Bekenntnisse eines Langweilers

Die meiste Zeit habe ich wenigstens passabel gute Laune. Das macht mich zu einem eher langweiligen Menschen, befürchte ich. Richtig interessant sind die anderen. Die mit Depressionen, die Sich-Schuldig-Fühler, die Selbstzweifler. Aber die halbwegs gut gelaunten? Müssen entweder naiv oder etwas unterbelichtet sein. Außerdem: was erzählt man über jemanden, der gut gelaunt ist? Dass er immer gut gelaunt ist? Na bitte.

Schauen wir also zum Beweis in die aktuellen Ausgaben vom „SZ Magazin“ und vom „Zeit Magazin“, den beiden gedruckten Hochämtern aller, die etwas auf sich halten.

In der SZ: Dirk von Lowtzow, Diskursrocker. Der von den unangreifbaren „Tocotronic“. Der Mann, der so schöne Songtitel wie „Bitte oszilieren Sie“ oder „Im Zweifel für den Zweifel“ geschrieben hat.


Kann sich jemand gut gelaunte Tocotronic vorstelllen? Will jemand zu Tocotronic, um dort ausgelassen Party zu machen? Würde jemand Diskursrocker-Platten hören und Diskursrocker-Bücher lesen, wenn sie nicht in der Attitüde des Zweiflers mit gelegentlichen Anflügen zur Depression daherkämen?

Konter „Zeit Magazin“: eine Geschichte von und mit der aktuell unvermeidlichen Sophie Passmann. Frau Passmann lässt uns wissen, dass sie permanent an sich zweifelt. Das wiederum sei eine besonders wertvolle Gabe, weil, Sie ahnen es, diejenigen, die nicht an sich zweifeln, entweder dumm oder übertrieben selbstbewusst oder möglicherweise beides sind. Wir warten unterdessen auf Tocotronic feat. Sophie Passmann: Im Zweifel für den Zweifel.


Des Weiteren im Angebot: Eine Geschichte über eine Frau, die bei Twitter mit ihren Tweets über ihre Depressionen jeden Tag Tausende verzückt (ok, Twitter ist vermutlich auch genau der richtige Kanal dafür). Ist das nicht doll? Tägliche Tweets und dazu inzwischen ein ganzer Essayband über Depressionen!

Zurück noch mal zur „Zeit“, allerdings zur Hauptausgabe:

„Papa, fühlst du dich schuldig?“

„Ja, das ist ein Scheißgefühl.“

Das ist die Überschrift zu einer Unterhaltung im Familienkreis oder zumindest dessen, was man bei der „Zeit“ dafür hält. Über was man halt so spricht, beim Abendessen, wenn im Hintergrund dezent ein bisschen „Tocotronic“ läuft. Es geht um: Klimawandel. Papa fühlt sich wegen des Klimawandels schuldig und diskutiert das mit seinen Kindern, ganz im Ernst.

Die Kinder heißen übrigens Leevke und Luna.

Und jetzt weiß ich auch nicht genau, wie ich Ihnen das erklären soll, vermutlich werden Sie mich für einen ignoranten alten weißen Mann halten, aber:

Ich finde den Klimawandel nicht so gut, aber ich fühle mich nicht schuldig und gehe abends nicht mit einem Scheißgefühl ins Bett. Dafür unterstütze ich regelmäßig 4Ocean, ich hänge es nur nicht an die große Glocke.

Ich zweifle nicht übermäßig an mir.

Ich finde Tocotronic eher öde. Was „Bitte oszillieren Sie“ aussagen soll, weiß ich bis heute nicht genau.

Ich glaube, dass es viele Probleme auf der Welt zu lösen gibt, die man unbedingt und sofort angehen muss. Gendergerechte Sprache gehört für mich eher nicht dazu.

Ich habe früher Cowboy und Indianer gespielt und eine meiner Töchter ging mal als Prinzessin in den Fasching.

Und ich verehre heimlich Lemmy Kilmister.

Dessen Credo: Haltet euch fern von Idioten. Doch, so einfach ist das manchmal.

Der immer noch nicht gelaufene Marathon

Ja, schon klar, ich lasse mich besser nirgends mehr sehen. Alle Menschen in meinem Alter sind Marathon gelaufen. Meistens laufen sie lächelnd ins Ziel und posten das auf dem Facebook-Account (zu Instagram schafft man es in den Fünfzigern nicht mehr ohne Gesichtsverlust). Lauter Wunderwerke der Selbstdisziplinierung.

Und ich? Immer noch nix, obwohl ich immer wieder darüber nachgedacht habe. Das könnte daran liegen, dass ich es nie richtig versucht habe. Was wiederum damit zu tun hat, dass sich mir der Sinn eines solchen Unternehmens nicht erschlossen hat. Und das, obwohl ich Mitte 50 bin und es langsam besser wissen sollte. Marathon, da gehst du über deine eigenen Grenzen. Du wirst wieder fit wie früher und wachst morgens nicht mehr als gefühltes Halbwrack auf, sondern als deutsche Antwort auf George Clooney oder wenigstens Til Schweiger.

Kann aber auch sein, dass Mainstream noch nie meines war. Und der Marathon-Wahn ist der neue Mainstream unter uns Fünfzigern. Früher haben sie mit dem Porsche geprotzt, heute ist es der Marathon. Porsche ist spießig, Marathon ist hip. Möglichst bitte an exotischen Orten. Und wenn es dafür nicht reicht, dann wenigstens New York.

Faulheit? Kann auch sein. 42 Kilometer sind vermutlich über 50.000 Schritte, das alles auf hartem Untergrund, weil City-Marathons selten über weichen Waldboden führen. Und man muss sehr diszipliniert dafür trainieren. War auch noch nie meins, das wussten meine Lehrer schon.

Während ich das so schreibe, muss ich mich überwinden. Sehr sogar. Einzuräumen, dass man auf die Qualen eines Marathons schlichtweg keine Lust hat, du liebe Güte, das ist in etwa so, als würde ich liebend gerne Diesel 4 fahren, Gendersternchen doof finden und als Hobby Katzen quälen angeben. Keine Lust auf Disziplin, nach 10 Kilometern laufen schon aufhören wollen? Wenn das ein potenzieller Arbeitgeber lesen würde, ich könnte meine Bewerbung auch gleich in die Tonne treten. Gut, dass ich aus dem Alter für Bewerbungen bei Arbeitgebern raus bin.

Und außerdem finde ich, dass wir Fünfziger uns das verdient haben. Wir haben Jahrzehnte gearbeitet, sind brav jedem Lifestyle hinterhergerannt, haben uns redlich bemüht, nicht alt und langweilig zu werden.

Würde ich jetzt einen Marathon laufen wollen, wüsste ich, dass es so weit ist: Der Mainstream hat mich eingeholt und ich werde alt und langweilig.

Und was ist mit Zwillingsbruder Winnetatsch?

Und nun die Nachrichten der letzten Faschingstage:

In Hamburg hat eine Kita den Eltern nahegelegt, ihre Kinder nicht als Indianer oder Scheich zu verkleiden. Das fördere möglicherweise Diskriminierung oder Vorurteile. Ausdrücklich gut geheißen werden Jungs als Meerjungmänner und Mädchen als Piratinnen.

In Köln hat ein Karnevalist Witze über Doppelnamen gemacht. Eine Frau mit Doppelnamen hat ihn dabei erst ausgepfiffen und dann auf der Bühne erklärt, warum Witze mit Doppelnamen doof sind.

Die Bundesrepublik diskutiert als wichtigstes Thema gerade, ob der Latte-Macchiato-Witz von Annegret Kramp-Karrenbauer demokratiegefährdend ist. Kramp-Karrenbauer spielt übrigens auch eine Rolle in der Doppelnamen-Geschichte (siehe oben).

Der über 50-jährige in mir denkt sich leise ein amüsiertes „Wenn es sonst keine Probleme gibt …“, weiß aber auch, dass er, falls er den Gedanken laut äußern sollte, mit hoher Wahrscheinlichkeit als „alter weißer Mann“ bezeichnet wird, der er zweifelsohne ist, was aber mutmaßlich nicht als bloße Feststellung, sondern als handfeste Beleidigung gedacht ist.

Darüber wiederum könnte man sich als Mittfünfziger prächtig aufregen, wie über den Meerjungmänner-Kram auch. Zu den Segnungen des Mittfünfzigertums gehört aber auch, dass man nicht mehr über jedes Stöckchen springen muss und dass man Meerjungmänner und Piratinnen einfach mal gut sein lassen kann.

Es wird sich eh viel zu viel aufgeregt, vermutlich übrigens über Dinge, die der Aufregung kaum wert sind.

Was mir trotzdem gerade einfällt: War Bully Herbigs „Schuh des Manitu“ nicht eine unfassbare Diskriminierung und Bedienung von Vorurteilen und müsste man deshalb Szenen wie diese nicht sofort von YouTube löschen?

Und: Vor gefühlten hunderten Jahren habe ich in einem Interview die damalige Ministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger gefragt, wie um Himmels willen man den Namen Leutheusser-Schnarrenberger in eine handelsübliche Überschrift bekommen soll? Frau Ministerin hat gelacht und gemeint, ihr sei alles recht. Hauptsache, man schreibe nicht „Schnarri“.

Und das war es dann auch schon.

Wie mir Neuntklässler mit Milka, Blumen und Konfetti eine echte Lektion verpasst haben

Am Wochenende hat meine Frau Geburtstag gehabt. Das ist an sich eine schöne Sache, wenn nur die Geschichte mit dem Schenken nicht wäre. Nicht, dass ich ihr nicht liebend gerne etwas schenke. Aber, wenn man ehrlich ist: Es gibt in unserem Alter kaum etwas, was man nicht hat. Und die Dinge, die man bisher nicht hat, die braucht man jetzt auch nicht mehr. First-World-Problems, ich weiß. Zumal es bei Geschenken schon lange nicht mehr darum geht, ob man etwas braucht.

Dagegen die Klasse meiner Frau, diese Klasse, die ich bekanntermaßen ziemlich sensationell finde, weil sie mir regelmäßig Lektionen erteilt. Die hat sich für den Geburtstag ihrer Lehrerin etwas einfallen lassen. Nicht, weil sie gemusst hätten, Sondern weil sie es einfach wollten.

Nur zum Geraderücken der Relation: Ich habe nie in meinem ganzen Schülerleben einem Lehrer etwas geschenkt. Ich wäre nicht mal auf den Gedanken gekommen. Wenn ich mich richtig erinnere, dann auch der Rest der Klasse nicht. Lehrer dürfen froh sein, wenn Schüler im Teenager-Alter nicht für komplett aus der Zeit gefallen halten, mehr Kompliment geht nicht.

Dagegen das hier! Alleine diese Begrüßung: Sie macht die Klassentür auf, marschiert durch einen Konfetti-Regen, Luftballons und Luftschlangen, blickt auf die Tafel, entdeckt dort den kollektiven Klassen-Geburtstags-Glückwunsch:

Dabei bleibt es nicht, obwohl, ich sag es gerne noch mal: Ich wäre in tausend Jahren als Schüler nicht auf die Idee gekommen, für Lehrer mühevoll das Klassenzimmer zu dekorieren. Nein, stattdessen gibt es: eine Karte. Blumen. Schokolade. Selbstgebasteltes. Ein Parfum. Noch mal Blumen. 15 und 16jährige Neuntklässler einer Mittelschule, die ganz bestimmt nicht zu Mama und Papa sagen: Gib mir mal Geld, wir wollen unserer Lehrerin was zum Geburtstag kaufen.

Und währenddessen sitze ich hier, denke mir, dass die Kids vermutlich keine Ahnung haben, wie toll sie sind, finde plötzlich, dass umgekehrt unsere saturierte Erwachsenenwelt in der gehobenen Mittelklasse ziemlich erbärmlich ist.

Wir schenken uns Gutscheine. Und gratulieren per WhatsApp. Oder via Facebook, was gleich noch mal eine Runde jämmerlicher ist.

Ich habe so was noch nie bekommen. Wie auch, ich bin Journalist und Berater und manchmal auch Autor und in all diesen Funktionen zudem viel im sozialen Netz unterwegs. Und erwachsen. Da darf man um jeden Tag froh sein, an dem man einem ausgewachsenen Shitstorm entgeht.

Man muss dafür dringend darauf achten, nie etwas Falsches zu sagen, zu schreiben, zu fotografieren, weil: Unsere Welt ist streng, nimmt sich selbst sehr wichtig, ist immer überaus korrekt und gleichzeitig gnadenlos im Verurteilen und in der Besserwisserei.

Vielleicht wären Milka und Blumen und Konfetti bei uns ja auch eine gute Idee, ab und zu wenigstens.

Ich habe meiner Frau dann natürlich auch etwas geschenkt. Ich persönlich finde es schön, meine Frau auch (sagt sie wenigstens).

Ich glaube trotzdem, dass mir ihre Schüler mal wieder weit überlegen waren. Eine echte Lektion. Danke, Kids.

Ein Loblied auf alte, weiße Männer (und ihre grandiosen Frauen)

Jaja, ich weiß: wir weißen, alten Männer. Schuld an allem. Dauersabbernd, Schlechtwitzreißer. Übergriffig, selbstverliebt, unsensibel. Noch irgendwas vergessen? Bestimmt. Fassen wir es also zusammen: Wenn es irgendwas gibt, was gerade blöd läuft, einfach auf uns abladen. Der Widerspruch wird gering sein. Schon alleine deswegen, weil wir uns gar nicht mehr trauen zu widersprechen, weil es sonst heißen würde: typisch weißer alter Mann! Reicht es, wenn wir uns in Luft auflösen?

Jetzt, so stellt eine schlaue Autorin in der NZZ fest, betrifft uns auch noch ein Phänomen, über das sonst nur Frauen über 50 klagen. Wir werden unsichtbar. Zumindest für jüngere Generationen und da wieder in erster Linie für jüngere Frauen. Die schauen, heißt es da, meistens angeekelt weg, wenn sie von uns angeschaut werden. Was nachvollziehbar ist. Wer will schon gerne von einem sabbernden weißen alten Mann angesehen werden?

Alter weißer Mann. Symbolbild (Foto: Pixabay)

Einer aus unserer Generation wird im Text so zitiert:  «Man bekommt im Alter nicht einmal die Chance, zu zeigen, dass man nicht ist wie all die anderen, deren Gier die Frauen jeden Tag begegnen. Es gibt keine Möglichkeit, nicht als lüstern wahrgenommen zu werden, weil jeder Blick ihnen als Bestätigung ihres Ekels gilt.» Unausgesprochen würden ihm die Frauen unterstellen, etwas von ihnen zu wollen oder gleich über sie herzufallen – als hätte er ihre Beachtung nötig.

Mag sein. Aber das ist aktuell kein Problem von uns alten weißen Männern mehr. Höchstens, dass sich das grundsätzliche Problem noch ein bisschen verschärft. Ein Mann, der Frauen offensiv anschaut, ist schon schlimm. Ein alter (weißer) Mann, der so was macht, ist eine Vollkatastrophe.

Trotzdem würde ich gerne was loswerden. Zwei Sachen sogar.

Das Erste: Ich sag das gerne der 16-jährigen daheim, wenn es um das manchmal nicht ganz einfache Verhältnis zwischen den Generationen geht. Klar können Teenager uns Alte doof finden. Vor allem dann, wenn wir ihre Eltern sind. Sie sollten dabei aber immer in Erwägung ziehen, dass es umgekehrt auch so sein könnte. Teenager sind manchmal die Hölle. Das Doof-Finden funktioniert auch in die umgekehrte Richtung.

Bevor also eine Frau irgendwo in den Zwanzigern meint, wir müssten junge Frauen toll finden, weil sie jung sind: Denkt darüber nach, ob wir euch nicht auch einfach langweilig finden könnten. Vor allem wegen meiner eigenen Frau würde ich hier an dieser Stelle gerne ein gigantisches Loblied auf Frauen deutlich jenseits dieser 20somewhat singen.

Meine Frau ist eine Frau. Eine echt tolle und eine richtige vor allem. Ganz ehrlich. Zu den übelsten Dingen, die man uns Männern jenseits der 40 oder (in meinem Fall) 50 nachsagt ist, wir würden junge Frauen generell toll finden. Alleine deswegen, weil sie jung sind. Das ist nebenher auch noch eine fatale Beleidigung aller Frauen über 40. Also, Mädels irgendwo in den Zwanzigern: Zieht in Erwägung, dass wir Alte euch genauso doof finden könnten wie ihr uns.

Und zweitens: Ich schau mir gerne Leute an. Frauen genauso gerne wie Männer. Nein, nicht sabbernd. Ich habe unlängst in München einen Typen gesehen, bei dem ich mir dachte: interessantes Konzept. Das denke ich mir manchmal auch bei Frauen, bei jungen und alten gleichermaßen. Ich schaue mir gerne Menschen an, weil ich sie generell interessant finde.

Selbstverständlich stiere ich sie nicht an, im Normalfall ist mein Interesse an einer Person, der ich flüchtig begegne, schnell wieder vorbei. Ich würde trotzdem gerne weiter Menschen anschauen können, ohne mir wie ein Sittenstrolch vorzukommen. Ich finde es ja schon absurd genug, dass ein derart simpler Vorgang gerne in die Geschlechterdebatte eingebracht und neuerdings auch unter Altersvorbehalt gestellt wird. Alter, weißer Mann schaut sich Menschen an, womöglich auch noch Frauen? Aufschrei!

Selbstverständlich dürfen Sie mich total doof finden. Aus einer ganzen Reihe von Gründen. Nur, dass ich alt, weiß und männlich bin, das sind die blödesten Gründe, die man sich denken kann.

Der Schnee, der Habeck und andere Nichtigkeiten

Eine Katastrophenwoche, ich sage es euch! Wir sind umzingelt von Naturkatastrophen, unfähigen Politikern und überhaupt einer Welt, die irre geworden ist. Habeck beispielsweise, ja genau: der twitterlose Habeck! Will irgendwann Regierungsverantwortung übernehmen und rennt weg beim ersten lauen Social-Media-Lüftchen!

Und dann erst der Winter, dieser Winter!

So könnte ich weitermachen, mit ordentlich Schaum vor dem Mund und der Verwendung von Ausrufezeichen im Text, die ungefähr das Adäquat zum Schaum vor dem Mund ist.

Aber soll ich euch was sagen? Je mehr ich mich in mein sechstes Lebensjahrzehnt hineinbewege, desto entspannter sehe ich das alles. Nee, nicht so im Sinne von: Mir ist alles wurscht! Mir ist nur wurscht, was nicht von Belang ist. Schnee im Winter beispielsweise. Das ist absolut nicht von Belang. Ob Habeck twittert oder nicht, dagegen ist sogar der Schnee ein abendfüllendes Thema.

Schon klar, ich weiß: In diesen vollidigitalisierten Zeiten geht das mit der Aufregung ganz schnell. Alle sind immer aufgeregt. Ständige Dauerempörung auf allen Kanälen, da kann man gar nicht anders, als sie als einfach ermüdend zu finden.

Vermutlich gibt es in diesem meinem Alter nur zwei Möglichkeiten. Entweder man wird von buddhistischer Gelassenheit, man muss ja nicht gleich die optische Anmutung von Helmut Kohl übernehmen. Oder man wird zu einem dieser älteren, wütenden und meistens weißen Männern, die sich so in ihren Verfolgungswahn hineinsteigern, dass ihnen am Ende nichts anderes übrig bleibt, als Gauland, Weidel und Storch als die letzte verbliebene Möglichkeit zur Rettung des Abendlandes und seiner selbst zu sehen. Weil das aber keine Alternative sein kann, weder für Deutschland noch für einen selbst, empfiehlt sich die Sache mit der Gelassenheit.

Was im Grunde ganz einfach ist. Weil es fast nichts mehr gibt, was wir älteren Menschen nicht schon mal gesehen haben. Chaos-Winter? Zum Fiepsen. Ich konnte mal als Kind zwei Wochen nicht zur Schule gehen, weil wir erstens aus unseren eingeschneiten Käffern nicht mehr rauskamen und weil zweitens die Schulen eh alle zu waren. Habeck will nicht mehr twittern? So what, in der persönlichen Bedeutungsskala ist das schon jetzt kaum mehr auffindbar und am Ende des Jahres 2019 findet sich das in keinem Jahresrückblick wieder. Und schau an, schon fühlt sich das ganze Leben ein bisschen leichter an. Wenn man erst mal begriffen hat, dass das allermeiste und gottseidank auch die Allermeisten (Menschen) und auch man selbst nur vorübergehende Phänomene sind: Ich bin 54, nein eigentlich 18 und kaum etwas könnte mir egaler sein als Schnee.


Heute ist mein 18. Geburtstag

Ich habe heute Geburtstag. Der Kalender will mir einreden, es sei mein 54. Aber das ist absoluter Unsinn. Tatsächlich ist es mein 18. Geburtstag. Glauben Sie nicht? Ist aber so, ganz im Ernst.  

Die 16-Jährige daheim hat mich unlängst mit der Feststellung beglückt, mein Leben sei ja bald vorbei, während ihres erst so richtig losgehe. Ich vermute, sie meinte das nicht böse. Sondern eher als Feststellung, die grundsätzlich nicht von der Hand zu weisen ist.

Tatsächlich fällt Menschen in den 50ern ihres Lebens irgendwann auf, wie sich die eigenen Grenzen nach hinten verschieben. Man hat den 60. Geburtstag im Auge, weil man ja erst ab diesem Tag wirklich alt ist. Oder halt, nehmen wir den 65. Das ist Rentenalter und ab dann gehört man zu den Senioren. Und wenn wir schon dabei sind, können wir das auch gleich auf den 70. verschieben. 70, das ist ok, ab da ist man alt. Was den Vorteil mit sich bringt, dass man bis dahin noch etwas Zeit hat.

Alt, das sind immer nur die anderen.

Ich gebe zu, mich bis zum heutigen Tag mit solchen Gedankenkonstrukten über Wasser gehalten zu haben. Was leidlich funktioniert hat, der Mensch ist schließlich in nichts so gut wie im gepflegten Selbstbetrug.

Inzwischen bin ich also laut Kalender 54. Das ist insofern ungünstig, weil der Abstand zu ersten Alters-Brandmauer geringer wird und man ja weiß, was sechs Jahre sind. Gemessen an dem, wie schnell die Zeit vergeht: nix.

Weswegen ich beschlossen habe, jetzt erst mal meinen 18. Geburtstag zu feiern. Endlich volljährig und erwachsen, wenn das mal kein Grund für eine geile Party ist! Der Gedanke ist übrigens nicht so abwegig, wie Sie jetzt möglicherweise annehmen. Männer werden nämlich erst mit 54 so richtig erwachsen. Habe ich jetzt gelesen, ganz im Ernst. Hat irgendeine Studie ergeben. Gut, das muss nichts bedeuten, weil jeden Tag Studien auf den Markt kommen, die irgendwas behaupten. Meistens ist es das, was die Auftraggeber lesen wollen. Ob das auch für Frauen gilt, weiß ich nicht, ich glaube aber nicht. Frauen sind immer schon reifer gewesen als Männer. Da wäre es ein Witz, würden sie erst mit 54 erwachsen.

Wir Männer hingegen sind echte Spätzünder. Das wissen wir im Grunde seit der Pubertät, in der es damit losging, dass uns die Mädchen immer ein gutes Stück voraus waren. Daran ändert sich nicht viel, nicht mal dann, wenn wir 40 sind. Mit 40 sind wir immer noch verunsicherte Hosenscheißer. Schreibt zumindest diese Studie, auch wenn sie es eleganter formuliert. Bis wir 54 werden, plagen uns Ängste. Vor sozialem Abstieg, davor, nie eine gescheite Frau zu finden, vor Übergewicht und Haarausfall. Das ist eine ziemlich lange Zeitspanne, in den meisten Fällen über die Hälfte des Lebens.

Mit 54 ändert sich das. Ich habe keine Ahnung, wieso ausgerechnet mit 54. Ich weiß auch nicht, wie sich das bemerkbar macht und was die Gründe dafür sind. Vielleicht sind uns Übergewicht und Haarausfall einfach egal, was in einigen Fällen daran liegen könnte, dass eh nichts mehr zu retten ist. 

Man könnte aus diesem neu erwachten Pragmatismus aber auch was mitnehmen. Nicht nur, dass man ein Reframing vornimmt, wie Design Thinker das nennen würden. Nicht sich also einfach nur vornehmen, den 54. Geburtstag zum 18. umzufirmieren. Sondern das tatsächlich mit Konsequenzen: sich also fühlen und benehmen wie ein junger Erwachsener, der gerade den Stress der Pubertät hinter sich gelassen hat, endlich vernünftig zu leben beginnt und das mit allen Freiheiten und Energien, die man mit 18 so hat (ideralerweise aber nicht mit dem Verstand eines 18jährigen, da ist man mit dem Hirn eines mittelalten Mannes deutlich besser dran).

Ganz davon abgesehen habe ich vor kurzem noch eine Studie gelesen (man liest viele Studien in meinem Alter, müssen Sie wissen). Demnach hat man mit Bewohnern eines Seniorenheims einen Versuch unternommen, in dem sie als Erstes ihr Alter vergessen sollten.  Im zweiten Schritt sollten sie sich zurückversetzen in die Zeit, in der sie jung waren. Dementsprechend hörten sie Musik aus dieser Zeit, sahen Schwarz-Weiß-Filme und setzten sich dem ganzen neuen Kram nicht mehr aus. Warum auch der Stress, wenn man nicht mag?

Und was kam heraus? Mit den betagten Herrschaften ging es schnell und spürbar aufwärts, sogar von Fremden wurden sie im Schnitt schnell für ein paar Jahre jünger geschätzt, als sie tatsächlich waren.

Deshalb: Danke für die Glückwünsche zum 18.! Endlich erwachsen, endlich tun und lassen können, was einem gefällt. Hat ja auch lange genug gedauert.

Höchste Zeit, nichts mehr zu versäumen!

Für immer Harley!

An einem frühen Spätsommermorgen in Kalifornien: Auch an solchen Tagen hat es im Landesinneren immer noch gute 30 Grad und es ist staubtrocken. An einem solchem Morgen also sitzen wir in einer von vermutlich Milliarden „Dennys“-Filialen, einem klassischen amerikanischen Frühstückdinner, der exakt so aussieht wie die anderen Milliarden Filialen.

Bakersfield , CA, 2018. (Foto: Jakubetz)
Bakersfield ,CA, 2018. (Foto: Jakubetz)

Das Tolle an Amerika ist ja: Es ist völlig egal, ob du irgendwo durch Ohio gondelst oder durch Kalifornien, die Liebe der Amerikaner zum Filialsystem sorgt für ein paar Konstanten bei einem Roadtrip. Man weiß zum Beispiel immer, wo man zuverlässig ein ordentliches Frühstück herbekommt. 

An diesem Morgen also beim „Dennys“ sitzen wir am Fenster an einem „Booth“, diesen Bänken, wie es sie nur in den USA gibt und die man aus unzähligen Filmen und Serien kennt. Plötzlich ein Knattern, ach was: ein gediegenes Röhren. Zwei Harleys biegen um die Ecke. Sie sehen aus, wie Harleys nun mal aussehen. Sehr breit, sehr verchromt, sehr amerikanisch. Auch die Fahrer entsprechen nahezu jedem denkbaren Klischee. Außer einem: Der Fahrer und die Fahrerin auf ihren beiden Maschinen waren erkennbar – irgendwas um die 70. Lange graue Haare beide, er mit langem grauen Bart. Beide in Jeans-Montur und Stiefeln. Da staunt der 50jährige aus dem biederen Deutschland etwas und fragt nach bei den beiden: Warum fahrt ihr immer noch Harley? Oder schon wieder?

Dieser Text ist quasi ein Kerngedanke. Die Grundlage der Fortsetzung des „40jährigen, der aus dem Golf stieg und verschwand“. Ein paar Überlegungen zum alt werden. Also, zum richtig alt werden. Nicht dieser Midlife-Crisis-Kinderkram von 40jährigen. Ich hoffe, das gute Stück wird 2019 fertig und ich hoffe, ihr begleitet es wieder mit vielen Anregungen und Kommentaren. Wenn es dann auch noch jemand kauft, bin ich glücklich.

Die beiden starren mich an, als wenn ich etwas Obszönes gesagt hätte und für einen Moment komme ich mir auch genauso vor. Warum nicht, knarzt der männliche Teil des Harley-Duos. Mit der Zeit, als sie bemerken, dass mein Interesse ein aufrechtes ist und ich sie keineswegs für zwei wunderliche Gestalten halte, werden sie mitteilsamer: Davon abgesehen, dass beide ihr Leben als Arbeiter bei Harley verbracht haben, sei Harley ein Lebensgefühl. Eines, das viel mit Freiheit zu tun hat. Eines, das bedeutet: Irgendwann morgens steht man auf, schwingt sich beim ewigen kalfifornischen Sonnenschein auf die Maschine, dreht ein paar Runden, geht zum Frühstück in den Diner und dann dreht man wieder ein paar Runden und dann wird man schon sehen, was der Tag noch so bringt. Im schlechtesten Fall bringt er nur ein paar Harley-Runden in der Sonne Kaliforniens. Es gibt, denke ich mir, deutlich schlechtere Möglichkeiten, seinen Tag zu verbringen.

Im gleichen Moment denke ich an viele Altersgenossen (und natürlich auch an ältere Menschen, beispielsweise jenseits der 60 oder 70). Ich überlege, wie viele es in meinem Dunstkreis gibt, die sinnbildlich gesehen ihren Tag mit Harley-Fahren verbringen oder es jemals tun werden.

Mir fallen auf den ersten und auf den zweiten Blick nicht viele sein. Stattdessen: Menschen, die sich anscheinend zum Ziel gesetzt haben, sich und ihre Umgebung zu Tode zu langweilen.

Ich mag übrigens keine Harley, ich mag Motorräder ohnehin nicht sonderlich.  Aber den Rest des Lebens Harley-Fahren, das halte ich plötzlich für einen ziemlich guten Vorsatz. 

Der 50jährige, der immer noch keinen Marathon lief

Der folgende Text ist quasi ein Kerngedanke. Die Grundlage der Fortsetzung des „40jährigen, der aus dem Golf stieg und verschwand“. Ein paar Überlegungen zum alt werden. Also, zum richtig alt werden. Nicht dieser Midlife-Crisis-Kinderkram von 40jährigen. Ich hoffe, das gute Stück wird 2019 fertig und ich hoffe, ihr begleitet es wieder mit vielen Anregungen und Kommentaren. Wenn es dann auch noch jemand kauft, bin ich glücklich. Buchtitel: siehe Überschrift!

Spätestens, wenn sie dir unaufgefordert so eine Speisekarte hinlegen, musst du dir Gedanken machen…

Reden wir mal kurz über den Tod. Ich weiß, das ist kein sonderlich erfreulicher Einstieg für ein Buch. Schon gar nicht für eines, das sich potentiell an Menschen richtet, die, formulieren wir es vorsichtig, in den besten Jahren stehen. In der zweiten Hälfte des Lebens stehen, der TV-Zielgruppe (die endet mit 49) vielleicht gerade entkommen sind.

Trotzdem: Es macht sehr zufrieden und glücklich, über den Tod nachzudenken. Man sollte das fünfmal am Tag tun, heißt es. Zumindest soll das eine Weisheit sein. Keine Ahnung, ob das stimmt. Aber es hat sich gut angehört, weswegen ich mir eine App aufs Handy gezogen habe, die mich seit neuestem fünfmal am Tag an meine Mortabilität erinnert, mit Zitaten, Sinnsprüchen und ähnlichem Kram.

Und siehe da: Es funktioniert! Ein bisschen zumindest.

Weil das ja eigentlich einfach ist: Was Besseres als den Tod finden wir immer, wussten schon die Bremer Stadtmusikanten. Tatsächlich ist alles relativ: Gemessen an dem Gedanken, es könnte, nein: es wird alles mal vorbei sein, ist ein bisschen Verdruss wegen Kleinkram leicht zu ertragen. Das passt auch insofern weil gut, weil man gemessen an dieser unerfreulichen Perspektive auch alles andere leicht auszuhalten ist: quälende Mitmenschen, Regen im Hochsommer, Reden von Andrea Nahles und das Programm von SAT 1.

Man kann sich plötzlich sogar mit dem eigenen Dasein arrangieren. Ich selbst beispielsweise führe eine ausgesprochen mittelmäßige Existenz.

 Auf dem Weg zum weißen, alten Mann

 Mit zunehmenden Alter werden auch die Fragen existentieller.Man wird dann beispielsweise heimgesucht von so sehr grundsätzlichen Überlegungen wie:

War früher alles besser?

Sind die anderen bekloppt oder doch ich selber?

Und kann man ein Leben mit pubertierenden Teenagern aushalten?

Alle drei Fragen laufen zu einer veritablen Sinnkrise zusammen,  wenn man sich mit pubertierende Teenies auseinandersetzen muss. Sie führen uns alles vor Augen, was man an dieser Welt eher zweifelhaft findet, zumindest ab einem gewissen Alter. Man fühlt sich Tag für Tag in der Ahnung bestätigt, dass es mit unserem Bildungssystem nicht zum Besten bestellt ist. Dass das unsere Eltern auch schon über uns gesagt haben und unsere Großeltern wiederum über unsere Eltern, stört diesen Gedankengang auch nicht weiter.

Trostspender: die sind noch viel älter und trotzdem gut drauf!

Fakt ist: Wir mussten ordentlich büffeln und sind die letzten Universalgelehrten dieses Planeten. Was danach kommt, wird weder für unsere Rente sorgen können noch für das eigene Auskommen. Es wird eine Generation sein, bei denen zwischenmenschliche Beziehungen keine Rolle mehr spielen, weil sie ausgelagert sind in irgendwelche blinkenden Netzwerke. Eine Generation, die keine eigene Kultur mehr hat, weil ihr Algorithmen und anderes Teufelszeug diktieren werden, was sie zu mögen haben in ihrer kleinen, dummen Filterblase. Und arbeiten wird auch niemand mehr, weil die Aufmerksamkeitsspanne maximal noch 15 Minuten reicht. Danach muss man erst mal einen Blick auf das Smartphone werfen, so wie Süchtige früher zur Zigarette gegriffen haben.

Das Schöne am Überschreiten von Altersgrenzen ist übrigens, so viel sei schnell eingeworfen, dass man sich hemmungslosen Kulturpessimismus leisten und ihn zudem als lebenserfahrungsbedingte Weisheit verkaufen kann.

Wenn man ein kleines bisschen ehrlicher zu sich selbst ist, muss man leider feststellen, dass der wunderbar bösartige SZ-Chefredakteur Kurt Kister recht hat mit seiner Feststellung, der Übergang vom chefdynamischen Entscheidungsträger zum alten, weißen Mann sei fließend.  Fließend, und leider auch: brutal. So schnell kann man gar nichts schauen und die Kollegen, die unlängst noch respektvoll die Hacken zusammengekommen haben, belächeln dich. Eindeutiger Indikator: Wenn man plötzlich Sätze wie „In Ihrem Alter kann das schon mal passieren“ (und diverse Ausprägungen) hört, dann sollte man sich besser einem selbstkritischen Blick im Spiegel stellen.

Zwischen der Weisheit und der Weißheit des weißen, alten und manchmal auch bösen Mannes liegen nur marginale Unterschiede. Das ist es, was die Sache so kompliziert macht. Wann beginnt die Weisheit von jemanden, der nahezu alles gesehen hat, was es zu sehen gibt (wirklich alles im wörtlichen Sinn sieht man ja ohnehin nie)? Und wo wird man bockbeinig, lästig, besserwisserisch?

Bekannt ist jedenfalls das Phänomen der gefühlten Wahrheiten. Gefühlt zumindest, so viel ist sicher, mussten wir mehr lernen, hörten wir die bessere Musik, waren grundsätzlich besser, kritischer und engagierter drauf. Unsere Nach-Nachfolge-Generation nehmen wir dagegen eher als schluffig wahr. Das ist natürlich in diesen extremen Ausprägungen  Nonsens. Auf der anderen Seite ist leider aber auch nicht alles daran falsch. Und für das eigene Wohlbefinden zudem unerlässlich: Man will ja nicht mit ein paar Lebensjahrzehnten auf dem Buckel wie jemand dastehen, dessen gesamtes Leben in zwei Umzugskartons zu packen ist. Zumal man ja, nebenher gesprochen, zunehmend öfter über so existentielle Dinge nachdenkt wie beispielsweise darüber, ob man in diesen Lebensjahrzehnten etwas halbwegs Brauchbares auf die Beine gestellt hat. Und ob da noch irgendwas kommt, weswegen es sich wirklich lohnt, morgens aufzustehen.

Vermutlich, bei mir sogar: ganz sicher hat das seine Ursachen. Eine davon scheint mir so klar wie unzeitgemäß zu sein. Unzeitgemäß deswegen, weil man sich spätestens mit diesem Argument dem Verdacht aussetzt, In die unbelehrbare Früher-war-alles-besser-Fraktion gewechselt zu sein. Egal, ich schreibe es trotzdem mal auf. Ich glaube also tatsächlich sehr daran, dass unsere aktuell pubertierende Generation die erste ist, die sich schlichtweg nicht vorstellen kann, dass es auch anders sein könnte als es ist. Das ist der entscheidende Unterschied zu uns allmählich in die Jahre gekommenen. Natürlich sind wir Babyboomer ebenfalls im größtmöglichen Luxus aufgewachsen, zumindest gemessen an dem, was Generationen vor uns mitgemacht haben. Allerdings haben wir im Regelfall Großeltern und Eltern, die uns zumindest moralisch die Löffel langgezogen haben, in dem sie uns immer wieder ihre Geschichten erzählt haben. Und die bedeuteten, dass es nicht nur anders sein kann, sondern dass es so wahnsinnig lang nicht her ist, dass es auch anders war. Ganz anders.

Was aber sollen wir jetzt ernsthaft unseren Kids erzählen, ohne dass sie uns auslachen oder wenigstens für irre langweilig halten (und das auch noch mit einigem Recht)? Dass es vor 70 oder 80 Jahren sogar in Deutschland mal ungute Zeiten gegeben hat? Der Effekt solcher Erzählungen ist immer der Gleiche.

Man ist, erstens, der moralisierende, völlig aus der Zeit gefallene Typ, der man nie werden wollte, zudem man aber möglicherweise unweigerlich wird. Wir wären zwar gerne cool wie Obama, aber hey, seien wir ehrlich: Das bekommen wir nicht hin. Das sollte uns übrigens nicht zu sehr zu denken geben, weil die wenigsten von uns ja auch nicht US-Präsidenten werden. Und ob das so erstrebenswert ist, kann man angesichts der neuesten Entwicklungen ja auch bezweifeln. Die meisten von uns werden also mit zunehmenden Alter uncooler und ich verrate nicht Zuviel, wenn ich zugebe, dass es Menschen irgendwie zwischen den 40 und 50 gibt, bei deren merkwürdigen Alterserscheinungen ich inzwischen laut lachen muss, so irre sind die. Mache ich übrigens mit bestem Gewissen, weil ich mir sicher bin, dass das Urteil anderer Menschen über meine altersbedingten Macken ähnlich ungnädig ausfallen werden.

Zurück zu den Argumenten gegenüber den Kids, bei denen man zweitens festhalten muss, dass Moralisieren bestenfalls zu genervten Blicken auf das Smartphone führt. Kann man ja googlen, den Kram. Davon abgesehen hatte man das Thema im Geschichts-Unterricht nicht und außerdem ist das alles ohnehin viel zu abstrakt. Man hat ja heutzutage schon Schwierigkeiten damit, 15jährigen glaubhaft klar zu machen, dass es mal Zeiten ohne Internet gab und man selbst ohne Smartphone aufwuchs und ohne Navi Auto fuhr. Spätestens dann ist der Punkt erreicht, an dem man in den Augen des 15jährigen den Zustand der Totalvertrottelung erreicht hat. Schlimmer kann man es nur noch machen, wenn man danach noch anfängt, von der Musik seiner Jugend zu schwärmen.

Wieso muss ich jetzt eigentlich gerade an Campino denken? Campino, deutscher Schlagerpopsänger und früher mal so etwas ähnliches wie ein Punk. Der macht inzwischen Musik, die auf CDU-Parteitagen gespielt wird, komplett kompatibel zum massigsten Massengeschmack und so aufregend wie eine Herrentorte ist. Campino regt sich neuerdings über Satire auf und nennt Satiriker „cooles Arschloch, das sich nicht konstruktiv einbringt“. Das hätte ein Oberstudienrat eines beliebigen Provinz-Gymnasiums nicht schöner sagen können: konstruktiv einbringen! Was ja, nebenbei bemerkt, schon immer die Aufgabe des Satirikers war. Aber von diesem blühenden Unsinn abgesehen: Wann ist eigentlich aus dem Punk  ein boring  old fart geworden? Und warum ist diese Entwicklung eigentlich so zwangsläufig, wenn man nicht gerade Barack Obama ist? Selbst der Punk-Godfather Johnny Rotten ist inzwischen im britischen Dschungelcamp gesichtet worden. Ansonsten sitzt er irgendwo in Kalifornien, hat Sympathien für die US-Reubikaner und aus seinen ehemaligen Provokationen ist mittel-verwirrendes Gestammel geworden.

Reden wir erst einmal darüber, was man alles machen könnte: Man könnte sich mit 50 beispielsweise endlich eine vernünftige Location für Geburtstagsfeiern leisten. Nicht irgendeine Garage, in der erstmal die alten Winterreifen beiseite geräumt werden müssen. Oder ein Zelt vom örtlichen Verleih, das mühsam im Garten auf- und später und Flüchen wieder abgebaut wird. Man könnte sich das Auto kaufen, das man wirklich fahren will und den schrecklich mittelmäßigen und praktischen Kombi an die nächste Generation verkaufen, die sich so etwas ernsthaft antun will. Und dabei ein zufriedenes Lächeln aufsetzen, im Wissen, dass auch die nächste Generation der Wertstoffhof-Deutschen gesichert ist, während man selbst diese Generation verlässt. Man könnte zur personifizierten Coolness werden und sich ungefähr gar nicht darum kümmern, dass die 14jährigen Töchter das ganz und gar nicht für cool halten. Man könnte den ganzen Tag laut Musik hören, schlaue Bücher lesen, in Konzerte gehen.

Kurz gesagt: Wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund tot ist, könnte das echte Leben beginnen.

Leider müssen wir in diesem Zusammenhang auch darüber reden, wie sich diese Ansammlung von Man-müsste-eigentlich-Paradoxen gegenüber der Realität verhält. Und da, man ahnt es, stellt sich schnell heraus, dass wir auch als 50jährige eine Neigung haben, Dinge zu verschieben. Auf später irgendwann mal. Auf die Zeit nach 60 beispielsweise, wenn es dann wirklich auf so etwas wie einen Ruhestand zugeht. In dem wir dann merkwürdige Gefährte aller Art kaufen und gelegentlich sogar mal nutzen, Cabrios, Motorräder, Yachten und Privatjets beispielsweise. In dem wir dann endlich mal der Welt zeigen und sagen, was wir in Wirklichkeit von ihr halten (nur eingeschränkt viel) und nur noch für uns selbst da sind.

Man müsste allerdings vorher (schon wieder so ein Paradox) die Generation der 60jährigen fragen, wie viele Privatjets sie fliegen, wie viele Weltreisen sie unternommen und welche Tattoos sie sich stechen haben lassen. Weil man sich die Antwort leicht vorstellen kann, ahnt man auch, dass es keine gute Idee ist, das Ende des bisherigen Mittelklassewagen-Lebens nochmal um 10 Jahre zu verschieben.

Wie mir die Billigflieger den Spaß am Fliegen restlos versaut haben

Vor kurzem bin ich mal wieder geflogen. Ganz normal als Passagier in einer handelsüblichen Maschine. Das war etwas, worauf ich mich immer gefreut haben. Fliegen mag eine mittelgroße Sauerei sein, was die Umwelt angeht. Aber da war mein Ego immer größer. Ich will fliegen! Ich liebe dieses Gefühl, sich zurückzulehnen, der Maschine beim Start zuzuschauen, langsam in den Himmel zu entschweben und dann die Welt für eine Zeit von oben zu sehen. Und dazu all die kleinen Rituale: Orangensaft und Kaffee, auch wenn ich in dem Moment vielleicht gar keinen Orangensaft und Kaffee mag. Beim Fliegen muss das so sein, keine Ahnung warum.

Die Welt von oben. Es gibt ja eigentlich nichts Großartigeres. Es sei denn, du sitzt eingezwickt in den Reihen eines Billigfliegers. (Foto: Jakubetz)
Die Welt von oben. Es gibt ja eigentlich nichts Großartigeres. Es sei denn, du sitzt eingezwickt in den Reihen eines Billigfliegers. (Foto: Jakubetz)

Aber seit Neuestem habe ich keine Lust mehr auf Fliegen. Nicht, weil ich jetzt plötzlich mein Ego der Umwelt unterordnen würde. Sondern weil mir jemand den Spaß am Fliegen grundlegend versaut hat. Der Name des Ladens ist „EasyJet“, er gehört in die Kategorie der gruseligen sogenannten „Billigflieger“.

Und in der Tat: An dem Laden und seinem ganzen Drumherum ist alles, wirklich alles billig. Nicht verwechseln mit: preiswert. Oder kostengünstig. Das ist was anderes. Billig heißt: kostet nicht viel, ist sein Geld aber auch nicht wert. Dann lieber ein paar Euro mehr zahlen, Orangensaft bekommen und entspannt fliegen. (Bevor jemand fragt, ich hatte den Flug nicht selbst gebucht, ich würde in meinem Leben nicht auf eine solche Idee kommen).

Das Schlimme daran: Ich mochte früher das ganze drumherum des Fliegens. Ich sitze lieber an einem Flughafen rum als in einem zugigen Bahnhof. Ich mag das Rumbummeln vor dem Abflug. Meistens nehme ich noch irgendwas mit, auch wenn es dafür ebenfalls keinen echten Grund gibt. Ich mag das Einsteigen in die Maschine, ich schaue mir an, mit welchem Flugzeug-Typ ich fliege, lauter solche Dinge. Ich kann entspannt einsteigen, weil ich weiß, welchen Platz ich habe. Und die Schokoherzen von Air Berlin fehlen mir ernsthaft.

Aber EasyJet? Beim Abflug (in Wien und in Berlin) eingepfercht in einer ungemütlichen Betonhalle mit dem Charme einer Bushaltestelle. Kaum Sitzgelegenheiten, kalt, zugig, ungemütlich. Um mich rum (wenn ihr es politisch korrekt haben wollt, dann bitte spätestens jetzt aufhören zu lesen) lauter Leute, bei denen der Begriff „Billigflieger“ gleich nochmal eine neue Bedeutung bekommt. Das Fernbus-Publikum hat den Billigflieger gekapert.

Ich meine, ich habe nix gegen Fernbusse, außer, dass in ihnen das Reisen zur reinen Fortbewegung reduziert wird. So ist das auch mit EasyJet. Fliegen ist hier kein Reisen mehr, sondern reiner Transport. So schnell und billig wie möglich, dann muss man sich halt man ein bisschen zusammenzwicken, das geht schon für eine oder zwei Stunden.  Reservierte Plätze braucht auch kein Mensch und Orangensaft und Kaffee und halbwegs freundliches Bordpersonal auch nicht.

Nach eine Stunde steigst du dann aus aus einer solchen Fortbewegungs-Maschine. Gestresst und genervt, auch vom, ja, zugegeben, Publikum. Hey, Fliegen, das war mal ein Erlebnis, so aber ist es nur laut, hektisch, schmutzig, funktionell.

Bin übrigens in der letzten Zeit zunehmend mehr auf ICE und Bahn umgestiegen, was insofern ganz sinnvoll ist, weil da die Erwartungshaltung eher niedrig ist und man zwangsläufig kaum enttäuscht wird. Im Gegenteil, man freut sich ja schon, wenn der Zug keine Verspätung hat, keine umgekehrte Wagenreihung angezeigt wird und die Toiletten und Türen wenigstens teilweise nicht defekt sind. Das hat die Bahn in den letzten Wochen ein paar Mal halbwegs ordentlich hinbekommen.

Und schlimmer als eine Billigflieger-Wartehalle ist nicht mal der zugigste Bahnhof.