ein paar Haare in der Suppe zu finden. Solche OB´s und Landräte und die ganzen ehrenamtlichen Helfer, die findest du vermutlich in vielen Städten. Aber es ist natürlich sehr viel einfacher, vom warmen Zuhause aus im Netz rumzunölen, wie doof die alle sind. Jedenfalls, da lege ich mich fest, tut unser Dillinger OB jeden Tag sehr viel mehr fürs Land, als wie es eine Flachpfeife wie Julian Reichelt es jemals hinbekommen wird.

Egal. Die Welt wird sich weiter drehen, vermutlich demnächst auch wieder besser als zuvor. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich für meinen Teil habe beschlossen, den Arschgeigen in meinem Leben keinen Platz mehr zu geben. Sucht ihr mal weiter überall was zum Motzen, ich halte es bis dahin mit einem berühmt gewordenen Satz eines Virologen:

Ich habe Besseres zu tun!

Lockdown-Tagebuch: Griesgrame im männlich dominierten Dativ

In meinem Alter neigt man nicht mehr zu Sentimentalität und Naivität (zumindest glaubt man das ab einem bestimmten Alter gerne von sich selbst). Wenn es um Weihnachten das restliche Jahresend-Event geht, das immer noch so schön als „zwischen den Jahren“ firmiert, macht man trotzdem eine Ausnahme. Du bildest dir dann gerne ein, dass die Welt friedlicher und gelassener ist und dass schon irgendwie alles gut wird. Der Glaube hält bis ca. Ende Januar und zerbröselt danach zuverlässig wie die Vorsätze zum Jahreswechsel. Man sollte sich schon alleine deshalb keine allzu großen Dinge für das kommende Jahr vornehmen, aber das nur nebenbei.

Jedenfalls dachte ich auch in diesem Jahr wieder, die Welt sei wenigstens für ein paar Tage…siehe oben. Möglicherweise liegt es an der Daueraufgeregtheit in den sozialen Netzwerken, vielleicht an den schrägen Zeiten, in denen wir leben. Aber nicht mal jetzt ist Ruhe. So wenig, dass man am liebsten einmal in die Runde brüllen würde:

RUHE, VERDAMMT NOCHMAL!

Aber natürlich mache ich das nicht, dazu bin ich viel zu höflich und zu gut erzogen. Außerdem bringt es nichts. Bestenfalls bekäme man dafür ein paar schräge Blicke ab oder die Aufforderung, doch bitte nicht rumzubrüllen, gerade jetzt, wo doch alles so friedlich ist.

Es ist trotzdem erstaunlich: Nicht mal an Weihnachten haben Querdenken das Querdenken aufgegeben. Was ich gar nicht überraschend finde, wenn sie denn bitte nur nicht dauernd rumkrakeelen würden. Kaum meldet beispielsweise das ZDF, dass am Sonntag mit dem Impfen begonnen würde, gehts schon los. Gefühlte tausend Kommentare unter einer simplen Meldung und es dauert keine drei Wortmeldungen, bis wir wieder beim ganz schweren Bestecke sind. Diktatur, Impf-Terror, 5 G, Chips, Schlafschafealleendlichmalaufwachen!

Großer Seufzer. Könnt ihr nicht einfach die Klappe halten?

Was mich wirklich wundert, ist diese Freudlosigkeit. Nicht nur, weil jetzt gerade Weihnachten war. Sondern ganz generell. Es muss ein trostloses Leben sein, wenn man ständig nur entrüstet, verärgert, wütend, aufgebracht, was auch immer ist. Schon klar, niemand ist stetig gut gelaunt. Aber das glatte Gegenteil? Himmel, wie sehr muss das auf den Magen, das Gemüt, das Hirn schlagen?

Das ist leider nicht nur bei den Corona-Brüllaffen so. Ich werde überhaupt das Gefühl nicht mehr los, dass einer ganzen Reihe Menschen der Spaß an ungefähr an allem abhandenkommt. Dass sie sich verheddern in einem strengen Regelwerk dessen, was man darf, was man nicht darf, was korrekt ist und was nicht.

Die Tage beispielsweise habe ich in der „Süddeutschen Zeitung“ etwas gelesen, bei dem ich nicht wusste: Soll ich das betrüblich finden? Oder doch eher vor Lachen vom Stuhl fallen? Eine SZ-Autorin und eine Linguistin diskutierten mit heiligem Ernst, dass unsere Grammatik dem Grundgesetz widerspreche. Die Linguistin beispielsweise führte an, dass es im Dativ „Gib der Mutter einen Kuss“ heiße. DER Mutter! Ha!

Das zarte Seelchen der Autorin befand, sie sei „erschrocken“, als sie sich im Heft „männlich“ bestimmt wiederfand. (Zitat: „“Ich hatte geschrieben: »Als Kind und Jugendliche wäre mir das nie passiert.« Unsere Schlussredakteurin korrigierte: »Als Kind und Jugendlicher wäre mir das nie passiert.« Wieso muss da »Jugendlicher« stehen? Ich bin doch eine Frau.)

Das kann man natürlich alles ganz schröcklich finden, Impfwahnsinn und männlich-dominante Dative in der deutschen Sprache. Das ist alles kein Spaß, weswegen man mit heiligem Ernst dagegen vorgehen muss. Ich weiß nur nicht, wie viel Spaß im Leben übrig bleibt, wenn man vor männlichen dominierten Dativen in der Grammatik zurückschreckt. Wenn man jede Handlung, jede Formulierung, jeden Kleinkram der Frage unterzieht, ob das nicht sexistisch, rassistisch oder wenigstens diskriminierend ist. Wenn man überall Unheil wittert, andere Menschen, die nicht nur dumm, sondern bösartig sind.

Aber ich sag euch was: Ich bin raus bei solchen Debatten. Ich hab bald Geburtstag, werde schon wieder älter, habe vermutlich mindestens die Hälfte meines Lebens hinter mir (mindestens, sagte ich!). Vielleicht habt ihr ja alle noch deutlich mehr Zeit vor euch als ich. Selbst wenn das so sein sollte: Denkt darüber nach, ob ihr euer Leben mit so was verbringen wollt. Ich für meinen Teil bin gerne bereit, alle männlichen Formen aus der deutschen Grammatik zu streichen, ich erschrecke nicht, wenn mich jemand „Die Mann“ nennt. Hauptsache, die Welt wird wieder ein bisschen friedlicher, entspannter, freudvoller.

Kommt gut rüber nach 2021. Und wenn euch das nächste Mal jemand in solche Debatten ziehen will, fragt euch kurz, ob es das jetzt wirklich wert ist.

Lockdown-Tagebuch: Wenn die Tage wieder länger werden

Wenn Corona etwas schafft, dann das: es macht unglaublich müde. Da freust du dich darüber, dass es endlich mit dem Impfen losgehen kann – und dann das: Irgendeine bekloppte Mutation bringt es fertig, dass dieser Mistbock von Virus nochmal viel ansteckender wird als ohnehin schon.

Und als wenn sich dieses ebenso mistige 2020 noch eine besonders irre Pointe hätte ausdenken wollen, sitzen die Briten jetzt auf ihrer Insel, isolierter denn je, und bekommen einen Vorgeschmack, wie das werden könnte mit so einem harten Brexit.

Vielleicht hat dieses Virus einfach nur eine besondere Form des Gerechtigkeitssinns und wir merken es nicht. Erst wirft es den Donald aus dem Weiße Haus. Und jetzt sollte man sich nicht wundern, wenn der andere Mini-Populist durch dieses Zeug in mehr Schwierigkeiten gerät als durch jede noch so blödsinnige Brexit-Volte.

Auf der anderen Seite: Heute ist der kürzeste Tag des Jahres. Ab morgen geht es wieder aufwärts. In sehr, sehr kleinen Schritten. Minutenweise. Aber es wird dann doch schnell gehen und die Tage sind wieder länger. Dazwischen liegt ein knackiger Winter, vermutlich mit allem, was ihn unangenehm macht. Zumindest aber wissen wir, dass auch das vorbei geht.

Und so siechen sie dahin, die letzten Tage dieses wahnwitzigen Jahres. In einem Taumel aus Hoffnung und Ernüchterung, aus unschönen Erwartungen (Corona-Weihnachten, Lockdown) und der Gewissheit, dass die Tage wieder länger, schöner, wärmer, werden.

Zeit wird es, weil, siehe oben, Corona vor allem müde und unleidlich macht. Bei jeder Kleinigkeit denkst du dir inzwischen: Was denn noch alles? Sogar Journalisten-Kollegen, die ich für bedacht und intelligent halte, nölen inzwischen in ihren Kommentaren rum wie die Kleinkinder und beklagen sich, dass „die Politik“ nicht den richtigen Ton treffe. Als wenn es darauf ankäme, den „richtigen Ton“. Ich hätte gerne wieder die guten Seiten meines alten Lebens zurück. Gerne gepaart mit den wenigen guten Erkenntnissen aus 2020.

Zu denen gehört übrigens: Talk is cheap. Es kommt aufs Machen an. Ich habe so viele Sachen in diesem Jahr gelesen (siehe: der richtige Ton), bei denen ich mir denke, dass sie so belanglos und wirkungslos sind.

2021 also. Da soll jetzt nicht alles besser werden. Aber vieles zumindest. Was ich sicher jetzt schon weiß: Sollte ich 2021 jemals auf die absurde Idee kommen, mich über etwas zu beklagen, ich denke einfach an 2020 zurück.

Ich wünsch euch, falls wir uns nicht mehr lesen, hören, sprechen: Zuversichtliche, entspannte Weihnachten.

Lockdown-Tagebuch: Am Ende bist du selbst verantwortlich

Vielleicht ist es ja nur ein dummer Zufall, aber in Ausnahmezeiten lernt man immer besonders viel. Über sich selbst. Seine Mitmenschen. Und die Welt an sich. Und auch wenn ich das an sich nicht mag, weil man sich damit automatisch über andere erhebt – ab und an drängt sich die Frage auf:

Geht´s eigentlich noch, Leute?

Und als zweite Frage gleich hinterher: Habt ihr eigentlich mal was von dem Begriff Verantwortung gehört?

Keine Sorge, es kommt jetzt kein moralinsaures Gebrabbel mit dem erhobenen Zeigefinger. Darüber, welche Verantwortung wir für unsere Schöpfung…blabla. Ich bin doch nicht Luise Neubauer und bei Fridays for Future sind wir hier auch nicht.

Menschen zu sagen, für welch abstrakte Dinge sie Verantwortung haben, funktioniert selten. Und bei denjenigen, bei denen es klappt, hat das oft die unangenehme Nachwirkung, dass sich solche Leute für mindestens sehr erhaben halten. Den Zeigefinger heben und den Mitmenschen zu sagen, was sie zu tun haben. Das wiederum führt selten zum Erfolg. Wer will sich schon einer sauertöpfischen Kaltmamsell (oder einem griesgrämigen Besserwisser) belehren lassen?

Also bitte, reden wir nicht darüber, wie viel Verantwortung der Mensch für die Welt trägt. Fürs Erste wäre es schon prima, wenn einfach mal jeder Verantwortung für sich selbst tragen würde. Das hätte den wunderbaren Vorteil, dass man dann spürbar weniger Debatten darüber hätte, wer jetzt eigentlich genau an was schuld ist (also alle, außer man selber natürlich).

Zu Beginn von Lockdown #2 ist das schön zu beobachten. Journalisten und andere Superexperten, gefühlt haben wir es ja mit 80 Millionen Virologen zu tun, rechnen gerade der Politik und der Wissenschaft vor, was sie alles falsch gemacht haben. Dass es an einer stringenten Strategie fehle, beispielsweise. Ganz besondere Schlaumeier nölen dann noch rum, dass die Politik nicht den richtigen Ton träfe gegenüber den lieben Mitbürgern.

Ganz ehrlich: Ich bewundere gerade die Politiker und insbesondere die stoische Ruhe der Kanzlerin. Wäre ich Kanzler, hätte ich schon lange Schimpftiraden ohne Ende losgelassen (deswegen werde ich wahrscheinlich ja auch nie Kanzler). In der „Bild“ posieren geistige Fußgänger mit einer Kiste Böller, die sie in Polen gekauft haben – und das Zentralorgan des populistischen Flachsinns macht dazu die hübsche Schlagzeile: „Wir lassen uns das Böllern nicht verbieten!“. Die Parfümerie „Douglas“, die ansonsten größten Wert darauf legt, kein Drogeriemarkt zu sein, will plötzlich doch als Drogeriemarkt firmieren und deswegen einen Teil seiner Geschäfte geöffnet lassen. Undsoweiter, undsoweiter. Und da sollst du ruhig bleiben?

Womit wir wieder bei der Verantwortung wären. Bei der für sich selbst. Ich würde niemand soviel Altruismus unterstellen, dass er an die Welt, an Europa oder auch nur an Bayern oder seine Mitmenschen denkt. Aber an sich selbst könnte man ja mal denken. Und damit auch Verantwortung für sich übernehmen. Wer eine Maske trägt, schützt sich selbst. Wer seinen Laden zulässt, wer Kontakte reduziert – schützt sich selbst.

Den Lockdown jetzt, der uns länger bleiben wird, als wir meinen, den haben wir uns schön selbst eingebrockt. Richtig gelesen: WIR. Nicht die anderen. Wir haben es schön salopp angehen lassen im Sommer, wir haben gedacht, Corona sei so gut wie vorbei, ein leichter Anstieg im Winter vielleicht noch, das war´s.

Da ist es natürlich wohlfeil, mit dem Finger auf die diffuse Masse der „Anderen“ zu zeigen oder die Politik zu beschimpfen.

Aber hey, du bist für dich verantwortlich. Immer, jeden Tag, in allem, was du tust. Bevor du jetzt aufstöhnst und mich blockierst oder wenigstens entfreundest: Verantwortung und Schuld, das sind zwei unterschiedliche Dinge. Corona ist nicht deine Schuld, aber es ist trotzdem deine Verantwortung, wie du jeden Tag damit umgehst. So simpel, das.

Oder eben doch: so kompliziert. Ich staune immer wieder über die zunehmende Schneeflöckchen-Mentalität, nicht nur bei den Millenials, denen man das ja gerne nachsagt. Schneeflöckchen, weil: Übergroße Ansprüche an das Leben als solches haben, bei der kleinsten Kleinigkeit kollabieren und die Schuld an andere weiterreichen. Das bleibt vermutlich nicht aus in einer Welt, in der jeder für sich selbst der größte Star ist. Da empfindet man jede Form von Kritik als narzisstische Kränkung.

Und dann kann man sich leicht ausrechnen: So ein kleines, beschissenes, dummes Virus, das ist die größtmögliche narzisstische Kränkung von allen.

Lockdown-Tagebuch: Leise heulen, Bild!

Lockdown-Tagebuch, Teil 9

Wenn du wissen willst, woran es hakt – lies einfach die „Bild“. Die „Bild“ ist das Organ des gesunden Volksempfindens und immer zur Stelle, wenn es darum geht, diffuses Bauchgefühl zu bedienen. Davon gibt es aktuell mehr als genug. Es ist mal wieder die große Zeit von „Man wird doch wohl noch sagen dürfen“, „Die da oben“ und „Die spinnen wohl“.

Einen überaus brillanten Mix aus diesen drei Komponenten haben die Vertreter des gesunden Volksempfindens gestern geliefert. Da hat der Regierende Bürgermeister von Berlin etwas gesagt, was an Banalität und Selbstverständlichkeit kaum zu toppen ist. Man müsse ja nicht, sagte der bedauernswerte Herr Müller, am 28. Dezember noch Pullover kaufen, das könne man auch vorher machen.

Was der gute Mann eigentlich sagen wollte damit: Die Welt geht nicht unter und die Zivilisation auch nicht, wenn man zwischen den Jahren mal nicht exzessiv shoppen gehen könne.

Was man ebenfalls festhalten muss: Da hat er wohl recht. Weil, wenn wir uns darauf nicht einigen können, dann vermutlich auf nix mehr. Dann muss man die Pandemie laufen lassen, weil Shoppen und Glühwein wichtiger sind als ein paar Leute, die an oder genauer mit Corona verrecken und die ja ohnehin bald verreckt wären.
„Bild“ also schreibt, was die Menschen denken:

So nicht, Herr Müller! Nicht in diesem Ton, Herr Müller! Das ist ein Schwachsinns-Vorschlag, Herr Müller! (Wobei das genau genommen gar kein Vorschlag war, aber bei der Bild darf man nicht so pingelig sein).
Am Abend versuchten sie es dann auch noch bei der Kanzlerin. Die hatte es gewagt, als Gegenmittel gegen kalte Klassenzimmer warme Jacken und etwas Bewegung zu empfehlen.

Schwachsinn! Unsinn! Zumutung, Frau Merkel!

Wobei ich auch hier gerne die Frage loswerden würde, wie das früher (also bis letztes Jahr) war: Wurden da Klassenzimmer nie gelüftet, weil Schüler schlagartig den Heldentod gestorben sind, wenn sie mit frischer, kühler Luft in Berührung kamen?

Aber so sind sie, die Volks-Jammerlappen aus Berlin. Genauso wie ihr jammerlappiges Lesevolk. Eine Ansammlung müder Opportunisten, dauerentrüsteter Nichts-Aushalter und Großmäuler.
Bild-Chef Julian Reichelt sagt übrigens in Interviews, bei der Frage nach dem Charakter eines Menschen/Kollegen überlege er sich gerne, ob er mit dem jeweils anderen im Schützengraben liegen wolle (er hat es mit martialischer Sprache, der Herr Reichelt).

Von dem her, verehrter Herr Reichelt, bleiben wir doch gleich bei der Sprache, die Sie so prima verstehen:
Mit Ihnen und den anderen Journalisten-Darstellern würde ich nicht im Schützengraben liegen wollen. Weil man da auf die Zähne beißen muss (ich war bei der Bundeswehr, ich weiß ein bisschen, von was ich rede). Ob da ein kettenrauchender Jammerlappen, der losheult, weil er keine Pullis kaufen darf, meine bevorzugte Wahl wäre, kann ich mit besten Gewissen verneinen.

Und jetzt: Abtreten und leise heulen, Schütze Reichelt.

Lockdown-Tagebuch: Alles wird gut

Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich ein Interview gemacht. Mit Wigald Boning und Bernhard Hoecker. Es war ein interessanter Mix aus lustig und ernst und insbesondere Boning ist ein verflixt schlauer Kopf. Generell mag ich ja diese Form des Understatements. Es ist einfach, Boning zu unterschätzen, aber ich garantiere euch: Da würdet ihr einen kolossalen Fehler begehen.

Da dachte man noch, alles werde wie gehabt: ein wie immer gutes Jahr. Silvester 2019, Miami, Bayfront Park.

Jedenfalls habe ich (in einer Zeit weit vor Corona, also genauer gesagt wenige Wochen zuvor) gefragt, in welcher Zeit sie gerne leben würden, wenn sie es sich aussuchen dürften. Boning war sich sicher: 2019, wann sonst? (Die genaue Begründung könnt ihr gerne im Interview nachlesen). Kurz überlegt, dann gedacht: Stimmt, es könnte keine bessere Zeit geben.

Zugegeben, 2020 ist manches anders als 2019. Kurzfristig betrachtet sogar: ungefähr alles. Demnach würde man also Bonings Antwort für 2019 noch richtig finden können, für 2020 aber nicht. Oder?

Das ist natürlich Unfug. Weil sich in Wirklichkeit nichts geändert hat, außer, dass 2020 irgendwie etwas doof ist und aus der Reihe tanzt. Darüber kann man sich ernsthaft nur dann wundern, wenn man davon ausgeht, dass eine positive Entwicklung immer linear verläuft und Dinge und Erfolg in regelmäßigen Abständen kommen.

Leider ist das aber nicht so. Wenn man ein wenig nachdenkt: Es war noch nie so und wird auch nie so sein. Dafür gibt es ein paar Gründe, die ich gerne aufzähle, weil ich gerade das Gefühl nicht loswerde, dass das ein wenig in Vergessenheit geraten ist.

Das hat also zum einen damit zu tun, dass es ein Grundrecht auf Erfolg und einen guten Lauf der Dinge leider nicht gibt. Im Grundgesetz steht nichts davon und in allen anderen Gesetzen nach meinem Wissen auch nicht. Weil unser Leben aber ungewöhnlich angenehm läuft (also zumindest im Vergleich mit den Generationen vor uns), hat sich die fatale Erwartung breitgemacht, das müsste so sein. Muss es aber nicht.

Und selbst wenn die Dinge gut laufen, auch über längere Zeiträume hin weg: Das passiert nie linear, nie regelmäßig. Manchmal geht eine Zeit gar nix, dann wieder klappt alles auf einmal. Schau dir dein eigenes Leben an, dann stellst du genau das fest.
Gehen wir also einfach davon aus, dass 2020 ein ziemliches Scheißjahr war. Kommt vor, wird nicht das letzte Mal gewesen sein.

Weil wir aber in der besten der vorstellbaren Zeiten leben, kann man die Dinge ja auch mal so sehen:

Noch nie in der Geschichte ist gegen ein tödliches Virus so schnell ein vielversprechendes Gegenmittel entwickelt worden. Gerade ein Jahr hat es gedauert und wenn das nicht eine unglaubliche Leistung ist, dann weiß ich es auch nicht.

Wir müssen bis dahin nicht mal viel tun. Zuhause bleiben, abwarten, vorsichtig sein, das wars. Es gibt in diesem so unsagbar reichen Land keine Massenarbeitslosigkeit, die Wirtschaft ist nicht kollabiert und wir können es uns sogar leisten, ganzen Branchen ihre Verdienstausfälle zu erstatten. Unsere wichtigsten Debatten drehen sich aktuell darum, ob wir Weihnachten und Silvester nicht so begehen können wie früher. Wobei ich zuversichtlich bin, dass wir sogar diese Zumutung irgendwie überstehen werden.
Natürlich kann man angesichts dessen sofort von Diktatur reden. Man kann sich in diesem Land sogar wie Sophie Scholl und Anne Frank fühlen, ich würde allerdings nur sehr ungern mit solchen Leuten in einem Boot sitzen wollen, wenn man wirklich was Ernsthaftes passiert. Es spricht trotzdem für diese Zeiten, dass unser Leben so stabil bleibt, dass wir es allenfalls mit ein paar „Querdenkern“ zu tun haben. Es gibt vermutlich eine ganze Reihe von Ländern auf dieser Welt, die diese Probleme sehr gerne hätten. Jana aus Kassel und andere Gestalten sind zwar auf ihre Art ein wenig penetrant und nervtötend, aber sie werden dieses Land auch nicht umbringen.

Schreit da gerade jemand: ABER DAS SIND DOCH ALLES NAZIS??!!

Schon wieder so ein Denkfehler, der in einer solchen aufgeheizten Stimmung schon mal vorkommt. Viele von denen sind zwar komplett diffus und für eine sachliche Argumentation kaum mehr erreichbar. Liest man aber diese Studie aus Basel, dann wird schnell klar: Man macht es sich etwas einfach, wenn man die alle in die Nazi-Ecke schieben will. Da sind eine Menge Grünen- und Linken-Wähler dabei.

Und wenn ihr mich fragt: Deformierte aus einer Wohlstandsgesellschaft, die tatsächlich glaubt, alles müsse immer prima laufen. Die sind natürlich dementsprechend irritiert, wenn sie mal mit der Realität konfrontiert werden. Realität, das ist dieses harte Zeug, das sich nicht darum schert, dass demnächst Weihnachten ist oder du deine Weh-Wehchen nur mit Globuli behandeln lassen willst.

Es sind also, erklärt mich gerne für verrückt, goldene Zeiten, in denen wir leben. 2020 war wie dieser eine blöde Montag in der Woche, den man am besten einfach vergisst und am Dienstag weitermacht.

Das schöne ist: Der Dienstag kommt sicher, das nächste Wochenende auch – und 2021 sowieso.

Lockdown-Tagebuch: Wir sind Jana!


Wir sind Jana!


Na gut, nicht wir alle. Aber weitaus mehr, als du glaubst. Jana, 22, aus Kassel, du weißt schon, das Mimöschen, das sich wie Sophie Scholl fühlt und beim ersten leichten Anflug von Gegenwind heulend, schmollend, beleidigt abgegangen ist, nicht ohne vorher das Mikro in die Ecke zu pfeffern. Die nordhessische Drama-Queen, das Gespött des ganzes Netzes. Jana aus Kassel, die deutsche Karen.


Es gibt allerdings auch: Armin aus Kassel. Und den bayerischen Unternehmer aus Kassel, der aber so herzerweichend unbekannt und unbedeutend ist, dass hier kein Name stehen soll. Beiden bin ich ungewollt begegnet im digitalen Raum, man kann so was leider nicht immer verhindern.


Armin aus Kassel ist in Wirklichkeit Ministerpräsident in NRW, weswegen man seinen Nachnamen Laschet gleich hinzufügen darf. Armin Laschet jedenfalls hat heute verlautbart, dass uns das härteste Weihnachten seit dem 2. Weltkrieg erwartet. Das ist lustig, fast so unfreiwillig lustig wie der Auftritt von Jammer-Jana.


Wenn meine Großeltern noch lebten, würden sie vermutlich ebenfalls lachen über Nachkriegs-Laschet, der zumindest die ersten 20 Weihnachten nach dem Kriegsende gar nicht oder nur auf dem Papier mitgekriegt hat. Wäre es anders, würde er nicht so einen Unfug erzählen.


Auf so was muss man auch erst mal kommen: Weihnachten in einem der reichsten Länder der Welt mit den „Festen“ eines zertrümmerten Landes zu vergleichen. Nur weil man nicht ganz so viel gemeinsam gefuttert und gesoffen werden kann. Armin ist jedenfalls auf der nach oben offenen Jana-Skala ziemlich weit oben.


Der bayerische Unternehmer hingegen machte es ein bisschen länger (er ist gelernter Journalist, muss man dazu wissen). Sein Lamento in wenigen Sätzen: Das Virus ist nicht gerecht, die Regierung ist nicht gerecht. Zwischendrin immer wieder überschwängliche Lobeshymnen und seine Mitarbeiter, sein Unternehmen und irgendwie auf sich selbst. Ganz viel Gesabber von Kämpfen und Zusammenstehen, es klang ein bisschen nach „Wir liegen zusammen im Schützengraben“, dabei geht es nur um ein kleines Virus. Am Ende dachte ich mir: Wow, neuer Weltrekord im hohlen Pathos!


Und am liebsten hätte ich ihm gesagt: Ja, nee – stimmt, das Virus ist nicht gerecht, weil sich das Virus einen Dreck um dein Genöle schert. Genauso wenig wie um das Gejammere von Jana und den Mumpitz von Armin aus Kassel. Gemessen an den großen Zeitläuften handelt es sich um eine völlig unbedeutende Episode, eine Pandemie. So was kommt vor. War nicht die Erste, wird nicht die Letzte sein.


Jana aus Kassel, Armin Laschet, der bayerische Unternehmer. Das passiert, wenn alles zusammenkommt. Maßlose Selbstüberhöhung, lustiges Anspruchsdenken (das Virus hat gefälligst gerecht zu sein!). Ein Totalverlust an Realismus. Jana fühlt sich wie Sophie Scholl, Schreihälse, die was nicht kapieren, verklären die eigene Ahnungslosigkeit zum „Querdenken“.


Und ein Ministerpräsident ruft mal eben die härtesten Weihnachten ever aus. Währenddessen, nebenbei bemerkt, die Aussicht wächst, dass wir irgendwann im nächsten Sommer wieder halbwegs so leben können wie früher und möglicherweise sogar an irgendeinem Strand liegen. Sofern uns der Widerstandskampf vorher nicht umgebracht hat und wir dieses mörderisch harte Weihnachten irgendwie überstanden haben.


Tja, so was passiert, wenn eine Gesellschaft völlig verhätschelt ist, degeneriert und das alles mit einem enormen Anspruchsdenken koppelt. Am Ende lebt sie in dem Gefühl, ein recht auf irgendwas zu haben, ohne etwas dafür zu tun zu müssen. Und dafür will sie größtmögliche Aufmerksamkeit (und verwechselt dabei regelmäßig Aufmerksamkeit mit Erfolg).


Und wenn das nicht klappt: Erklärt sie alle anderen für verrückt oder sich selbst zu Helden.